Ein kurioser Verkehrsunfall, überliefert aus der Frühzeit des Automobils: Nahe des Tempelhofer Feldes, wohl auf der Höhe des heutigen Columbiadamms, ist ein Ford-Fahrer an einem Spätsommerabend im Jahr 1923 auf ein Ochsenfuhrwerk aufgefahren. Der Fahrer gab später an, von einem landenden Luftschiff, einem Zeppelin, abgelenkt worden zu sein. Sein Blick schweifte in die Höhe, nicht auf die Straße.Womit man ganz weit weg und doch mitten im Thema wäre: Auf einem Flughafen passieren die interessantesten Dinge in der Luft, die Starts und die Landungen. Legendär das Tempelhofer Flughafenrestaurant mit dem Panoramablick über das Rollfeld und den Sahnetorten des Wirtschaftswunders. Hier endeten über Jahrzehnte die Sonntagsausflüge: Kaffee trinken und Flugzeuge gucken.Besondere Flughäfen, und Tempelhof ist einer von ihnen, bieten interessante Dinge auch auf der Erde. Herausragende Architektur zum Beispiel: utopisch, raumgreifend, monumental, funktional. Aus Stein errichtete Geschichte, vom Architekten Norman Foster einmal als "die Mutter aller Airports" bezeichnet. Als Foster in der Planungsphase der von ihm entworfenen Reichstagskuppel häufig nach Berlin kam, wäre er gerne einmal in Tempelhof gelandet. Indes, er musste mit Tegel Vorlieb nehmen, immerhin auch ein preisgekrönter Architekturentwurf.Wenig bekannt hingegen ist, welche Faszination das Tempelhofer Flughafenareal unter der Erde entfaltet. Noch heute gilt es nach dem Pentagon in Washington als der flächenmäßig größte zusammenhängende Gebäudekomplex der Welt. Und ähnlich umfänglich gestalten sich die Keller-, Bunker- und Versorgungsanlagen darunter. Orte, in die sich die Geschichte dieser Stadt eingegraben hat. Und die doch, konkret wie metaphorisch, im Verborgenen liegen. Nur selten bietet sich die Gelegenheit, hinabzusteigen und hinter die stahlschweren Türen zu gucken, nur selten öffnen sich die Tore zu dieser ganz besonderen Stadtarchäologie.Es ist eine archaische Welt, gezeichnet von grobem Stein und oxidiertem Stahl. Von endlosen Gängen und kilometerlangen Rohrleitungen. Ein Labyrinth der Wege und Nutzungen, dessen Ausdehnung etwa fünf Kilometer beträgt. Erbaut wurden diese unterirdischen Anlagen, wie auch der Flughafen selbst, zwischen 1937 und 1941. Planender Architekt war Ernst Sagebiel unter der Ägide Albert Speers. Doch während die Arbeiten am Flughafen in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges ins Stocken kamen und teilweise erst in den 50er-Jahren abgeschlossen wurden, hat man die Keller- und Bunkeranlagen im geplanten Umfang fertig gestellt. Nach 1943 wurden die unter dem Hangar verlaufenden Tunnelröhren zur Montage von Jagdflugzeugen genutzt.Flieger aus dem KellerDer Luftkrieg hatte die Begehrlichkeiten für unterirdische und somit unsichtbare Produktionsstandorte geweckt. Und ähnlich der Salzstöcke in den Mittelgebirgen wurde so auch unter Tempelhof Kriegsgerät zusammengezimmert. Konkret betraf dies die beiden Jagdflugzeuge Focke-Wulf 190 und die JU-87, die unter dem Beinamen "StuKa" von der NS-Propaganda zur Wunderwaffe stilisiert wurde.Die improvisierte Flugzeugmontage hat indes keine Spuren hinterlassen. Anders als der 400 Meter lange kombinierte Eisenbahn- und Straßentunnel, der dem überirdischen Verlauf des Flughafengebäudes über weite Strecken folgt. Noch immer bildet er die wichtigste Nordost-Südwest-Verbindung innerhalb des Komplexes, auch wenn ihn immer weniger Fahrzeuge passieren. Züge rollen dort längst nicht mehr.Ein paar betondicke Wände weiter hat der Krieg - und bald darauf die Angst vor Kriegen - die Tempelhofer Unterwelt nachhaltiger gezeichnet. Die Welt unter dem Flughafen ist auch eine verschachtelte Bunkerlandschaft, die die Enge und die Angst physisch erfahrbar werden lässt. Liebevoll und doch gleichsam hilflos etwa die Ausgestaltung eines alten Luftschutzkellers, dem so genannten Lufthansa-Bunker: Wandmotive von Wilhelm Busch sollten Berliner Bombennächte vor allem für Kinder erträglicher gestalten. Ein ironisches Bild, nicht nur im Rückblick - der listige Wilhelm Busch hätte für die NS-Diktatur sicher andere Motive übrig gehabt als die seiner kindlichen Schelme Max & Moritz.Busch im BunkerÜberraschend gut erhalten sind Buschs Motive nach all den Dekaden. Und eine Sentenz des Zeichners, der zu Lebzeiten gerade noch die ersten Doppeldeckermaschinen erlebt haben dürfte, will gar vorzüglich in die Katakomben eines Flughafens und in die euphorische Frühzeit der Luftfahrt passen: "Begeistert blickt er in die Höh, Willkommen herrliche Idee."Weniger gut erhalten ist hingegen ein Bunker, der sich unter den dem Columbiadamm zugewandten Grünanlagen befindet: Als Soldaten der Roten Armee die Stahltüren der Anlage in den letzten Kriegstagen sprengen ließen, brannte der Bunker aus. Als makabere Erinnerungsstücke blieben die verrosteten Stahlteile der wuchtigen Filteranlage zurück. Ein Keller im Dornröschenschlaf, während wenige Meter weiter High-Tech der 80er-Jahre installiert wurde: Ein ehemaliger Kommandobunker der amerikanischen Streitkräfte markiert die vorerst letzte Aus- und Umbauphase der verborgenen Welt unter Tempelhof.Längst ist er leergeräumt und verlassen, der Ort hat seine Funktion verloren. Und mit ihm viele der übrigen technischen Kuriositäten und Kabinettstückchen dieses besonderen Stücks Berliner Untergrunds.Und doch könnte wieder Bewegung kommen, in die Unterwelt unter dem Tempelhofer Feld. Zumindest, wenn es nach dem Stuttgarter Architekten Hans-Georg Brunnert ginge, einem versierten Flughafengestalter. Seine Vision war im vergangenen Jahr bereits in der Haupthalle des Flughafens Tempelhofs zu besichtigen: Eine unterirdische Nahverkehrsverbindung zwischen Tempelhof und dem geplanten Großflughafen in Schönefeld. Einchecken hier, losfliegen dort - und zwischen beiden Orten ein neues Stück "Berliner Untergrund".------------------------------Führung unter den Flughafen TempelhofVerlosung: Die Berliner Zeitung vergibt 25 Plätze für eine exklusive Führung durch die Bunkeranlagen unter dem Flughafen Tempelhof. Die Gewinntelefonnummer 69 56 65 0 ist heute von 9.30 bis 10 Uhr geschaltet. Die ersten Anrufer gewinnen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.Termin: Die Führung findet am Freitag den 10. März von 20 bis 22 Uhr statt. Der Treffpunkt wird den Gewinnern mitgeteilt.Stationen: Die Führung geht unter anderem in den ehemaligen Eisenbahntunnel, in den Luftschutzkeller und die Katakomben unter dem Hangar 2. Eine weitere Station ist die Plattform nahe der ehemaligen Flugsicherungszentrale der Amerikaner, von der man einen Ausblick über die gesamten Abfertigungsflächen hat.Infos: Airportworld BBI, Tel. 60 91 16 60.www.berlin-airport.de------------------------------Foto: Motiv von Wilhelm Busch im Luftschutzbunker------------------------------Foto: Die Adern eines Raumkörpers: unterirdische Versorgungsleitungen.------------------------------Foto: Der Flughafen Tempelhof ist eine monumentale Landschaft, aus der Luft und unter der Erde.
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