9/11-Spezial

Leser erinnern sich an 9/11: „Meine Frau umarmte mich so fest wie nie zuvor“

Wir haben unsere Leser gebeten, uns ihre Erinnerungen an 9/11 zu schicken. Ein Leser hat uns geschrieben, der während des Terroranschlags in New York war.

Tomasz Kurianowicz Manolo Polap
5 Min
Der Terroranschlag auf das World Trade Center vom 11. September 2001 in New York

Der Terroranschlag auf das World Trade Center vom 11. September 2001 in New York

© AFP


In den Jahren von 1998 bis 2002 habe ich für ein großes New Yorker Ingenieur- und Architekturbüro gearbeitet. Und ungefähr neun Monate vor 9/11 schickte mein Boss mich als Berater für ein Projekt zur Port Authority, eine Agentur, die alle Flughäfen, Tunnel, Brücken, Häfen und Busterminals in der Metropolregion New York City verwaltet und deren Sitz im 73. Stock des World Trade Tower war. So ging ich täglich in mein neues Büro und ich konnte auch nach Monaten immer noch nicht mein Glück fassen, dass ich jeden Tag diesen unglaublichen Ausblick auf Manhattan, auf die Statue of Liberty und auf all die anderen Stadtteile und Sehenswürdigkeiten von New York genießen durfte.

Einen Tag vor dem Angriff bat mich ein Kollege, Dokumente im Hauptbüro in Midtown abzuholen und sie meinen Kollegen im Twin Tower zu überbringen. So geschah es, dass ich ausnahmsweise vor Arbeitsbeginn noch in die 42. Straße gefahren bin, um dort die Unterlagen abzuholen. Anschließend fuhr ich mit der U-Bahn Richtung Downtown, stieg Fulton Street aus und ärgerte mich zunächst darüber, dass die Menschenmassen sehr viel langsamer als sonst üblich den Weg über die schmalen Treppen nach draußen fanden.

Jeder Einzelne vor mir, der die letzte Treppenstufe erreichte, verharrte für einige Sekunden, um nach oben zu blicken. Ich verhielt mich nicht anders und begriff umgehend, was die Verzögerung verursachte. Ein Stockwerk im oberen Fünftel des vom ersten Flugzeug getroffenen Tower stand komplett in Flammen. Zu diesem Zeitpunkt sah ich jedoch noch nicht das gewaltige Loch, dass das erste Flugzeug auf der Rückseite in den Turm gerissen hatte.

Kurze Zeit später wurden wir alle, die mit mir auf Straße standen, Zeugen, wie die ersten Menschen aus den geborstenen Fenstern der obersten Stockwerke sprangen, die in Flammen standen. Panikartige Unruhe breitete sich unter den Menschen auf der Straße aus, Feuerwehrsirenen waren zu hören, die Polizei kam und forderte uns auf, diesen Bereich zu verlassen, um Platz für die Feuerwehrautos zu schaffen. Daraufhin drehte ich mich um und ging in Richtung U-Bahn-Eingang, als ich eine gigantische Explosion hörte. Die Druckwelle ließ die Fensterscheiben der Straßenläden wabern. Zu diesem Zeitpunkt nahm ich noch an, die Explosion sei durch das Feuer im ersten Tower verursacht worden. Erst später habe ich, wie alle anderen, begriffen, dass das zweite Flugzeug den zweiten Turm im 83. Stock traf. Kurz darauf teilte uns die Polizei mit, dass wir nicht mehr die U-Bahn benutzen sollten.

So lief ich mit den vielen anderen Richtung Midtown zum Büro meiner Frau in der 34th Street und der Park Avenue. Auf dem Weg dorthin haben einige Passanten hysterisch geschrien, dass wir angegriffen werden. Warum sie es geschrien haben, war mir zu diesem Zeitpunkt nach wie vor unerklärlich. Mir fehlten noch die Informationen, die die Menschheit vor den Bildschirmen schon hatten.

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Als ich von den Türmen etwas weiter entfernt war, konnte ich das riesige Loch in den Gebäuden sehen. Ich habe immer noch nicht verstanden, was in diesem Augenblick passierte. Das Mobilfunknetz war wegen der Überlast zusammengebrochen und ich konnte meiner Frau nicht mitteilen, dass es mir gut ging. Dies konnte ich ihr erst, als ich Chinatown erreichte und ein Münztelefon fand. Es bildete sich eine lange Schlange vor diesem Münztelefon, und alle haben nur diese vier Worte in den Hörer gesprochen: „I`m okay Honey!“, weil sie wussten, dass die vielen Menschen hinter ihnen in der Schlange auch diese Nachricht ihren Liebsten übermitteln wollten.

Meine Frau war wie jeder andere, der Familienangehörige oder Freunde hatte und der in Downtown arbeitete, erleichtert und überglücklich, mich am anderen Ende der Leitung zu hören, aber zugleich auch weiterhin betäubt, was sich an den Bildschirmen vor ihren Augen abspielte. Als ich im Büro meiner Frau in Midtown ankam, umarmte sie mich so fest wie nie zuvor und auch nie wieder danach. Sie war so unendlich erleichtert, mich wiederzusehen. Auch all ihre Kollegen und Kolleginnen, die wussten, dass ich im WTC arbeitete, freuten sich überschwänglich für ihre Kolleginnen und Kollegen, für mich, für sich alle. Diese Freude schwand schnell, als wir alle vor den Fernsehermonitoren mit ansahen mussten, wie die beiden Türme einstürzten. Wir waren total geschockt – in total disbelieve! Was ist gerade passiert?!

Trotz Schockstarre wollte ich meinen Kollegen im Hauptbüro mitteilen, dass es mir gut ging. Ich machte mich also auf den Weg zu meinem Büro in der 42. Straße. Dort angekommen, wurde ich sogar von Kollegen umarmt, von denen ich dies nie erwartet hätte. Meine Kollegen und Kolleginnen im 73. Stock haben alle den Angriff überlebt; ich habe mich mindestens genauso darüber gefreut, wie sich alle über meine Wiedersehen gefreut haben. Sie konnten über die vielen Treppenhäuser ins Freie gelangen; sie musste dabei allerdings Stockwerke queren, wenn ihnen der Weg im Treppenhaus versperrt war, um den Weg nach unten in einem anderen fortzusetzen. Als sie mir dies berichteten, konnte ich zwischen den Zeilen herauslesen, dass sie viele schreckliche Dinge gesehen haben, über die sie jedoch nicht sprechen möchten. Genauso wie meine Großmutter, die bei ihren Kriegserlebnissen nie wirklich ins Detail gehen wollte.

Die nächsten Tage erhielt ich von vielen, vielen Freunden und Bekannten unendlich viel Anteilnahme über die Geschehnisse am 11. September. Hierfür bin ich ihnen allen für immer und ewig unendlich dankbar.

Manolo Polap

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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