Der tschechische Präsidenten Vaclav Havel wird voraussichtlich am Montag an der Lunge operiert. Das berichtete die Prager Zeitung "Mlada fronta dnes" am Freitag unter Berufung auf Vertreter des Krankenhauses, in dem der 60jährige seit Wochenbeginn liegt. Havels Sprecher Ladislav Spacek wollte keinen genauen Termin für den Eingriff nennen.Bankenzusammenbrüche, Spekulationen über eine bevorstehende Abwertung der Landeswährung, Geheimdienstskandale, persönliche Anfeindungen der Spitzenpolitiker Klaus und Zeman - das alles zählt nicht mehr: Es geht nur noch um eines - um die schwere Erkrankung von Staatspräsident Vaclav Havel.Spätestens seit ihr "Vasek" am vergangenen Montag in die Chirurgische Klinik des Fakultätskrankenhauses Prag eingeliefert worden ist, stehen Havels Landeskinder völlig "neben sich". Die Präsidialkanzlei auf der Prager Burg kann sich vor besorgten Anrufern kaum retten. Kommt der Gesundheitszustand Havels in der Metro, in Restaurants, den Theatern oder bei anderen Zusammenkünften größerer Menschenmengen zur Sprache, offenbaren viele ganz ohne Scham, wie nah sie am Wasser gebaut haben. Die Vorstellung, daß sich die schon Wochen andauernde rätselhafte Lungenerkrankung des Präsidenten möglicherweise als Krebs herausstellen könnte, ist den meisten so unerträglich, daß sie sie nicht laut auszusprechen wagen. Doch denken tun es viele. Ein Wunder wäre es nicht, sagen sie sich allein mit Blick auf den exzessiven Zigarettenkonsum Havels, der sich zuletzt bei etwa 80 am Tag bewegt haben soll.Die wenigen und obendrein nur sehr kurzen Verlautbarungen der Ärzte sind nicht angetan, die Sorgenfalten zu glätten. Außerdem sind sie nur der Boulevardpresse Anlaß zu wilden, unseriösen Spekulationen. Nach dem letzten Stand der Dinge wird Havel wahrscheinlich am Montag oder Dienstag "unters Messer" kommen. Die Ärzte wollen dabei nach offiziellen Mitteilungen eine Lungengewebsprobe entnehmen, die dann Aufschluß über den Grund der Erkrankung geben soll. Im Klinikum spricht man von einer "mittelschweren" Operation, die vermutlich eineinhalb Stunden dauern werde. Präsidentensprecher Ladislav Spacek, der unter besonderem Erklärungsdruck steht, versuchte gegenüber der gestrigen "Mlada fronta dnes" die offenkundigen Ängste vieler Tschechen etwas einzudämmen. Bei einer Tomographie hätten die Ärzte keine Erkrankung weiterer Organe festgestellt, sagte er. Soll heißen, wenn es dann doch Krebszellen sein sollten, dann haben sie sich wenigstens noch nicht ausgebreitet. Für "normale" Tschechen ist das nur ein schwacher Trost. Ihnen genügt schon das Wissen darum, daß Havels Frau Olga zu Beginn dieses Jahres an Krebs starb.Ein ähnliches Schicksal Vaclav Havels würde Tschechien bis ins Mark treffen. Selbst wenn allen Leuten klar ist, daß Havel auch so nicht ewig an der Spitze des Staates stehen könnte - niemand kann sich derzeit auch nur entfernt vorstellen, wer einmal an seine Stelle treten könnte, geschweige denn, daß offen über die Nachfolge gesprochen werden würde. Es ist nicht die unbedeutende Macht seines Amtes, die den Präsidenten unersetzbar erscheinen läßt. Es ist eher die große moralische Autoriät Havels, an die niemand sonst auch nur annähernd heranreicht und auf der, nebenbei bemerkt, sehr maßgeblich die weltweite Reputation des Landes fußt. Das alles mag sicher auch auf andere Staaten und ihre Präsidenten zutreffen. Beispiellos und vermutlich deshalb auch anderenorts nur schwer nachvollziehbar aber ist die tiefe emotionale Bindung der Tschechen zum Menschen Vaclav Havel. Am Wochenbeginn jedenfalls wird eine ganze Nation den Atem anhalten. +++
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