Spendensammlung

Berliner über das Unglück in Nepal: Das Geröll riss das Dorf weg

Ramesh Thapa ist gelernter Bergführer aus dem Himalaya, seit Jahren arbeitet er in Berlin bei Camp4. Nun bangt er um seine Familie im Katastrophengebiet und sammelt Spenden.

Jens Blankennagel
Jens Blankennagel
11 Min
Ramesh Thapa am Camp4 in Berlin-Mitte. Dort hängen auch die typischen nepalesischen Gebetsfahnen.

Ramesh Thapa am Camp4 in Berlin-Mitte. Dort hängen auch die typischen nepalesischen Gebetsfahnen.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Es gibt einen Satz in den Nachrichten, der kurz nach einer Naturkatastrophe fast immer gesagt wird: „Das gesamte Ausmaß der Schäden ist noch nicht absehbar.“ Das gilt auch für das Unglück in Nepal. Dort brach am Himalaya eine Felswand ab – und Millionen Tonnen stürzten erstmal etwa 1000 Meter ins Tal. Der Aufprall war so heftig, dass es wie ein Erdbeben wirkte. Da das ausgerechnet in der Monsunzeit geschah, wenn 80 Prozent des jährlichen Regens fällt und die Flüsse und Stauseen übervoll sind, bildete die Lawine aus Eis und Schnee mit dem Wasser, Schlamm und Geröll eine gigantische Welle, die vom Dach der Welt in die Täler des bitterarmen Landes stürzte.

Um sich das Ausmaß vorzustellen, ist es nicht unbedingt nötig, bis in die Hochgebirgsregion zu reisen. Die Helfer sind gerade mal in die größeren Orte vorgedrungen, ganz entlegene Gegenden können nur per Hubschrauber oder Drohnen versorgt werden. Aber auch in Berlin gibt es einige Leute, die die Sache einordnen können.

Der passende Job in Berlin

Hilfreich ist da ein Fachmann, ein professioneller Bergführer, ein Mann wie Tula Thapa, genannt Ramesh. Er ist 36 Jahre alt, sieht aber höchstens aus wie 30. Jahrelang war er Bergführer bei Expeditionen in Nepal, seit zehn Jahren lebt er in Deutschland. Er arbeitet – wie passend – in Berlin-Mitte genau gegenüber vom frisch sanierten Kino International. Er ist Verkäufer im Camp4, einem Geschäft für Outdoorkleidung, Wanderschuhe, Rucksäcke und Bergsteigerausrüstung.

Ramesh Thapa erzählt, dass seine Familie in jener Region lebt, in der die Naturgewalten ohne jede Vorwarnung durchrasten wie eine Dampfwalze, so groß wie ein Hochhaus. „Ich war völlig ahnungslos, als plötzlich morgens gegen 7 Uhr mein Handy klingelte. Ein Freund rief an, der in Nepal bei der Bergrettung arbeitet. Er fragte, ob meine Familie auch betroffen ist.“ Angst stieg auf, er fing an zu telefonieren, zu recherchieren.

Auch wer schon mal als Tourist im Himalaya war, kann sich die Sache nicht so leicht vorstellen. Wir fragen, ob eines der großen Naturposter im Camp4 die Berge seiner Heimat zeigt. Die Schneelandschaft im Verkaufsraum ist schwedisch, und die Gebirgsklippen neben den Büros sind aus den Alpen. Aber neben dem Riesenposter hängt eine Leine mit Wimpeln in den Farben Blau, Weiß, Rot, Grün und Gelb. Ramesh lächelt.

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„Es sind die typischen nepalesischen Gebetsfahnen“, sagt er. Man sieht dieses buddhistische Symbol wirklich überall in dem hinduistischen Land – in dem einst Buddha geboren wurde und in dem beide Religionen recht verschmolzen sein sollen. „Die fünf Farben stehen für die fünf Elemente Himmel, Luft, Feuer, Wasser und Erde“, sagt Ramesh. „Sie werden in Nepal auch hoch oben im Gebirge aufgehängt, wo die Luft schon sehr dünn ist.“

Acht der 14 Achttausender befinden sich in Nepal oder direkt an der Grenze des Himalaya-Landes.

