Berlins schönste Privatsammlung: Die Skulpturen der Familie Bollert im Kulturforum

Die Seelen der Spätgotik

Sebastian Preuss
5 Min

Ein Sammlungswunder ist zu besichtigen. Die Skulpturengalerie zeigt im Kulturforum das letzte überlebende Relikt aus der großen, heute weit entrückten Zeit der Berliner Kunstkenner und Mäzene. Mehr noch: Die Kollektion, die Justizrat Gerhart Bollert (1870 bis 1947) zwischen 1910 und 1939 zusammentrug, gehört zu den bedeutendsten Gruppen spätmittelalterlicher Skulptur, die je ein deutscher Privatsammler besaß. Keine vergleichbare Sammlung hat in Berlin, ja in Deutschland überlebt, und auch Bollerts Kunstbesitz konnte nur durch Zivilcourage und Flucht bei Nacht und Nebel vor der Zerschlagung gerettet werden.Lieselotte Bollert, Schwiegertochter und soeben neunzig Jahre alt gewordene Haupterbin des Sammlers, berichtet im Katalog, wie sie in den Nachkriegsjahren mit Beharrlichkeit den Ostberliner Behörden ihren Besitz wieder abjagen konnte. 43 von rund 250 Werken waren 1943 einem Bombenangriff zum Opfer gefallen, die restlichen Skulpturen überdauerten an ostdeutschen Auslagerungsorten, wo sie 1946 beschlagnahmt und auf die Berliner Museumsinsel gebracht wurden. Mit vielen Tricks erlangte die Familie 1950 schließlich 89 Werke zurück, die sie, von der Staatssicherheit bedroht, heimlich von Teltow nach West-Berlin brachte. 48 Stücke, darunter viele Hauptwerke, mussten als "Entschädigung" im Bodemuseum verbleiben. Erst im Sommer 1990, noch vor der Wiedervereinigung, gab das Museum die Skulpturen in einer spontanen Geste an die Familie zurück.Nach einer ersten kleineren Ausstellung 1970 in Dahlem ist die Sammlung mit rund 120 Werken nun in allen erhaltenen Teilen zu sehen, darunter als Leihgaben auch einige der 23 Stücke, die die Familie in den Nachkriegsjahrzehnten verkaufte. Obgleich die Bollerts schon seit vielen Jahren einen engen Kontakt mit der (zunächst nur Westberliner) Skulpturensammlung pflegten und hierin Kontinuität demonstrierten, ist die Ausstellung auch ein programmatisches Zeugnis der neuen Ära unter Generaldirektor Peter-Klaus Schuster. Beinahe pathetisch ruft sie die bedeutendste Epoche der Berliner Museen unter Wilhelm von Bode in Erinnerung. Man durchwandert sie wie einen Probelauf für die Neueinrichtung des Bodemuseums, wo die gattungsübergreifenden Hängeprinzipien des Sammlungsfürsten wieder aufleben sollen.Wie nie zuvor seit dem Untergang der preußischen Museen ist in der Ausstellung das enge Wechselspiel zwischen Bodes Stilräumen und der Atmosphäre privater Sammlungskabinette wiedererstanden. Die karge Halle im Kulturforum wurde zu einer romanischen Pfeilerhalle umgebaut, wie bei Bode treten Schulzusammenhänge zu Gunsten einer ästhetischen Anordnung zurück. Das Mittelschiff ist nur spärlich bestückt und ganz den beiden Zentralgestirnen der Sammlung, dem Meister der Biberacher Sippe und Tilman Riemenschneider, überlassen. An den Wänden sind die Bildwerke symmetrisch angeordnet und auch in den Jochen zwischen den Pfeilern verdrängt die optische Wirkung den kunsthistorischen Zusammenhang.Der leichte Muff, den Bodes Kabinette zumindest auf den Fotos immer verströmen, ist vermieden - es ist offenbar genau das erreicht, was Generaldirektor Schuster gerne als "Bode light" anpreist, sich bislang aber niemand so recht vorstellen konnte. Wertvoll in diesem Zusammenhang