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Berliner Wahrzeichen: Wie eine Notlüge Friedrich August Stülers Meisterwerk rettete

Ein Blick auf die bewegte Geschichte der St. Matthäus-Kirche und auf den Architekten, dessen Schaffen aus gutem Grund nun wieder größere Aufmerksamkeit erfährt.

Gerd Kley
7 Min
Im Hintergrund Stülers Meisterwerk: die St. Matthäus-Kirche

Im Hintergrund Stülers Meisterwerk: die St. Matthäus-Kirche

© Jürgen Ritter/imago

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Ich komme gerade von einer Italienreise zurück, auf der ich in Südtirol Schlösser besucht habe, die der Architekt Friedrich August Stüler im Tross des kranken Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV. auf dessen Italienreise 1858/59 um Meran gezeichnet hat. Beim Aufarbeiten der liegengebliebenen Berliner Zeitung fand ich den Artikel von Ingeborg Ruthe über die Berliner St. Matthäus-Kirche vom 19. Juni 2026, ihre heutige Funktion und ihren rührigen Pfarrer Hannes Langbein.

Der Autorin sei vielmals dafür gedankt, dass sie mit ihrem Beitrag eine Lanze für Stüler und seine Zeitgenossen der Nach-Schinkel-Generation bricht, die schon ab den 1880er-Jahren in Vergessenheit gerieten, darunter die Architekten Persius, Strack, von Arnim usw. Sie galten bei den Kunstwissenschaftlern lange Zeit als Eklektizisten oder nur als Nachbeter Schinkel’schen Gedankenguts. Erst die Arbeiten von Eva Börsch-Supan, „Berliner Baukunst nach Schinkel“ von 1977 und ihr großes Werk „Friedrich August Stüler 1800–1865“ (1997), räumten mit vielen Vorurteilen auf.

Das Letztere verfasste sie auf Basis der Sammlungen von Stülers Urenkel Dietrich Müller-Stüler. Sie konnte die eigenständigen Ideen und Leistungen dieser Generation herausstellen und zeigen, wie sehr sie sich von ihrem verehrten Vorbild Schinkel auch absetzten.

Der kunstinteressierte Berliner sollte mehr über die St. Matthäus-Kirche und deren Schicksal erfahren, als in diesem bemerkenswerten Artikel von Frau Ruthe steht, bevor sie vielleicht optisch hinter der Neuen Nationalgalerie und dem Prestige-Museum Berlin Modern (Warum kein deutscher Name?) untergeht.

Grabmal von Friedrich August Stüler auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof

Grabmal von Friedrich August Stüler auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof

© Joko/imago

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Viele Jahre Überzeugungsarbeit, bis der Senat reagiert

Die Verachtung und die weitgehende Unkenntnis über Stülers Leben und Werk führten dazu, dass nach den Zerstörungen des Krieges Ruinen seiner Bauten abgerissen wurden. Der Umgang mit seinem Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof ist auch ein Beweis für diese Ignoranz.

Das vom Kollegen Heinrich Strack entworfene Grabmal Stülers aus Carrara-Marmor und einer Büste von Hermann Schievelbein erhielt noch im April 1945 einen Treffer. Die Trümmer wurden nach Jahren ohne Sicherung abgeräumt und anstelle des Grabes wuchs nun eine grüne Wiese. Es bedurfte viele Jahre Überzeugungsarbeit, ehe der Senat sich entschloss, das Grab zum Ehrengrab zu erheben und die Metallgestalter Rüdiger Roehl und Jan Skuin mit der Neugestaltung zu beauftragen. Nachdem auch der Büsten-Entwurf aus dem Architekturmuseum der TU Berlin kopiert werden konnte, war das Grabmal zu Stülers 200. Geburtstag endgültig wieder vorzeigbar.

Während wir im Jahre 2000 noch Schwierigkeiten hatten, eine würdige Feier zu Stülers 200. Geburtstag an der TU Berlin zu organisieren, haben sich die Verhältnisse bis heute geändert. Unter Leitung des jungen Architekten Martin Pawlik wurde ein Stüler-Arbeitskreis gebildet, der sich die Popularisierung von Stülers Werk und dem seiner Zeitgenossen zur Aufgabe gemacht hat. So fand unter großer Begeisterung der Fachwelt eine Vortragsveranstaltung zu Stülers 225. Geburtstag im ehrwürdigen Rathaus seiner Geburtsstadt Mühlhausen statt.

Friedrich August Stüler (1800 bis 1865)

Friedrich August Stüler (1800 bis 1865)

© H.Tschanz-Hofmann/imago

Speers Pläne stellen Existenz der Kirche infrage

Die Veranstaltungsreihe wurde im Mai 2026 in der Kirche zu Potsdam-Bornstedt fortgesetzt. Im Arbeitskreis sind bekannte Architekten und Kunstwissenschaftler aus Berlin, Potsdam und aus der Umgebung. Der Arbeitskreis erfährt große Unterstützung durch die Leitung und durch die zuständigen Mitarbeiter der Preußischen Schlösser und Gärten.

Friedrich August Stüler nahm den Entwurf für die Matthäus-Kirche in sein 1845 begonnenes Mappenwerk „Entwürfe zu Kirchen, Pfarr- und Schulhäusern“ auf, in dem Muster für Gemeinden aller Größen „von 600 Seelen“ bis zur Hauptstadt aufgeführt wurden. Neben der aufstrebenden Matthäus-Gemeinde mit ihren prominenten Mitgliedern und dem Pfarrer Carl Büchsel begeisterten sich auch die evangelischen Gemeinden von Bütow in Pommern, von Neudamm in der Neumark und in Peitz in der Lausitz (mit etwas verändertem Turm) für dieses Projekt, und sie ließen ihre neuen Kirchen nach Stülers Muster errichten. Im Gegensatz zur St. Matthäus-Kirche wurden die Schwesterkirchen im letzten Krieg nicht oder nur gering zerstört.