Acht der 14 Achttausender befinden sich in Nepal oder direkt an der Grenze des Himalaya-Landes.

© Aryan Dhimal/Zuma Wire/dpa

Er hebt das Band mit den Gebetsfahnen etwas höher, und der Wind lässt die bunten Wimpel flattern. „Auf den Wimpeln sind Mantras aufgedruckt, die für Frieden stehen, für Glück und Sicherheit“, sagt er. „Die Wimpel stehen dafür, dass es allen gut gehen soll. Die Symbole der fünf Elemente sollen überall für ein harmonisches Gleichgewicht sorgen.“

In der Unglücksregion scheint das Gleichgewicht am 26. August gestört gewesen zu sein. Besonders hart ist daran, dass dieses Gebiet bereits zum zweiten Mal so heftig getroffen wurde. Beim großen Erdbeben 2015 war am selben Bergmassiv die Südflanke abgebrochen. Nun sackte die Nordwand ab. „Die Region war in den ersten Tagen völlig abgeschnitten von der Außenwelt“, sagt Ramesh Thapa und erzählt, dass die Geröllmassen alles niedergewalzt haben: Häuser, Stauseen, Dörfer, alle Brücken über den Fluss im Tal, Telefonmasten, Stromleitungen, Fabriken. Seine Familie lebt 40 Kilometer entfernt von der Abbruchstelle.

Das Dorf war einfach weg

Er verschickte auch per Handy die Nummern seiner Familie und seiner Freunde an alle, die er bei der Bergrettung kennt. Sie versuchten dann vor Ort, die Nummern zu erreichen. „Nach zwei Tagen bekam ich Bescheid“, sagt er. „Meine Familie schickte mir eine Nachricht über das Handy eines Freundes, der Drohnenpilot ist. Alle meine Leute sind gesund.“ Ramesh lächelt sein feines Lächeln. Es ist keine unterwürfige Art der Freundlichkeit. Wer ein wenig Asien-Erfahrung hat, merkt sofort den Unterschied zu der professionellen asiatischen Freundlichkeit all jener, die etwas verkaufen wollen. „Meine Familie hatte Glück.“ Beim Erdbeben 2015 waren sie ganz nahe am Epizentrum. Diesmal rauschten die todbringenden Geröllmassen im Nachbartal hinunter.

Ramesh schaut auf die Uhr, seine Arbeitszeit beginnt. Er trinkt sein Wasser aus, geht zum Computer, fährt ihn hoch und checkt, ob alle Bestellungen auch wirklich geliefert wurden.

Zwischendurch erzählt er von den Eltern eines Freundes. „Auch sie haben überlebt, leicht verletzt.“ Sie rannten gerade noch rechtzeitig durch den Hinterausgang ihres Hauses. Als sie sich nach ein paar Metern umdrehten, war das Haus weg und große Teile des Dorfes.

Ramesh holt sein Handy heraus, zeigt ein Vorher-nachher-Bild des Dorfes. Es liegt an einer Biegung des Flusses, bunte Häuser an steilen Hängen, danach ist einfach eine breite Schneise in der Mitte des Tals, grau und tot. Er erzählt, dass er inzwischen mit dem Bürgermeister dort telefoniert hat. Die Gemeinde heißt Shyapru Besi, ist Ausgangspunkt vieler Trekkingtouren und Pilger. „Sie hatten 505 Häuser, davon sind etwa 250 komplett weg oder unbewohnbar.“

Der Ort Shyapru Besi vor der Naturkatastrophe und danach.

Der Ort Shyapru Besi vor der Naturkatastrophe und danach.

