Musik

Berliner Musikfestival meldet Insolvenz an: „Destruktive Verwaltungsabläufe“?

Seit 2014 hat das XJazz von Kreuzberg aus gezeigt, dass Berlin als hippe Jazz-Stadt den Vergleich mit London nicht scheuen muss. Doch jetzt ist Schluss! Wieso?

6 Min
Ein Foto aus besseren Zeiten: das XJazz-Festival in seiner Ausgabe von 2023 im Festsaal Kreuzberg (Archivbild)

Ein Foto aus besseren Zeiten: das XJazz-Festival in seiner Ausgabe von 2023 im Festsaal Kreuzberg (Archivbild)

© Akim Karpach

Die XJazz Festival GmbH hat am 22. September 2026 beim Amtsgericht Charlottenburg die Eröffnung des Insolvenzverfahrens beantragt. So hat es Sebastian Studnitzky, Gründer und künstlerischer Leiter des Festivals, nun in einer persönlichen Stellungnahme bekannt gegeben. „Das XJazz-Festival 2026 ist abgesagt“, vermeldet Studnitzky, zudem Professor für Trompete an der Hochschule für Musik in Dresden.

Für die junge hippe Jazz-Szene Berlins dürfte das ein Schock sein – auch wenn das Aus des Festivals nicht ganz aus heiterem Himmel kommt. Denn eigentlich hatte das XJazz seit 2014 von Kreuzberg aus jährlich unter Beweis gestellt, dass Berlin als pulsierende Jazz-Stadt den Vergleich mit London, traditionell Europas Jazz-Metropole Nummer 1, nicht mehr zu scheuen brauchte.

Wesentlich stärker als beim anderen großen Jazz-Festival der Stadt, dem Jazzfest der Berliner Festspiele, suchte und fand man beim XJazz immer auch coole Schnittstellen zum HipHop, zum globalen Pop und zum Electro – für die Clubstadt Berlin ohnehin Teil ihres Markenkerns. Doch Förderchaos um das Festival gab es seit Jahren.

XJazz kritisiert Timing der Senatsverwaltung für Kultur

Das Abgeordnetenhaus habe den Wert des Festivals für Berlin eigentlich erkannt, so sieht es Studnitzky – und ihm über den Landeshaushalt Planungssicherheit geben wollen. Die entsprechenden Mittel wurden der Senatsverwaltung für Kultur zugewiesen.

Doch genau dort sieht Studnitzky die Fehlerquelle: Die Kulturverwaltung, so seine Kritik, habe die Förderung des Festivals seit Jahren jeweils immer erst so spät verbindlich bestätigt, dass die Planungen erheblich erschwert worden seien.

„Nach einer kurzfristigen Förderabsage im Frühjahr, deren Folgen wir nur unter erheblichem privaten Einsatz auffangen konnten“, schreibt Studnitzky, „verständigten wir uns mit der Verwaltung auf eine einmalige Verschiebung des Festivals in den Herbst – ausdrücklich, um mehr Zeit für Prüfung, Bearbeitung und Bescheid zu schaffen.“ Im Juni 2026 sei die Förderung im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses  zugesagt worden.

Doch nun, fünf Wochen vor Beginn, folgte trotz „der vollständig durchgeplanten Ausgabe“ die erneute Ablehnung: „Warum die im Mai eingereichten Unterlagen bis dahin nicht abschließend bearbeitet waren, ist uns bis heute nicht mitgeteilt worden“, schreibt Studnitzky. Künstlerverträge samt Reisen mussten ihm zufolge sechs bis neun Monate im Voraus verbindlich geschlossen werden.

„Bitter für uns, für die Künstler, für das Publikum“

Und auch das internationale Publikum buche Tickets, Flüge und Hotels mit entsprechendem Vorlauf. „Der Förderantrag wird dagegen erst bearbeitet, wenn das Festival längst in der Umsetzung ist“, mahnt Studnitzky an. Verbindliche Bescheide seien in der Vergangenheit teilweise erst wenige Tage vor dem Festival bei ihm eingetroffen. „Diese Lücke haben wir über Jahre mit privaten Mitteln, unbezahlter Arbeit und persönlichem Risiko finanziert.“

Die Finanzierungslücke, die jetzt durch die kurzfristige Absage entstanden ist, sei jedoch nicht mehr zu schließen gewesen. Seit 2013 hat Studnitzky gemeinsam mit den anderen Gesellschaftern eigenen Angaben zufolge „überwiegend ehrenamtliche Arbeit und beträchtliche private Mittel“ investiert, um das XJazz-Festival aufzubauen und in den letzten Jahren, trotz der aus seiner Sicht „destruktiven Verwaltungsabläufe“, am Leben zu halten.