sind am Eingang die 1939 entstandenen Innenaufnahmen aus Bollerts Haus an der Berliner Straße (heute Straße des 17. Juni). Der Justizrat erwarb die spätklassizistische Villa Gebauer im Jahr 1910 und ließ sie vom Messel-Schüler Alfred Breslauer umbauen. Die Kunstwerke dienten zunächst vor allem der stilvollen Einrichtung, doch mündete die zunehmende kunsthistorische Kennerschaft bald in Sammelleidenschaft. Wilhelm von Bode und die Kustoden der Skulpturensammlung begleiteten intensiv den Aufbau der Kollektion, oft zum Wohl des Kaiser-Friedrich-Museums, dem Bollert mehrfach Werke stiftete, aber auch "Doubletten" - darunter ein heute höher eingestufter Gnadenstuhl aus dem Riemenschneider-Umkreis - abkaufte. Dem damals vorherrschenden Geschmack verpflichtet, sammelte er zu Beginn auch italienische Bildwerke des Spätmittelalters, doch verdichtete sich sein Interesse mit den Jahren auf die deutsche Spätgotik, die reiche Epoche der Holzskulpturen und Schnitzaltäre in den Jahrzehnten vor und nach 1500. Der "weiche" Stil der Zeit um 1400 ist wenig vertreten, obgleich das Urstück der Sammlung, Hochzeitsgeschenk von 1908, eine mittelrheinische, um 1420/30 entstandene Version der "Schönen Madonnen" darstellt.Die Vorliebe Bollerts galt der spätesten Spätgotik, als die deutsche Plastik ein Höchstmaß an beseeltem Ausdruck und auch schon emotionaler Individualität erlangte. Bollert achtete darauf, dass die prägenden Kunstlandschaften am Rhein, in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz gebührend vertreten waren. Ein Schlaglicht setzte er auch auf die Niederlande, die ihre charakteristisch kleinteiligen Altäre nach ganz Europa exportierten. Besonders reich ist Franken dokumentiert. Hier gelang Bollert 1923 sein bedeutendster Ankauf mit Riemenschneiders Gastmahl des Simon vom Münnerstadter Retabel. Die Erben verwahrten das Relief seit 1952 im Bayerischen Nationalmuseum in München, das dann bei der Veräußerung im Jahr 1979 gegenüber Berlin den Zuschlag erhielt. In der Ausstellung ist nun das Münchner Werk mit den Berliner Teilen des Altars als Blickpunkt der Hauptachse wieder vereint.Im sorgfältigen Katalog konnten einige Werke neu lokalisiert, zugeschrieben oder datiert werden, so dass die Sammlung auf der Höhe des Forschungsstands präsentiert ist. Die Besitzer geizten nicht mit Dank und stellen mittlerweile sogar in Aussicht, die Sammlung dauerhaft als geschlossenes Ensemble ins Bodemuseum zu integrieren. Nach Heinz Berggruen und der jüngsten glücklichen Gabe des Ostasien-Sammlers Klaus Naumann haben sich die Berliner Museen damit ein weiteres Mal ihren einst so guten Ruf bei Kunstmäzenen zurückerworben.BERLIN Sammlung Bollert // Rund 250 Skulpturen der Spätgotik und der Renaissance sowie Möbel und einige Gemälde, darunter ein Moroni, sammelte Gerhart Bollert zwischen 1910 und 1939. Rund 120 Werke sind noch in Familienbesitz.Die Ausstellung im Kultur- forum läuft bis zum 1. Oktober. Geöffnet Di, Mi, Fr 10-18, Do 10-20, Sa und So 11-18 Uhr.Der Katalog beleuchtet die Geschichte der Sammlung, zeigt alle Werke in Farbe und kommentiert sie ausführlich. Er kostet im Museum 49 Mark. // KATALOG SKULPTURENGALERIE (2) Meister der Biberacher Sippe: Anna Selbdritt, Schwaben, um 1520 // Treppenaufgang in der Villa Gebauer mit Werken der Sammlung Bollert, Aufnahme von 1939

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