MADRID. Als Ramón Calderón in der Sonntagnacht mit eingefrorenem Gesicht von der Ehrentribüne des Bernabéu-Stadions auf das Nichts vor ihm starrte, glaubte der Präsident von Real Madrid, noch immer einen guten Grund zu haben, seinen Trainer Bernd Schuster nicht zu entlassen. Calderóns Aberglaube sprach noch für den Deutschen, nachdem Real mit der 3:4-Niederlage gegen den FC Sevilla auf Platz fünf der spanischen Liga abgerutscht war. Denn vor zwei Jahren hatte alle Welt von Calderón in vergleichbar desperater Situation die Entlassung des damaligen Trainers Fabio Capello gefordert, der Präsident aber widerstand und Real wurde sensationell noch Meister. So wollte er es wiederholen.Zwei Tage später jedoch hatten seine Vertrauten Calderón überzeugt, dass es, selbst im Fußball, noch ein paar bessere Argumente als Aberglaube gibt. Am Dienstagmittag wurde Bernd Schuster, 48, beurlaubt. In den jüngsten acht Spielen war Real im nationalen Pokal an einem Drittligisten gescheitert sowie von Juventus Turin bloßgestellt worden und hatte drei von fünf Ligaspielen verloren. Juande Ramos, zweimal Uefa-Cup-Sieger mit Sevilla und unlängst bei Tottenham Hotspur in England selbst freigestellt, übernahm Schusters Posten fliegend, zunächst bis zum Saisonende auf Probe.Machtkämpfe und IntrigenDie Entlassung am Tag vor dem Champions-League-Spiel gegen Sankt Petersburg und vier Tage vor dem Klassiker beim FC Barcelona, kam so jäh und stillos wie es die Zustände bei Real erwarten lassen. Obwohl der Klub in Calderóns Amtszeit zweimal spanischer Meister wurde, zunächst unter Capello, dann vergangene Saison in Schusters Debüt-Jahr, hyperventilierte der Klub permanent im Angesicht interner Machtkämpfe und Intrigen. Sportdirektor Pedja Mijatovic etwa trat oft nicht wie ein enger Kollege, sondern als Gegner Schusters auf. Bei etlichen Transfers ignorierte er den Trainer. So klang es ungewollt ironisch, als Mijatovic verkündete, er habe Schuster "in einem angenehmen Gespräch" entlassen. Schuster sagte gar nichts.Zu viel in diesem Klub wird in Kurzschlusshandlungen entschieden, vor allem das Wichtigste, die Spielerkäufe. Heraus kam eine Elf ohne einen rechten Mittelfeldspieler und mit nur einem - nun verletzten - echten Mittelstürmer von Klasse, Ruud van Nistelrooy. Als Schuster vor der Saison einmal mit David Belenguer Essen ging, der vor zwei Jahren beim FC Getafe sein Kapitän gewesen war, "sah er es schon kommen", sagt Belenguer: "Er wusste, falls bei diesem Spielerkader noch Verletzungen dazukämen, würde es ihm schlimm ergehen."Das relativiert Schusters jüngste Misserfolge. Ernsthaft verteidigen aber kann ihn niemand. Er wird, das bestätigte er in den anderthalb Jahren in Madrid, bis zu seinem Lebensende letztlich ein Rätsel bleiben, auch sich selbst. Einmal, zu einem Telefonat verabredet, hob er den ganzen Nachmittag nicht ab und sagte am nächsten Tag zur Begründung, er sei sehr wohl rangegangen, "aber da war so ein Mexikaner aus München dran", was offenbar heißen sollte: Da verging mir die Lust zu telefonieren. So sprunghaft verhielt er sich offenbar zuletzt auch gegenüber seinem Team. Er verträgt Niederlagen nicht, sie rauben ihm den Verstand, und offenbar entzog er seiner Elf die Liebe. Spieler streuten in der Presse, beim Aus im Pokal gegen Irun habe er beleidigt in der Halbzeit kein Wort gesagt.Raúl, der Kapitän, sagte am Montag, er vertraue "im Moment mehr den einzelnen Spielern als dem Spielsystem". Das war in der diplomatischen Sprache des Kapitäns eine Frontalkritik am Mann, der für das Spielsystem zuständig ist. Tatsächlich lag Schuster, was die Taktik betraf, ganz auf der Linie des Klubs: Man konnte erkennen was er wollte, aber Systematik sieht anders aus. Er hat einen enormen Fußballverstand, er hat seine vorherigen Teams wie Getafe exzellent gestaffelt, er hat Real im ersten Jahr mit Testosteron-Fußball zum Meister gemacht - und trotzdem kündigte sich dieses Scheitern lange und langsam an. Ein so unsteter Verein ist kein Ort für einen Trainer, der vieles kann, außer sich beherrschen. Der große Bernd Schuster ging und sprach vor einigen Tagen ein paar letzte, berühmte Worte: "Mir geht es phänomenal. Alles andere ist eine Erfindung der Presse."------------------------------"Mir geht es phänomenal. Alles andere ist eine Erfindung der Presse." Bernd Schuster------------------------------Foto: Der Sprint der Dinge: Nur 17 Monate war Bernd Schuster Trainer beim spanischen Rekordmeister Real Madrid.
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