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„Dass ein Festival, das die Politik bewusst in den Haushalt aufgenommen hat, am Ende Insolvenz anmelden muss, weil die Prüfung des Antrags auch nach der eigens dafür vereinbarten Verschiebung nicht rechtzeitig abgeschlossen wurde, ist bitter“, schreibt Studnitzky, „für uns, für die Künstlerinnen und Künstler und für das Publikum.“

Hoffnungen setzt Studnitzky indes in die zukünftige Berliner Landesregierung: Er plädiert für „Förderinstrumente, die Kulturschaffende als Partner behandeln“, deren Fristen und Vorlaufzeiten zur Produktionsrealität passen und die „so entbürokratisiert sind, dass es nicht zu solchen Verfahrensstaus kommt“.

Senatsverwaltung kontert XJazz: „Unregelmäßigkeiten“

In der aktuell CDU-geführten Senatsverwaltung für Kultur sieht man die Causa etwas anders. Das XJazz sei ein bedeutendes Festival für Berlin und für die internationale Jazzszene, bestätigt uns Britta Elm, Leiterin der Pressearbeit in der Kultursenatsverwaltung. Gerade deshalb habe man sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. „Der entscheidende Punkt ist aber: Die Aufnahme von 200.000 Euro für XJazz in den Berliner Haushalt ist keine automatische Förderzusage“, so Elm.

Sie besage nur, dass Mittel vorgehalten werden. „Auch bei einem im Haushalt ausdrücklich benannten Festival müssen die rechtlichen Voraussetzungen für die Auszahlung von Fördermitteln jedoch erfüllt sein.“ Bei der Prüfung der Verwendungsnachweise aus vergangenen Förderjahren seien „Unregelmäßigkeiten“ festgestellt worden. Daraus seien Rückforderungen entstanden, die zum Zeitpunkt der Entscheidung offen waren. „Unter diesen Umständen konnten wir die Förderung für 2026 nicht einfach auszahlen.“

Elm verweist auf die Verantwortung gegenüber Land und Steuerzahler: Öffentliche Mittel dürften nur unter den dafür geltenden normativen rechtlichen Voraussetzungen der Landeshaushaltsordnung bewilligt und ausgezahlt werden. „Diese Voraussetzungen sind nach intensiver und sehr wohlwollender Prüfung und selbst bei maximaler Ausschöpfung des Ermessensspielraums nicht gegeben.“

Hintergrund sei, dass aus Sicht der Verwaltung eine ordnungsgemäße Bewirtschaftung der öffentlichen Mittel weiterhin nicht sicher erfolgen werde: „Wenn es von unserer Seite Forderungen an einen Zuwendungsempfangenden gibt, unter anderem wegen nicht ordnungsgemäßer Geschäftsführung, dann sind diese durchaus ein Indiz, dass dort etwas nicht stimmt, und wir auf keinen Fall wollen, dass aus unseren ‚neuen‘ Mitteln die alten Forderungen bezahlt werden.“

Sehr wohl erkenne man in der Kultursenatsverwaltung, so Elm, die Herausforderungen für Festivalmacher, die mit der Förderungsbindung an Haushaltsjahre einhergehen: „Im Austausch mit den Verantwortlichen suchen wir daher immer wieder nach Lösungen, um Festivals innerhalb dieser Rahmenbedingungen zu ermöglichen, und schöpfen dabei den vollen Spielraum der Landeshaushaltsordnung aus.“ Hiermit mache man insgesamt gute Erfahrungen.

So oder so bleibt es trotz Festival-Absage im Oktober in Sachen Jazz nicht still in Kreuzberg und im Nachbarbezirk Treptow-Köpenick: Einige der für Oktober geplanten XJazz-Konzerte werden nun eigenständig von anderen Veranstaltern durchgeführt. Menschen, die bereits ein XJazz-Ticket erworben haben, erhalten dort aus Kulanz der Veranstalter freien Eintritt. Außerdem richten Freunde des Festivals am 9. Oktober eine „Funeral Party“, also eine Beerdigungsfeier, aus. Der Jazz ist tot, es lebe der Jazz.

Konzerte statt des geplanten XJazz-Festivals: 8. Oktober, Singülar, Emmauskirche; 9. Oktober, XJazz Funeral Party, Sonnenraum; 10. Oktober, Momoko Gill & more, Haus der Visionäre und Sonnenraum; 11. Oktober, Nduduzo Makhathini, Emmauskirche, Programmdetails auf xjazz.com

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