Was da in wenigen Tagen zwischen Berlin und Warschau ins Rollen kommt, dürfte weltweit einzigartig sein. Ein internationaler Fernverkehrszug wird auf 512 Kilometern zur Bühne für Konzerte, Theater, Tanz, Lesungen und Debatten. Bahn frei für den Kulturzug 2.0.
Langeweile während der Fahrt? Das gibt es im Berlin–Warszawa-Express nicht mehr. „Bei acht Fahrten hängt ein Salonwagen der polnischen Staatsbahn PKP am Zug“, sagt Oliver Spatz von der Europäischen Akademie Berlin. Der Wagen wird anheimelnd gestaltet und zum Schauplatz eines mehrsprachigen Kulturangebots.
Mehr als 30 Veranstaltungen, zahlreiche Musikensembles, fast 60 Künstler: Das Programm ist im Internet verfügbar. Das rollende Kulturhaus auf Schienen zwischen Deutschland und Polen ist der Nachfolger des ersten Kulturzugs, der 2016 bis 2025 Berlin mit Wroclaw (Breslau) verband. „1542 Fahrten fanden statt“, erinnert sich Spatz.
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Kulturzug nach Berlin: Das Programm der ersten Fahrt
Die erste Fahrt des Kulturzugs 2.0 beginnt laut Plan am Donnerstag (24. September) um 15 Uhr im Hauptbahnhof Warszawa Centralna. Dann soll in dem makellos sanierten Empfangsgebäude von 1975, das als Meisterwerk der modernistischen Architektur gilt, der Eurocity EC42 nach Berlin über Poznan (Posen) abfahren. Mit dabei: der Salonwagen. Eintritt wird dort nicht verlangt, für Besucher ist das Programm gratis.
Los geht es gegen 16.30 Uhr. Dann präsentiert die Band Warszwaskie Combo Taneczne Warschauer Lieder der Vorkriegszeit. Anderthalb Stunden später gibt das Teatr Wielki aus Poznan Einblicke in sein Opern- und Theaterprogramm. Emily Intsiful, Jazzsängerin mit ghanaisch-liberianischen Wurzeln, singt Lieder von Hildegard Knef.
Später, wenn der Zug (hoffentlich) schon auf die Grenze zurollt, wird das Deutsch-Polnische Barometer vorgestellt. Ein Projekt, das seit 26 Jahren die Meinungen, die beide Nachbarn voneinander haben, erfragt. Zuletzt geht es um Frauen, Widerstand, Berlin: Erzählt wird, wie polnische Frauen Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisteten. Um 20.25 Uhr soll der Eurocity in den Berliner Bahnhof Gesundbrunnen einfahren.
Testlauf im vergangenen Jahr: Im Februar 2025 charterte die Kulturprojekte GmbH einen Salonwagen des Zugbetreibers PKP Intercity. Er verkehrte als Teil des regulären Eurocity sechsmal zwischen Berlin und Warschau – mit vielen Kulturangeboten an Bord.
© Peter Neumann/Berliner Zeitung
Die Premiere auf Berliner Seite ist für Freitag, den 25. September, geplant. Schauplatz ist der Berlin–Warschau-Express EC45, der um 9.44 Uhr am Gesundbrunnen und um 9.57 Uhr in Lichtenberg abfahren soll.
Bei der ersten Fahrt des Kulturzugs 2.0 nach Polen beginnt das Programm um 10.30 Uhr mit einem Konzert unter dem Titel „Grenzüberschreitende Klangwelten“, gefolgt von Diskussionen, Theater, Mundharmonika-Musik und einer Ausstellung.
Und so soll es weitergehen: viermal nach Osten, viermal nach Westen. Mal geht es um den polnischen Regisseur Andrzej Wajda und seine Bedeutung für die europäische Filmgeschichte. Dann wird der Salonwagen zur Zirkusarena, oder das Goethe-Institut lädt zum Deutschland-Quiz ein. Das Computerspielemuseum Berlin bittet an die Joysticks. Schließlich wird der Berlin–Warschau-Express zum Modezug.
Am Sonnabend, 10. Oktober, soll der Kulturzug 2.0 in Berlin zu seiner letzten Fahrt in diesem Jahr aufbrechen. Nach der Ankunft in Warschau wird der Salonwagen wieder abgeschmückt. Dann findet auf beiden Seiten die Auswertung statt. Übung haben die Beteiligten bereits: Vom 11. bis 16. Februar 2025 war der Kulturwagen schon sechsmal auf Tour.
