Biografie versus Werk" war als Motto ausgegeben für die Experten-Diskussion, die sich am Mittwochabend im Berliner Brecht-Haus mit Erwin Strittmatters Eingebundensein in den NS-Vernichtungskrieg befasste. Ob wir denn - so lautete die Eingangsfrage - das Erzählwerk dieses Dichters, das vor allem in Ostdeutschland Millionen Lesern wegbegleitend war, nun doch in Frage stellen müssen. Oder ob wir es, ungeachtet aufgelöster Lebens-Legenden, auch bei Strittmatters Kunst einfach weiter mit Foucault halten könnten: Wen kümmert's, wer spricht?Es war der Sache dienlich, dass der Abend sein Thema zunächst zu verfehlen schien. Galt es doch neue Material über Strittmatters Kriegsdienste zur Kenntnis zu nehmen. Sie kamen von dem Historiker Bernd-Rainer Barth ("Wer war wer in der DDR?"). Im Juni 2008 hatte der Germanist Werner Liersch erstmals offen gelegt, dass Strittmatter im berüchtigten Polizei-Gebirgsjägerregiment 18 diente, das von Finnland bis Griechenland Massenmorde an Juden, Partisanen, Zivilisten beging und von Himmler in den "Ehrenrang" eines SS-Regiments erhoben wurde. Daraufhin war Barth vom Aufbau-Verlag und der Witwe Eva Strittmatter mit einer prüfenden Parallelrecherche beauftragt worden.Sich von Liersch methodisch abgrenzend, der bei weitgehend vernichteten Primärquellen aus Vermutungen unzulässige Verdächtigungen hergeleitet habe, wollte Barth seinem Publikum als vorurteilsloser Aufklärer erscheinen. Weder für eine Anklage noch für eine Verteidigung Strittmatters seien bislang hinreichende Belege da. Doch präsentierte Barth bemerkenswerte neue Funde: die aufregendste dabei eine NS-Karteiauskunft von 1940 über Strittmatters rassenbiologische Tauglichkeit für die SS; sie konnte zum damaligen Zeitpunkt nur nach einem freiwilligen Eintrittsantrag zustande gekommen sein. Aus dem Geist des Strittmatterschen Elternhauses erkläre sich dieser Schritt nicht, auch die Gründe für den abschlägigen Bescheid lägen nicht offen.Gesicherte Aussagen trifft Barth über das Agreement, das der in der DDR renommierte Autor mit "seiner Partei" traf, seine eingestandene "Handlangerschaft" für das NS-System zugunsten einer antifaschistischen Wandlungsrolle kleinzureden. Die Stasi spielte mit. Eine bislang nicht recht ergründete kurze "Schutzhaft" nach dem Machtantritt der Nazis wurde für die offizielle Biografie zum Widerstandsakt stilisiert. Strittmatters Aussage, er sei sofort nach seiner Ausbildung für die faschistische Ordnungspolizei dort Schreiber geworden, und er habe im Verlaufe der Kriegszeit keinen einzigen Schuss abgegeben, hält Barth nach seinen Recherchen für unwahrscheinlich. So schnell sei ein so begehrter Posten für einen Einsteiger nicht zu erlangen gewesen. Der Militärhistoriker Ralph Klein von der TU Dortmund stimmte Barth darin zu. Und selbst "nur" der Aufschreiber der Massaker hätte nach dem Krieg allen Grund, die Wahrheit zu scheuen.Barth konnte nur einen Zwischenbericht geben. Seine Tatsachen-Rekonstruktion ist längst nicht abgeschlossen. Manchen Aufschluss gäben wohl Briefe von Erwin Strittmatter, die im Schulzenhofer Archiv liegen; doch seine Witwe verweigert derzeit Einblicke.Aber wie denn nun mit dem Werk umgehen, hakte der Moderator Jörg Sundermeier schließlich denn doch nach, "ab in die Tonne - oder .?" Der Germanist Dieter Schlenstedt meinte dazu: Nach allem, was man nun weiß, hätte das Motto des Abends besser umgekehrt "Werk versus Biografie" heißen sollen: Habe Strittmatters Bewältigungsstrategie doch eben darin bestanden, sich einen poetischen Kosmos zu schaffen als "Gegenwelt", als "Wunschautobiografie", durch die er als ein "Wundertäter" hindurchging. Das Problematische liege in einem "doppelte Konvertitentum": Erst habe Strittmatter sich, wie er glaubte, eine Schuld "einreden" lassen, die ihn zur Sühne in die Partei führte. Diese Bußfertigkeit habe er später bereut und sei ein zweites Mal konvertiert: hin zu einem unpolitischen Menschen, der den Gedanken an die Veränderbarkeit der Welt aufgegeben hat .Wohl eher rhetorisch fragte am Ende der Aussprache ein älterer Herr und Strittmatter-Fan, was er denn tun solle, wenn er doch die "wunderbaren Bücher" des E. S. auch fürderhin zum Leben brauche. Zurufe: "Wieder lesen!" Könnte ja sein, dass sie gerade jetzt noch aufregender geworden sind.------------------------------Foto: Immer gerne mit Hund: Erwin Strittmatter (14. 8. 1912 bis 31. 1.1994).
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