Typisch, diese Journalisten. Bernd Buchholz verdreht die Augen. Gerade hat er noch launig über die hässlichen Wandschränke in seinem Büro gelästert, sich über die hinter der einen Tür verborgene Hotelbar amüsiert und eine weitere Tür geöffnet, hinter der das Waschbecken versteckt ist, an dem sich seine Vorgänger frisch gemacht haben. Dann meckert er über die blöde Zimmerpalme und erzählt, dass dieses Holzlättchen, das aus der Blumenerde ragt, das Geschenk eines Bekannten ist. Der fand es auf einem Friedhof. "Pflege - Bernd Buchholz" steht darauf. Ein Namensvetter, offensichtlich ein Friedhofsgärtner. Und was muss er nun befürchten? Dass diese Anekdote als Einstieg in den Artikel über seine Arbeit als Vorstandschef von Gruner+Jahr dienen wird.Nein, G+J ist kein Friedhof, und Stern, Brigitte und Geo sind keine Särge, über denen sich demnächst die Deckel schließen. Ernst ist die Lage aber, wie die Halbjahreszahlen von Europas größtem Zeitschriftenverlag belegen. Um zehn Prozent ist der Umsatz geschrumpft, um ein Viertel das Anzeigengeschäft; der Verlag ist nur noch halb so rentabel und schreibt rote Zahlen. Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist miserabel. Buchholz singt eine Textzeile von Silbermond: "Gib' mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint". Verständnis habe er wohl für diesen Wunsch, sagt Buchholz. Erfüllen könne er ihn nicht.Anders als andere Kollegen innerhalb der Konzernmutter Bertelsmann konnte Buchholz sich mit dem Betriebsrat noch immer nicht über einen befristeten Gehaltsverzicht einigen, im Gegenzug für beschäftigungssichernde Regelungen. Er klagt über fehlendes Problembewusstsein, darüber, wie er versucht, den Mitarbeitern klarzumachen, "dass die Umbauarbeiten keine Sparmaßnahmen sind, die morgen beendet werden können. Wir befinden uns in einem Prozess, in dem wir das Kerngeschäft umbauen müssen." G+J müsse lernen, dauerhaft mit geringeren Werbeumsätzen umzugehen.Der Verlag hat Bertelsmann zugesagt, bis Jahresende 200 Millionen Euro einzusparen. Etwa die Hälfte davon ist geschafft. Das meiste durch "kurzfristige Maßnahmen, die ihre Wirkung erst im zweiten Halbjahr voll entfalten", "aber nicht dauerhaft durchzuhalten sind", sagt Buchholz. "Wir haben die eine oder andere Strukturanpassungsmaßnahme noch vor uns." Im riesigen Apparat Anzeigenbereich wie in den Redaktionen.Ob die Zentralredaktion der vier Wirtschaftstitel Modell für weitere Magazine sein könnte, will Buchholz nicht ausschließen, fügt aber hinzu: "Zentrale Strukturen für den Stern wären Unsinn". Aus allen Verlagsgruppen werden derzeit Vorschläge gesammelt. Entscheidungen sind im Herbst zu erwarten.Um sich sein aufwändiges Anzeigen- und Vertriebssystem weiter leisten zu können, will es Buchholz vermarkten. Jüngst gewann der G+J-Vertrieb Konkurrenztitel wie Cosmopolitan und Joy als Kunden: "Wir müssen in der Lage sein, Dinge mit anderen gemeinsam zu machen, die vielleicht gar nicht mehr in der Lage sind, ihr Geschäft alleine weiter zu betreiben. Der Konsolidierungsdruck zwingt uns zusammenzuarbeiten, möglicherweise sogar zu verschmelzen."Während Gruner+Jahr in Spanien 200 von 750 Stellen streicht und das Osteuropa-Geschäft wackelt, boomt China, von dort fließen "relevante Ergebnisbeiträge". In Deutschland dagegen gilt es, das Kerngeschäft zu sichern: "Publikumszeitschriften mit hoher journalistischer Qualität, das soll unser Kernmarkt auch in Zukunft bleiben, trotz und nach dem Umbau des Hauses" - zu dem, was man einen Marketing-Dienstleister nennen könnte. Zwar gründet G+J fleißig Neues und testet neben dem Elternmagazin Nido demnächst den Männer-Kochtitel Beef, das "Business-Lifestyle"-Blatt Business Punk und Gala For Men. Signifikantes Wachstum verspricht sich Buchholz aber von einem völlig neuen Geschäftsfeld: Professional Publishing. Es geht um Fachinformationen auf Basis Datenbank-gestützter Informationssysteme.Potenzial sieht Buchholz auch bei Corporate Media. Gruner+Jahr betrieb das Geschäft mit Kundenmagazinen (DB mobil, Lufthansa) bisher beiläufig. Einen neuen Auftrag konnte der Verlag in Deutschland bislang nicht an Land ziehen. Die Präsentation um das "Mini"-Magazin von BMW, seit Jahren in der Hand von Konkurrent Hoffmann & Campe, hat G+J verloren. Pikant war, was das Medium Magazin gerade herausfand: Ausgerechnet Brigitte-Chef Andreas Lebert hatte das Konzept entwickelt und bei BMW präsentiert. Der Konflikt ist offensichtlich: Der Chefredakteur einer Publikumszeitschrift ist ausschließlich dem Leser, der eines Kundenmagazins dem Auftraggeber verpflichtet - und damit einem potenziellen Anzeigenkunden von Publikumstiteln. "Ich sehe keine Konflikte, solange die Bereiche sauber voneinander getrennt sind. Das gewährleisten wir", sagt Buchholz. In diesem Fall haperte es mit der Trennung. "Dass ein Chefredakteur zu einem Thema mal eine Idee hat, will ich nicht ausschließen", redet sich Buchholz heraus: "G+J legt höchsten Wert auf die journalistische Unabhängigkeit seiner Zeitschriften. Und wann diese tangiert ist, beurteilen meine Chefredakteure selbst. Sollte ich das Gefühl haben, dass einer Dinge macht, die er nicht tun sollte, dann sage ich es ihm."Bernd Buchholz lässt seine Chefredakteure nicht zum Bock und sich selbst nicht zum Friedhofsgärtner machen, wenn er zu Gesprächsende bekennt: "Es wird noch ganz lange sehr gut und sehr profitabel Zeitschriften und Zeitungen geben, die sich mit hochqualitativem Journalismus von anderen Medien deutlich abheben. Wir dürfen aber nicht die Augen verschließen vor Strukturveränderungen. Wir dürfen das nicht alles gleich totreden, sondern müssen etwas dafür tun, damit sich dieses Geschäft für die Printmedien insgesamt belebt."Das dachten wohl auch die Stern-Chefredakteure. In ihrer Einladung für den 29. September zum "Krisen-Fest" ins Hauptstadtbüro des Magazins verlangen sie von den Gästen "Eintritt": "Sie bringen etwas mit - zu essen oder zu trinken. Für sich und für alle. Von der Bulette bis zum Nudelsalat, vom Pils bis zum Bordeaux." Darunter stand der Appell: "So packen wir die Krise. Gemeinsam."------------------------------"Zentrale Strukturen für den Stern wären Unsinn." Bernd BuchholzFoto: Bernd Buchholz ist seit Anfang des Jahres Vorstandsvorsitzender des Verlags Gruner+Jahr. Davor leitete er das Zeitschriftengeschäft des Hauses, in dem unter anderem der Stern erscheint. Er will bis Ende 2009 200 Millionen Euro sparen.
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