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Kulturzug 2.0: So viele Anlässe, so viele Geldgeber
Für das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen ist 2026 auf jeden Fall ein besonderes Jahr. „Dieses Jahr steht der Kulturzug im Zeichen wichtiger deutsch-polnischer Jubiläen: 35 Jahre Städtepartnerschaft Berlin–Warszawa, 35 Jahre Deutsch-Polnischer Nachbarschaftsvertrag und 20 Jahre Oderpartnerschaft“, erklärt Oliver Spatz.
Das Programm an Bord wird in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern umgesetzt. Dazu gehören das Deutsche Polen-Institut, das Polnische Institut Berlin, das Pilecki-Institut Berlin, das Deutsch-Polnische Haus, das Goethe-Institut Warszawa und viele weitere Akteure aus Kunst, Kultur, Bildung, Politik und Zivilgesellschaft.
Anders als der Kulturzug Berlin–Breslau, der fast ausschließlich von deutscher Seite finanziert wurde, ist das rollende Kulturhaus zwischen Berlin, Posen und Warschau eine gemeinschaftliche Angelegenheit. Das Projekt, das die Europäische Akademie von den Kulturprojekten Berlin übernahm, hat viele Geldgeber: die Lotto-Stiftung Berlin, das Land Berlin, aber auch die Städte Poznan und Warschau.
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Die Akteure heben auch die polnische Bahn PKP lobend hervor. Sie stellt nicht nur den Salonwagen und sorgt dafür, dass er am Zug hängt. Ein Barter Deal, ein Tauschgeschäft ohne Geldfluss, führt im Ergebnis dazu, dass für den Wagen und den Betrieb so gut wie keine Kosten anfallen. Schließlich sorgen die Kulturleute für die Gestaltung und das Personal.
Nicht zu vergessen das Bundesministerium für Verkehr, das mit einem mittleren fünfstelligen Eurobetrag für technische Kosten und einen Teil der Gestaltung aufkommt. „Viele Akteure haben uns geholfen“, fasst Oliver Spatz von der Europäischen Akademie zusammen. So können pro Fahrt sechs Programmpunkte finanziert werden.
Fahrgäste steigen am 27. April 2024 im Bahnhof Ostkreuz in den Kulturzug nach Breslau. Im vergangenen Jahr, am Ende der zehnten Saison, fand die letzte Fahrt statt.
© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung
Schon der Kulturzug zwischen Berlin und Wroclaw war ein einzigartiges Projekt, das für Aufsehen sorgte. Nachdem die Staatsbahnen DB und PKP die letzte Fernzugverbindung eingestellt hatten, sprangen die Länder Berlin und Brandenburg ein. Sie finanzierten einen Regionalzug, der an zahlreichen Wochenenden freitags bis sonntags Berlin mit der Oderstadt verband. Die erste Fahrt fand am 30. April 2016 statt.
Oliver Spatz gehörte zu den Organisatoren. „Ich bin mehr als 200-mal mitgefahren“, berichtet er. Nach Angaben der Kulturprojekte GmbH waren in dem von DB Regio gestellten Dieseltriebwagen-Pärchen über die Jahre insgesamt weit mehr als 100.000 Fahrgäste unterwegs. Mehr als 1200 Künstler und Musiker traten auf.
Zwar ließ die Corona-Pandemie auch im Kulturzug nach Schlesien die Fahrgastzahlen sinken. Doch danach brachte der rote Zug im Schnitt wieder 300 bis 500 Besucher nach Breslau sowie in die anderen polnischen Städte an der Route.
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Der erste Kulturzug hatte allerdings keine polnischen Geldgeber. Berlin und Brandenburg mussten nicht nur für den Betrieb auf deutscher Seite aufkommen. Auch für den langen Abschnitt in Polen übernahmen sie die Kosten, die für das Zugpersonal und die Nutzung der Infrastruktur fällig wurden. Dem Vernehmen nach summierten sich die Ausgaben allein 2024 auf 2,1 Millionen Euro, davon 180.000 Euro für die Kulturangebote im Zug. DB Regio stellte immer höhere Rechnungen.
Im vergangenen Jahr zogen die Bundesländer die Reißleine. Die Triebwagen der Baureihe 646 brachen Ende Dezember 2025 zu ihren letzten Fahrten auf. Seitdem ist der Kulturzug 1.0 Geschichte.
Sie waren schon seit einiger Zeit nicht mehr die einzige Bahnverbindung zwischen Berlin und Breslau: Inzwischen fahren wieder Eurocitys auf der Strecke – wenn nicht wieder Bauarbeiten in Deutschland zu Unterbrechungen führen.
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