Gegen den Trend

Mit der Kraft von 1000 Dackeln: Millionen-Spritze für Berliner Tierarztpraxis

Kaum mehr Geld in der deutschen Start-up-Szene, doch die Berliner Tier-Telemediziner von Rex kriegen Millionen. Am Ende könnte es auch um die Halter gehen.

Moritz Eichhorn Felix Horstmann Moritz Eichhorn und Felix Horstmann
5 Min
Die Gründer Jonathan Loesing (30, links) und Julian Lechner (31) wollen mit Rex eine moderne Tierarztkette in Deutschland aufbauen.

Die Gründer Jonathan Loesing (30, links) und Julian Lechner (31) wollen mit Rex eine moderne Tierarztkette in Deutschland aufbauen.

© Rex Technologies GmbH

„Jeder Mensch sollte ein Haustier haben“, sagt Jonathan Loesing (30). Doch für Loesing ist das nicht nur ein tier- und menschenfreundliches Statement, es geht um seine Firma.

Gemeinsam mit Geschäftspartner Julian Lechner (31) hat er eine digitale Tierarztpraxis gegründet, aus der eine Kette werden soll. Die „Tierarztpraxen der Zukunft“. Rex heißt das Start-up und will Haustier und Halter in Zukunft nicht nur stationär, sondern auch per Computer oder Smartphone mit dem Veterinär ihres Vertrauens verbinden.

Das Team von Rex, die Tierarztpraxis der Zukunft, freut sich über den erfolgreichen Start.

Das Team von Rex, die Tierarztpraxis der Zukunft, freut sich über den erfolgreichen Start.

© Rex Technologies GmbH

Doch hinter der Idee, Telemedizin für Tiere anzubieten, steckt mehr als die Lösung der praktischen Frage: Was, wenn Fiffi sich außerhalb der Praxiszeiten erbricht? Klar, Halter sollen nicht bei jedem Wehwehchen des Tieres eine Praxis aufsuchen müssen – bei vielen Dingen hilft eben auch ein Video-Call. Außerdem soll die durchdigitalisierte Termin- und Krankenakten-Software Terminvergabe, Prophylaxe und Behandlung unkomplizierter und effizienter gestalten. Doch es geht um mehr als Katze und Hund. Am Ende, so die Vision, geht es um die Herrchen und Frauchen.

Daran glauben aber nicht nur Loesing und Lechner, daran glauben auch große Investoren in der Telemedizin-Szene. Mehr als fünf Millionen Euro hat das Start-up bereits nach der ersten Finanzierungsrunde einsammeln können. Zu den Geldgebern gehören beispielsweise Vorwerk Ventures, ein Ableger des berühmten Thermomix-Herstellers.

Gegen den Trend: Berliner Start-up Rex sammelt 5 Millionen Euro ein

Derartige Summen sind in der aktuell angespannten Lage an den Finanzmärkten ungewöhnlich. Erst vergangene Woche wurde bekannt, wie dramatisch die Lage in der Berliner Start-up-Szene ist. Durch die hohen Zinsen, Unsicherheit auf den Finanzmärkten und Probleme bei Lieferketten fließt immer weniger Wagniskapital.

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Doch was ist so attraktiv an der Idee von Lechner und Loesing? Ein Faktor ist sicherlich der wachsende Markt: Seit 2010 hat sich laut dem Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe die Anzahl der Hunde und Katzen in Deutschland auf 27 Millionen mehr als verdoppelt. Ein Ende des Trends ist nicht abzusehen. Außerdem hat sich die Zusammensetzung der Gruppe der Haustierbesitzer verändert.

