Alkohol, Nikotin, Glücksspiel, Medikamente, Cannabis, Stimulanzien: Die Suchtgefahr ist vielfältig und betrifft die gesamte Gesellschaft. In der letzten Senatssitzung vor der Abgeordnetenhauswahl wurde nun eine neue Strategie beschlossen, mit den individuellen Problemen und gesellschaftlichen Auswirkungen umzugehen. Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD) hatte das Papier vorgelegt.
Die Drogen- und Suchtlandschaft hat sich seit dem letzten Strategiepapier 1997 erheblich verändert: Online-Glücksspiel gab es beispielsweise damals noch gar nicht, Lachgas etablierte sich erst in den 2020ern. Die digitalen Medien ermöglichen dazu bessere Verfügbarkeit und neue Handelsmöglichkeiten, insbesondere für junge Menschen.
„Sucht entsteht nicht im luftleeren Raum und lässt sich nicht durch einzelne Maßnahmen verhindern oder lösen“, schreibt Czyborra in einer Pressemitteilung. „Mit der Berliner Weiterentwicklung des nationalen Modells sorgen wir dafür, dass Prävention, Hilfen, Schadensminimierung, soziale Teilhabe, gesellschaftliche Fragestellungen und staatliches Handeln in Zukunft zusammengedacht werden.“
Individuelles Leid und gesellschaftliche Kosten
Von 271 auf 294, zuletzt auf 300 jährlich: Es ist nicht allein die steigende Anzahl an Drogentoten, die die Hauptstadt in den letzten drei Jahren zu beklagen hat. Auch bei Sucht, die nicht akut zum Tod führt, sind neben der individuellen Leidensgeschichte auch die Angehörigen und das Gesundheitssystem belastet. Präventionsarbeit, Strafverfolgung, Justiz sowie der Produktivitätsverlust kosten den Staat Milliarden.
Auch im Alltag der Berliner ist das Thema stets präsent: Drogenbesteck auf dem Boden, Betrunkene in der U-Bahn, Drogendeals im Park. Das ist der sichtbare Teil, Spielsucht hingegen findet oft im Privaten statt.
Das bisher praktizierte Vier-Säulen-Modell setzt auf Prävention, Schadensminimierung, Beratung und Repression (Angebotsreduzierung und Strafverfolgung). Die Berliner Suchthilfestatistik verzeichnet für das Jahr 2024 über 21.000 ambulante Betreuungen.
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Suchterkrankungen als gesellschaftliche Herausforderung
Neu im vorgestellten Strategiepapier ist eine fünfte Säule: Gesamtgesellschaftliche Anliegen. So soll der individuelle Konsum und die Abhängigkeitserkrankung als Herausforderung für die Allgemeinheit betrachtet werden.
Entsprechend ist der Plan, „dass Politik und öffentliche Institutionen ebenso wie Wirtschaftsunternehmen, Arbeitgebende, zivilgesellschaftliche Organisationen und Einzelpersonen gemeinsam gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen schaffen.“ Auch Forschung und Öffentlichkeitsarbeit sollen gestärkt werden.
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Berliner Konsum deutlich über Bundesdurchschnitt
Anlass für die nun erneuerte Strategie ist nicht zuletzt der hohe Konsum in der Hauptstadt. Maßgebliche Kennzahl für die Drogenstatistik ist die 12-Monats-Prävalenz, also derjenige Anteil der Bevölkerung, der im Verlauf des letzten Jahres die entsprechende Substanz konsumiert hat. Teilweise wird auch die 30-Tage-Prävalenz einbezogen.
So lagen in allen Altersgruppen die Berliner Prävalenzwerte etwa von Tabak und Nikotin signifikant über dem Bundesdurchschnitt. Insbesondere wird Kokain und Crack in Berlin mehr als dreimal so häufig konsumiert wie im bundesdeutschen Vergleich (12-Monats-Prävalenz 5,0 Prozent zu 1,6 Prozent). Insgesamt gilt für illegale Drogen: Elf Prozent der Berliner haben im vergangenen Jahr mindestens einmal konsumiert, im Bund sind es nur 4,2 Prozent.
Auch der Cannabiskonsum der Berliner liegt mit 17,7 Prozent Jahres-Prävalenz deutlich über dem bundesdeutschen Vergleich (9,9 Prozent). Dagegen gab es entgegen voriger Warnungen keine Veränderung im berlinweiten Cannabiskonsum durch die Teillegalisierung 2024. Das geht aus einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung im März 2026 hervor.
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