© privat

Als Bergführer soll Ramesh Thapa erklären, was dieses Unglück in einer solchen Extremregion bedeutet. Er erzählt, dass er ab seinem 17. Lebensjahr als Träger bei Expeditionen oder Bergtouren gearbeitet hat und etwas Englisch lernte. Dann machte er eine Trekking-Ausbildung als Bergführer – in Nepal ein Lehrberuf wie bei uns Tischler oder Verkäufer. Er hat fast zehn Jahre in der Branche gearbeitet, aber keine 8000er-Touren gemacht. „Meist 5000er oder 6000er. Ich war vielleicht auf 20 verschiedenen Bergen, insgesamt waren es mehr als 70 solcher Extremtouren, auf meinem höchsten Berg, dem Lobuche mit 6119 Metern, war ich 15-mal.“

Auf die Frage, ob er weiß, wie viele Berge es im Himalaya gibt, sagt er: „Nein. Tausende. Es gibt auch viele unbekannte Berge. Damit in Nepal eine Erhebung die Bezeichnung Berg bekommt, muss sie 5800 Meter hoch sein. Dann ist es ein Gipfel. Davor würde ich es nicht Hügel nennen, aber eben auch nicht Berg.“

Um die Relationen klarzumachen: In Deutschland ist der höchste Berg mit 2962 Metern die Zugspitze, die gerade mal halb so hoch ist wie die Mindestgröße für einen Berg in Nepal. Und auch der höchste Alpengipfel, der Mont Blanc mit seinen 4810 Metern, würde im Himalaya nicht als Berg gelten. Der Gletscher brach am Langtang Lirung ab- der ist 7245 Meter hoch.

Da sind die Herausforderungen für die Retter besonders hart. Noch immer werden Tausende vermisst. Niemand weiß, wie viele unterwegs waren.

Ramesh erzählt, dass auch noch viel Pech dazukam. Denn am Ende der Monsunzeit beginnt die Trekking-Hochsaison, Tausende Bergsteiger sind im Land. Dazu kommt, dass sehr viele Gläubige unterwegs sind, denn auch die Pilgersaison beginnt. Dieses Tal ist eine der Hauptrouten nach Tibet – und der 28. August gilt als ein glücksverheißender Tag. Die Naturkatastrophe ereignete sich zwei Tage davor.

Das Tal ist nicht nur ein Pilgerweg. „Es ist auch eine der wichtigsten Handelsrouten des Landes.“ Und in Nepal wird fast alles importiert. Nach dem Erdbeben 2015 machte Indien die Grenze dicht, also investierten China und Nepal viel Geld in einen neuen Grenzübergang und bauten die Straße. „Das alles ist nun komplett weg.“

Er überlegt kurz, dann sagt er: „Ich stamme aus der Region des Epizentrums von 2015, es sieht so aus, dass die Folgen dieses Mal schlimmer sind.“ Ramesh Thapa spricht selbst über die großen Dramen unaufgeregt, vielleicht liegt es am Buddha-Tattoo am Arm.

Das damalige Unglück war auch ein Grund, warum er Nepal verlassen hat. Dass er nach Deutschland ging, ist Zufall. Als Bergführer hat er im Himalaya eine deutsche Frau kennengelernt. Der Rest ist eine Liebesgeschichte in einer globalisierten Welt. Da der Tourismus nach dem Erdbeben 2015 stark einbrach, zog Ramesh mit nach Deutschland. Die beiden sind verheiratet und haben zwei Kinder.

Der „Wasserturm Asiens“

Nun geht Ramesh zu den Regalen im Erdgeschoss. Dort liegt eine Mappe mit den jüngsten Preisänderungen. Es geht um Karabinerhaken mit kurzen Sicherheitsseilen, mit denen sich Bergsteiger am Fels festmachen können. Die kosten nun 50 Cent mehr, und er überklebt die alten Preisschilder.

Wer mal in Nepal war, hört immer wieder, dass die Leute stolz erzählen, dass es dort nach Brasilien die zweitgrößten Süßwasserreserven der Welt gibt. Auch wenn die Daten von einigen internationalen Institutionen angezweifelt werden, gilt Nepal als „Wasserturm Asiens“. Das meiste Wasser ist gebunden in Eis und Schnee. Das Land gehört zu den Spitzenreitern bei erneuerbaren Energien: Mehr als 98 Prozent werden aus Wasserkraft gewonnen.