Die meisten Haustiere in Deutschland gehören mittlerweile Millennials

Aus dem im März veröffentlichten Generational Report von APPA geht hervor, dass Millennials mittlerweile die größte Gruppe der Haustierbesitzer ausmachen. „Leider sind die meisten Tierarztpraxen nicht auf diese junge Zielgruppe zugeschnitten, da sie stark unterdigitalisiert sind und so den Ansprüchen der heutigen Generation nicht mehr gerecht werden“, so Sascha Guenther, Partner bei Vorwerk Ventures. „Wir sehen bei Rex großes Potenzial, den Markt für tierärztliche Versorgung zu digitalisieren und somit effizienter und moderner zu gestalten.“ Neben Vorwerk Ventures investieren auch Bestandsinvestor Picus Capital und Calm/Storm erneut in Rex.

Während der letzten zwei Corona-Jahre wurde Berlin auch die Hauptstadt der Hunde. Gleichzeitig gehen immer mehr Tierärzte in Rente, geben ihre Praxen auf.

Das Start-up eröffnete im Mai 2022 seine erste Tierarztpraxis in Berlin-Friedenau.

Das Start-up eröffnete im Mai 2022 seine erste Tierarztpraxis in Berlin-Friedenau.

© Rex Technologies GmbH

In einer solchen Tierarztpraxis, die ehemals klassisch analog betrieben wurde, haben die beiden Gründer die erste Rex-Filiale eingerichtet. Im kleinen Vorgarten vor einem Gründerzeitbau am Südwestkorso erzählen sie von ihrer Strategie: „Wir bauen moderne Tierarztpraxen für eine erstklassige tiermedizinische Versorgung vor Ort“, sagt Loesing. „In Kombination mit digitalen Angeboten rund um Telemedizin und E-Commerce bieten wir einen unkomplizierten Zugang zu Services und Produkten rund um Haustiere.“

Das stimmt, ist aber doch nur die Hälfte oder gar ein Drittel der Mission. Denn das wahre Potenzial von Rex besteht in den Daten, die sie über Haustiere erheben werden können. Dazu muss man wissen, dass Tiere dem Gesetz nach Dinge sind. Im Bürgerlichen Gesetzbuch heißt es dazu etwas widersprüchlich: „Tiere sind keine Sachen. Sie werden durch besondere Gesetze geschützt. Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden, soweit nicht etwas anderes bestimmt ist.“

Im Kern bedeutet das jedoch, dass Tiere keine Persönlichkeitsrechte haben und die strengen Datenschutzrichtlinien, die in Deutschland für Menschen gelten, auf sie nicht zutreffen. Rex ist damit, wenn auch nicht explizit, angetreten, den Beweis zu erbringen, dass datenbasierte Medizin einen enormen gesundheitlichen Vorteil für die Vier- und Zweibeiner, Flügler, Warm- wie Kaltblüter besitzt.

Die Digitalisierung kann Haustiere gesünder machen

Ein Beispiel: Wenn der Tierarzt bei seinen Untersuchungen eines sieben Jahre alten Dackels aus Berlin-Kreuzberg auf eine Datenbank mit den Krankheitsgeschichten von Hunderten, ja Tausenden Dackeln ähnlichen Alters, ähnlicher Leiden und ähnlicher Lebenssituation (Wohnung, Garten, mit anderen Hunden oder allein) zurückgreifen kann, dürfte eine bessere Behandlung der Tiere, eine längere Lebensdauer und eine größere Zufriedenheit der Besitzer die logische Folge sein.

Was früher die jahrzehntelange Erfahrung eines einzigen Tierarztes war, wird dann digital archiviert die Erfahrung von Hunderten Praxen mit Tausenden Tieren sein. Wissen geht nicht mehr verloren.

Und wer so viele Millionen investiert beziehungsweise erhält, könnte auch noch einen Schritt weiterdenken. Wenn erst einmal klar werden sollte, wie viel besser es Tieren geht, die bei der Rex-Kette behandelt werden, wird die Frage aufkommen, wie viel besser es Menschen ginge, die auf Basis von tausendfachen Vergleichsdaten aus Krankenakten behandelt werden. Gut möglich, dass die Herrchen und Frauchen dann darauf bestehen, auch so gut versorgt zu werden wie ihre Haustiere.

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