Besessen von den Pyramiden: Fast die Hälfte seines Lebens verbrachte Friedrich W. Hinkel im Sudan

Der Schatz sucht einen Erben

Ursula Engel
5 Min

Frühmorgens um fünf zieht es Friedrich W. Hinkel in den Keller seines Grünauer Hauses. Dort hütet der Architekt und Pyramidenforscher einen wahren Schatz: die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner jahrzehntelangen Forschungen. Besessen arbeitet er hier, wühlt sich durch voll gestopfte Regale, Stapel von Kisten und Schuber mit unzähligen Fotos von antiken Reliefversatzstücken, die zusammengepuzzelt werden müssen. Viele Rekonstruktionszeichnungen der insgesamt 223 sudanesischen Pyramiden mehr als es in ganz Ägypten gibt warten im Keller auf ihn. Zigtausend Dias und Zeichnungen gehören dazu. Eine Sammlung, wie es sie auf der ganzen Welt nicht umfangreicher und vollständiger gibt.Hinkel ist vielleicht der einzige große Abenteurer der DDR: Fast die Hälfte seines Lebens hat der 74-Jährige im Sudan verbracht. Er entdeckte den einzigen Bauplan einer Pyramide, rettete unzählige antike Baudenkmäler vor dem Verfall. Für sich persönlich hat er wenig aus dem exotischen Land mit nach Ost-Berlin gebracht: Ein Affenfell an der Wand im Flur "damals wusste ich noch nicht, dass man so was nicht haben soll" und ein selbst geschossenes Krokodil, das er in einer Kiste auf dem Dachboden verwahrt.Eine Tochter blieb immer zurück"Ich habe im Laufe der Jahre Material zusammengetragen, um mindestens zehntausend archäologische Plätze des Sudans zu beschreiben", sagt Hinkel. Eine gigantische Forschungsarbeit, die der Wissenschaftler seit vielen Jahren im Alleingang betreibt. Zwei Bände seiner Archäologischen Karte des Sudans (Archäological Map of the Sudan) mit insgesamt 2 000 archäologischen Plätzen sind bisher erschienen. Für den dritten fehlen die Forschungsgelder.Wenn Hinkel von seinen Erlebnissen im Sudan erzählt, von den Sonnenaufgängen an den Pyramiden, von dem Skorpion aus seinem seinem Zelt, der heute präpariert im Flur hängt, dann überlegt er, die großen Hände ruhig im Schoß liegend, genau, was er sagt. Große Gesten sind nicht seine Sache, doch tanzen leidenschaftliche Funken in seinen Augen, begeistern seine Erzählungen. Und immer wieder taucht im Hintergrund auch die tragische Seite dieses außergewöhnlichen Lebens auf. Seine Hoffnung, anderen Forschern ein geordnetes Erbe zu hinterlassen, schwindet. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Hinkels jüngere Tochter Mariam wollte diesen Part übernehmen, doch bei einem Autounfall während einer Ausgrabung in Syrien kam sie vor zehn Jahren ums Leben. Ein persönlicher Verlust, den Hinkel nicht verwand, der ihn noch mehr in die Arbeit trieb. Mit Hochdruck arbeitete er an seinem wissenschaftlichen Lebenswerk.Ein Lebenswerk, das seinen Preis hatte. 26 Jahre lang verbrachte er jeweils neun Monate des Jahres im Sudan. Seine Frau und jeweils nur eine der beiden Töchter durften ihn nur einmal im Jahr für einen Monat im Sudan zu besuchen. Die andere Tochter bekam kein Visum. Sie blieb gewissermaßen als Pfand in Berlin. Im Sudan lernte Hinkel eine Kultur kennen, die so gar nichts mit dem existierenden Sozialismus gemein hatte. "Das Leben im Sudan hat mich bescheidener gemacht. Wenn man sieht, wie das Leben existenziell von der Natur bestimmt wird, welchen Luxus es bedeutet, immer Trinkwasser und etwas zu Essen zu haben, das verändert auch die eigene Einstellung."Zur rechten Zeit am rechten OrtNach zehn Jahren Arbeit im Angesicht der Pyramiden war es für den Architekten unmöglich, in die DDR-Bauwirtschaft zurückzukehren. Ein Leben als Zeichner der dritten Etage eines Plattenbaus in Hellersdorf eine furchtbare Vorstellung. Hinkel wollte seinen Neidern keinen Angriffspunkt geben. "Wie ich mich benahm, was ich sagte, meine Arbeit, alles wurde mit Argusaugen überwacht. Ich habe meine Stasiakte gelesen", so Hinkel.Von dem äußeren Druck flüchtete er sich in die Arbeit. Sammelte unermüdlich Material für viele wissenschaftliche Leben. "Falls man mich zurückgeholt hätte, wäre ich immer noch in der Lage gewesen zu sagen: ,Ich habe so viel wissenschaftlich bedeutendes Material auszuwerten , so dass ich wohl vom Plattenbau verschont geblieben wäre." Unglaubliches Glück habe er gehabt. Oft sei er einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.Friedrich W. Hinkel ist ein zufriedener Mensch. Er blickt auf ein erfülltes wissenschaftliches Leben und eine Ehe, die allen Hindernissen zum Trotz seit 50 Jahren hält. Nur die ungeklärte Nachfolge lastet auf seiner Seele. Der Schatz sucht einen Erben.FORSCHER Am Sonntag im ZDF // Anders als die ägyptischen Pyramiden haben die sudanesischen keine Spitze. Durch die besondere Bautechnik mit dem so genannten Schaduff, einem hölzernen Hebekran, der im Zentrum der Pyramide aufgebaut wird, sind die sudanesischen Pyramiden steiler, nicht so hoch (bis zu 28 Metern) und schließen mit einem Plattformstein ab.Wissenschaftler Friedrich W. Hinkel verbringt auch heute noch drei Monate im Jahr im Sudan. Zurzeit versucht der 74-Jährige, die 114 nubischen Pyramiden der antiken Hauptstadt Meroe vor der Erosion durch Wüstensand und Wind zu bewahren. Dabei ist er auf Paten angewiesen. Neben zwei englischen Touristinnen, die ihn bei seiner Arbeit in Meroe besuchten, konnte Hinkel auch das ZDF gewinnen.Zwischen 4 000 und 20 000 Mark kostet es, eine Opferstätte oder eine Pyramide so zu präparieren, dass sie für die Nachwelt erhalten bleibt. Neben der Ehre gibt es für den Spender eine marmorne Namenstafel an Ort und Stelle.In der Fernsehreihe "Schliemanns Erben" wird man den Architekten Friedrich W. Hinkel am 9. Januar bei der Rekonstruktion der vom ZDF gesponserten Pyramiden sehen können.

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