Doch nun zeigt sich, dass das System anfällig ist. „Die Schäden an der Infrastruktur werden sich auf Milliarden von Dollar belaufen“, schreibt die Nepali Times. „Innerhalb weniger Minuten wurden mindestens sechs große Wasserkraftwerke, Stromleitungen und Umspannwerke an Bhote Kosi und Trisuli entweder zerstört oder schwer beschädigt. Nepals Vorzeige-Solaranlage mit einer Leistung von 25 Megawatt in Nuwakot wurde unter Sediment begraben.“

Etwa ein Drittel des Stroms kam aus der Region. Der Wiederaufbau würde – wenn denn Geld vorhanden wäre – 15 Jahre dauern, schätzen Experten. Deutschland fördert Projekte von erneuerbaren Energien in Nepal mit 37,6 Millionen Euro für die Jahre 2026/27.

Derzeit ist noch immer nicht klar, wie viele Bauarbeiter bei dem Unglück ums Leben kamen. Das Wasser der Kraftwerke wird durch Tunnel geleitet. „Da wurden viele Bauarbeiter in den Tunneln eingeschlossen“, sagt Ramesh. „Es gibt keinen Kontakt zu ihnen.“

Die Leiche von Opfern, die nicht indentifiziert werden konnten.

Die Leiche von Opfern, die nicht indentifiziert werden konnten.

© Skanda Gautam/Imago

Aber wird das System wieder aufgebaut oder ist die Gefahr einer erneuten Katastrophe zu groß? Es geht offenbar nicht nur um Erdbeben wie jetzt, auch die Erderwärmung spielt eine Rolle. In der Nepali Times heißt es, dass der Unglücksgletscher durch die Erderwärmung als instabil galt. Die Zeitung zählt sechs „Himalaya-Tsunamis“ auf, die seit 2021 niedergingen.

Bald will Ramesh Thapa nach Nepal. Diesmal nicht so sehr als Urlauber, Bergführer, Himalaya-Liebhaber, sondern auch als Helfer. Er sammelt Geld. Wieder holt er sein Handy heraus, geht im Internet auf die Seite Gofundme und gibt unter der Ortsmarke Berlin im Suchfenster ein: „Sie haben überlebt – jetzt brauchen sie unsere Hilfe.“ Derzeitiger Spendenstand: 1168 Euro. Er erzählt, dass ihn auch viele Stammkunden fragen, wie es seiner Familie ergangen ist. Also haben sie im Camp4 beschlossen, eine Sammelbox neben der Kasse aufzustellen.

Zwei Monate ist Ramesh im Herbst immer in Nepal, vorher kümmert er sich um die Teilnehmer seiner Touren. „Es ist eine Verbindung zur Heimat, zu den Bergen, weil: Berlin hat nix“, sagt er und lobt als höflicher Mensch auch die Alpen: „Die sind zwar nicht so hoch, aber der Charakter der Berge ist ähnlich. Hier kann man Tagestouren machen, in Nepal braucht man drei Wochen, bis man im Basislager ankommt.“

Aber der Extrem-Tourismus kann nicht ein ganzes Land finanzieren. Nepal ist arm und abhängig vom Ausland, nicht nur, was all die alltäglichen Produkte angeht. Insgesamt stammen etwa 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von Überweisungen von Nepalesen, die im Ausland arbeiten. „Danach kommt der Tourismus.“

Ramesh Thapa hofft, dass die Bergwanderer ihre Touren nicht stornieren, sondern umbuchen in andere Regionen. „Für den Herbst habe ich 20 Gäste für fünf verschiedene Touren“, sagt er. „Bislang hat nur eine Familie nachgefragt, aber noch niemand abgesagt.“ Es besteht also Hoffnung. „Erst mal geht es darum, dass die Familie und das Land das ganze Drama überstehen.“

Der Kollege, der neben ihm ein Regal einräumt, nickt und erzählt begeistert von seiner Reise nach Nepal. Er sagt: „Das erste Mal reist man natürlich wegen der Berge hin. Das zweite Mal aber wegen der Menschen.“ Ramesh nickt, lächelt sein nepalesisches Lächeln und fängt an, die großen bunten Rucksäcke ins Regal zu räumen.

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