Spritpreise

„Besser als gar nichts“ – Der erste Tag des Tankrabatts zwischen Gehrenseestraße und Rhinstraße

Der Tankrabatt drückt die Spritpreise in Berlin teils unter zwei Euro. Doch an drei Tankstellen in Hohenschönhausen überwiegt die Skepsis.

Alexandra Gretschichin Annamarie Heller Harald Neuber
5 Min
Die Tankstelle Gehrenseestraße, morgens um 7 Uhr: Der Liter Super E10 liegt unter zwei Euro.

Die Tankstelle Gehrenseestraße, morgens um 7 Uhr: Der Liter Super E10 liegt unter zwei Euro.

© Alexandra Gretschichin

Es ist noch dunkel, als die ersten Fahrzeuge auf den Hof der Star-Tankstelle an der Gehrenseestraße 10 rollen. Viele sind nicht zufällig hier. Ein Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte, hat vom Tankrabatt gelesen und ist extra gekommen. Zufrieden ist er trotzdem nicht: Die Preise, sagt er, könnten noch deutlich niedriger sein. Eine Frau, ebenfalls eigens angereist, formuliert es versöhnlicher: „So kann es bleiben.“ Und stellt gleich die Frage, die an diesem Morgen über allen Zapfsäulen hängt – ob es ab 12 Uhr nicht wieder teurer wird.

Die Frage ist berechtigt. Seit Einführung der 12-Uhr-Regel ist der frühe Morgen ein vergleichsweise günstiger Tankzeitpunkt; mittags ziehen die Preise oft um mehr als 20 Cent pro Liter an. Auch der ADAC kündigte an, genau zu beobachten, „wie es nach 12.00 Uhr aussieht, wenn die tägliche Erhöhung dazukommt“.

„Die Politik macht es extra, um beliebter zu sein“

Ismael H., 43, hat von alldem nichts mitbekommen. Er steht an der Säule, weil er muss: Alle zwei Tage tankt er, rund 160 Euro kostet eine Füllung. Von den 16,7 Cent Steuernachlass pro Liter hält er wenig – „hätte auch mehr sein können“. Sein Urteil über die Motive hinter der Maßnahme fällt knapp aus: Die Politik mache das, um beliebter zu sein.

Es ist ein Satz, der an diesem Morgen in Varianten wiederkehrt. Eine knappe Autominute weiter, an der Jet-Tankstelle, formuliert Kay V., 49, die ökonomisch schärfste Kritik des Tages. Er wusste vom Rabatt, die Tankstelle liegt ohnehin auf seinem Arbeitsweg. Nur: Sinn ergebe das Ganze nicht. Es komme aus Steuermitteln, und der Markt passe sich ohnehin wieder an – „minimale Leistung“. Was helfen würde, sagt er, wäre ein Preisdeckel: eine Konstante statt einer Variablen. Die 17 Cent brächten nichts. Ihn selbst trifft es ohnehin kaum – er fährt einen Firmenwagen, die Rechnung zahlt der Arbeitgeber.

Der Mann, der in Polen tankt

Mirko C., 47, ist nicht wegen des Rabatts hier, sondern dienstlich. Sein Tank ist leer – „aber extra leer gemacht“, um heute zu tanken. Auch er wusste Bescheid, auch ihm ist es zu wenig. Man könne den Leuten mehr entgegenkommen, sagt er. Regelmäßig fährt er zum Tanken nach Polen, weil die Preise hier im Vergleich zu den Nachbarländern viel zu hoch seien. Man solle schauen, wie es anderswo funktioniere. Und: Es seien eben nicht nur einzelne Gruppen betroffen, sondern auch Rentner – unterstützen müsse man alle.

Sein Fazit ist das vielleicht ehrlichste des Tages: „Besser als gar nichts.“

Was die Zahlen sagen

Dabei ist die Entlastung messbar angekommen. Laut ADAC sank der Preis für Super E10 zwischen Mittwoch- und Donnerstagmorgen um 14,5 Cent auf bundesweit 2,062 Euro, Diesel um 15,2 Cent auf 2,209 Euro. Schon zwischen 23.41 Uhr und 0.41 Uhr hatten die Portale einen Absturz um zehn bis elf Cent registriert. In Berlin gab es zahlreiche Angebote unter zwei Euro – mehr als in Hamburg oder Köln, weniger als in München oder Leipzig.

Für den ADAC ist das Tempo ein Hinweis auf „erhebliche Preisspielräume“ – zumal bei früheren Steuersenkungen stets auf teure Lagerbestände verwiesen worden war.

Die Kritik der Ökonomen bleibt trotzdem. Wirtschaftsweise Veronika Grimm nennt es „zynisch“, auf Kosten der jungen Generation den Verbrenner zu subventionieren. Ifo-Chef Clemens Fuest sieht eine „Umverteilung zugunsten der Vielfahrer mit großen Autos“. Der VCD spricht von einer „teuren Gießkannenlösung“: 2,5 Milliarden Euro Steuergeld für im Schnitt weniger als 40 Euro Ersparnis bis Jahresende. Beim ersten Tankrabatt im Mai und Juni blieben laut Monopolkommission rund 200 Millionen Euro bei den Mineralölkonzernen hängen.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Was ist also der erste Eindruck?

Der erste Tag des Tankrabatts in Hohenschönhausen zeigt ein paradoxes Bild: Die Preise sind gefallen, teils unter die psychologische Zwei-Euro-Marke – und trotzdem findet sich an diesem Morgen an drei Tankstellen kein einziger wirklich zufriedener Autofahrer. Mehrere sind extra gekommen, haben ihren Tank bewusst leer gefahren. Sie nehmen die Entlastung mit. Aber sie glauben ihr nicht.

Das Misstrauen hat zwei Adressen: den Markt, von dem man annimmt, dass er sich die Cent zurückholt – spätestens um 12 Uhr, spätestens nächste Woche. Und die Politik, der man ein Wahlgeschenk unterstellt. Was die Menschen an der Zapfsäule fordern, ist bemerkenswert einheitlich: keine befristete Variable, sondern eine Konstante. Einen Deckel. Etwas, das bleibt.

Der ADAC mahnt, die Senkung dürfe nicht „wieder einkassiert werden“. In Hohenschönhausen rechnet damit an diesem Morgen fast jeder.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner