BERLIN. Der hoffnungsvollste Satz, den der junge Parteichef an diesem Abend finden kann, ist dieser: "Nach jedem Tal kommt wieder ein Berg", sagt Klaus Lederer. Es klingt wie: Alles ist furchtbar und schöner wird es nun auch nicht mehr. Lederer steht da im schwarzen Sakko mit rotem Hemd, er sieht blass aus, seine Arme hängen schlapp herunter. "Es gab glücklichere Tage in meinem Leben", sagt er. Hier im Festsaal des Berliner Abgeordnetenhauses, einem der schönsten und größten Räume des Parlaments, bunt geschmückt mit roten Luftballons und einem großen Kuchenbüfett, herrscht seit Stunden, genauer seit der ersten Prognose um 18 Uhr, so etwas wie Grabesstimmung. Die Linkspartei verliert bei dieser Wahl um die zehn Prozentpunkte, so viel wie keine andere Partei im Abgeordnetenhaus. Vor allem im Ostteil der Stadt, Kernland der Linken, sind die Einbußen dramatisch. Dort verliert die Linke teils mehr als 20 Prozentpunkte."Schwere Aufbauarbeit"Harald Wolf, der Spitzenkandidat, der diese Niederlage erlitten hat, ist schon zwei Minuten nach 18 Uhr, nach dem Schock über die ersten Zahlen, bei seinen Parteifreunden im Saal. Er trägt einen schwarzen Nadelstreifen-Anzug mit roter Krawatte. Das wirkt nicht mehr edel an diesem Abend, sondern eher wie ein Traueranzug.Als Wolf die Niederlage zu erklären versucht, wird er von Fotografen umringt, die Genossen können ihn kaum sehen. Aber sie hören aus den Lautsprechern an der Wand, wie er von der "schwierigen Situation" spricht, in der Berlin vor fünf Jahren gesteckt habe. Dass es richtig gewesen sei, "Verantwortung" in der Regierung mit den Sozialdemokraten zu übernehmen, dass man eine "schwere Aufbauarbeit" hinter sich habe. Die Genossen klatschen ein bisschen trotzig, als er einen Blumenstrauß aus roten Rosen und roten Nelken bekommt und sich bei den Wahlhelfern bedankt.Dann beginnt für Wolf eine Odyssee durch die Fernsehstudios im Haus: Es sind immer wieder die gleichen Sätze auf immer wieder gleiche Fragen: "Das Ergebnis ist natürlich enttäuschend", sagt Wolf. Und: "Wir hatten schwierige Entscheidungen zu treffen, die keine Begeisterungsstürme bei unseren Anhängern ausgelöst haben." Oder: "Wir müssen jetzt sorgfältig analysieren, was die Gründe waren."Analysiert wird auch im Festzelt am Berliner Schlossplatz. Gleich daneben ragen die letzten Reste des Palasts der Republik. Davor wollte die Linkspartei mit ihrer Wahlparty zeigen, dass sie angekommen ist - an der Macht in Berlin sowie in Schwerin und nach dem Zusammengehen mit der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) auch im Bundestag. Linksfraktionschef Gregor Gysi erklärt: "Das ist eine bittere Niederlage."Gerade für die Realsozialisten in der Linkspartei, die Regierungsbeteiligungen befürworten, ist diese Niederlage besonders herb. Sie kommt zudem zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. In den nächsten Wochen beginnt die innerparteiliche Debatte über ein neues Grundsatzprogramm, spätestens im kommenden Sommer wollen sich Linkspartei und WASG zur neuen Partei zusammengeschlossen haben. Die zentralen Fragen sind noch immer strittig: Will man Fundamentalopposition sein, oder steht man wie bisher in den ostdeutschen Bundesländern für eine pragmatische Politik?Die Realos halten sich an diesem Abend am guten Resultat der Linkspartei in Schwerin fest. "Die Regierungspartei in Schwerin wurde nicht abgestraft. Insofern ist das Ergebnis in Berlin keine pauschale Absage an Regierungsbeteiligungen", sagt der Landeschef von Sachsen-Anhalt, Matthias Höhn.Für Berlin fallen die Analysen schwerer. Gerade, die über die vergangenen Jahre an der Macht. Man müsse darüber nachdenken, sagt Spitzenkandidat Harald Wolf, ob "wir nicht stärker hätten Profil zeigen müssen." Dabei war doch gerade die Führungsspitze der Berliner Linkspartei - Wolf, Lederer und Fraktionschef Stefan Liebich, immer stolz darauf, Koalitionskonflikte intern zu lösen. Eben das trug der Partei den Vorwurf ein, sich der SPD und ihrer Sparpolitik zu unterwerfen. Nun sagt Kultursenator Thomas Flierl: "Es ist ein Problem, dass wir wohl zu wenig konfliktfreudig innerhalb der Koalition waren."Muss also etwas anders werden, falls die PDS noch einmal regiert in Berlin? "Es muss eine Kultur entwickelt werden", sagt Flierl in seiner typischen gewundenen Abstraktion, "die Koalition zu tragen und gleichzeitig aber auch Konflikte öffentlich auszutragen."Stefan Liebich, der Fraktionschef, hat auch schon einige Fernsehrunden hinter sich. Einen Schuldigen für die Verluste habe er aber schon gefunden, erklärt er dann. Es sei die WASG, die in Berlin bekanntlich trotz bundesweiten Fusionsbemühungen eigenständig angetreten ist. Vor einem Jahr, als es die WASG Berlin als radikale linke Alternative noch nicht gab, rechnet Liebich vor, hätten die Umfragewerte für die Linkspartei um genau diese paar Prozent besser gelegen.Wowereits kleine DrohungAuch Parteichef Klaus Lederer sieht das so. "Wenn die Linken miteinander gehen, dann funktioniert es auch. Wenn nicht, dann geht es eben nicht", sagt er - und guckt plötzlich nicht mehr so trübe und resigniert wie noch eben. Sein Blick ist auf einmal wütend. Er steht immer noch kamerafertig geschminkt am Festsaal-Büfett und schaut auf die TV-Leinwand, wo Wahlsieger Klaus Wowereit gerade sagt, er wolle sich jetzt nicht festlegen, wen er lieber als Koalitionspartner hätte, die Grünen oder die Linkspartei.Liebich bleibt gelassen. Er entgegnet nur knapp. "Hätte ich auch so gesagt."------------------------------Grafik: Zweitstimmen-Ergebnisse der Linkspartei in Berlin------------------------------Foto: Mehr als nur kosmetische Verluste. Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei) sagt: "Das ist ein Ergebnis, das absolut nicht befriedigend ist."
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