Mit den Planungen Albert Speers für die neue Reichshauptstadt Germania wurde die Existenz der St. Matthäus-Kirche und deren baulichen Umgebung 1938/39 erst mal infrage gestellt. Das Gebiet auf der sogenannten Nord-Süd-Achse sollte für die geplanten Bauten des Oberkommandos Heer, für Gesandtschaftsgebäude und den Runden Platz freigeräumt werden. Die Kirchengemeinde und das Konsistorium wurden von der „Geschäftsstelle anlässlich der Neugestaltung der Reichshauptstadt“ am 31. Juli 1939 von deren Auflösung informiert. Man schlug vor, der Gemeinde am Rande von Charlottenburg einen Platz für eine neue Kirche zu beschaffen. Inzwischen begann der Abriss des Pfarrhauses und der umgebenden Wohnbebauung. Die Kirche selbst nahm man sich für die Zeit nach dem „Endsieg“ vor.

Was Speer nicht schaffte, gelang zum Teil dem Bombenkrieg. Was von der Kirche und der Umgebung übrigblieb, zeigt das folgende Foto. Rechts hinter der Ruine sieht man die schon begonnen Germania-Bauten für das „Große Haus des Fremdenverkehrs“.

Ruine der St. Matthäus-Kirche im Jahr 1946

Ruine der St. Matthäus-Kirche im Jahr 1946

© Evangelisches Landeskirchliches Archiv

Eine besondere Persönlichkeit

Das ganze Viertel im Tiergarten war eine einzige Ruinenlandschaft. Auch die von Stüler einst für seine Familie entworfene Villa in der nahen Lennéstraße 3 lag in Schutt und Asche. Im Magistrat wurde lange über das Schicksal des Viertels diskutiert. Man entschied sich, die Ruine der St. Matthäus-Kirche abzureißen. Die für Politik und das Bauwesen zuständigen Beamten in West-Berlin hatten aber nicht mit den Architekten und Denkmalpflegern Jürgen Emmerich (1905–1973) und Helmut Patek (1929–1999) gerechnet, die Stülers Werk in Anlehnung an die italienische Romanik als ein wichtiges Werk der deutschen Architekturgeschichte erkannten. Sie hielten den kunstgeschichtlich wenig bewanderten und dem Zeitgeist verpflichteten Stadtoberen vor, dass man in Berlin ein Werk des berühmten Architekten Karl Friedrich Schinkel nicht abtreißen könne. Mit dieser Lüge erreichten sie, dass die Ruine von der Abrissliste gestrichen wurde.

Sie bekamen kurz darauf den Auftrag, die Kirche wieder aufzubauen. Im Jahre 1960 erstrahlte sie, wie Frau Ruthe schon berichtete, äußerlich wieder in vollem Glanz. Ob man um diese Zeit die von Stüler bevorzugten gelb-gebrannten Ziegelsteine aus Birkenwerder und die zur Zierde eingefügten rot-gebrannten aus Rathenow verwendet hat, ist nicht bekannt. Im Inneren sah man sich gezwungen, vereinfachte Formen der Fünfzigerjahre zu verwenden. Vielleicht waren statische oder finanzielle Gründe dafür ausschlaggebend.

Ein weiteres Stüler-Werk: die Nikolai-Kirche in Oranienburg

Ein weiteres Stüler-Werk: die Nikolai-Kirche in Oranienburg

© imageBROKER/Gerald Abele/imago

Ähnliches geschah in den Fünfziger- und Sechzigerjahren auch mit der stark zerstörten Bartholomäus-Kirche in Friedrichshain und mit der Nikolai-Kirche in Oranienburg. Alle drei Stüler-Kirchen konnten aber unter den damaligen schweren Bedingungen „zukunftsfähig“ gemacht werden und sie fielen nicht wie Stülers Domkandidatenstift in der Oranienburger Straße im Jahre 1972 und der Markus-Kirche in Friedrichshain der Spitzhacke zum Opfer.

Die Erinnerung an die Persönlichkeit Stülers ist in der heutigen Zeit, die von Kriegshetze, Zwietracht, Hass und Selbstdarstellung geprägt ist, auch aus anderen Gründen von Bedeutung. Stüler hat sich Zeit seines Lebens in vielen Situationen dem Streitgespräch gestellt. Das galt für seinen Kontakt mit Landbaumeistern bis hin zu Architektenkollegen, das galt auch im Kontakt mit „seinen“ Bauarbeitern bis hin zum preußischen König. Am Ende des Disputs standen aber meist Einvernehmen, Ausgleich und Harmonie. Dazu haben Stülers ausgeglichene Persönlichkeit und seine Fähigkeit, sich bei Auseinandersetzungen in die Geisteswelt des Gegenübers zu versetzen, wesentlich beigetragen. Hätten wir doch heute in der Gesellschaft und in der Politik mehr Menschen mit diesen Fähigkeiten!

Gerd Kley ist promovierter Physiker und arbeitete seit 1970 an Instituten der Akademie der Wissenschaften der DDR. Von 1980 bis zur „Abwicklung“ 1991 leitete er dort die Abteilung „Hochtemperaturwerkstoffe“. Von 1992 bis zur Berentung 2008 war Kley als Projektleiter an einer Bundesanstalt tätig. In seinen nebenberuflichen Veröffentlichungen befasst er sich mit Persönlichkeiten, die von der offiziellen Geschichtsschreibung und von der Kunstgeschichte vernachlässigt werden.

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