BEZIEHUNG

Regine Sylvester
3 Min

In meinen Ohren war es ein Wort ohne Leidenschaft. Beziehung. "Ich habe eine neue Beziehung", sagte eine junge Frau. Sie kam aus Hamburg, zu Ostzeiten hatten wir uns auf der Dokumentarfilmwoche in Leipzig kennen gelernt. Nach dem Mauerfall rief sie gleich an und besuchte mich. Ich hätte das Wort nie in diesem Zusammenhang benutzt. Ich hatte Beziehungen zum Buchhändler Hofmann in der Chausseestraße, zu den Verkäuferinnen im An- und Verkauf und zu einer Dacia-Autowerkstatt. Es waren Beziehungen zu, aber nicht mit jemandem, mühsam aufgebaute Sachverbindungen. Und dann kannte ich noch internationale Beziehungen. In der Presse meines damaligen Landes erschienen sie als eine wichtige Sache. Was diese nette junge Filmemacherin aus Hamburg meinte, war in meiner Begriffswelt eine Affäre, eine Bettgeschichte, eine Liebschaft. Deutliche Worte. Sogar in der vagen, damals auch üblichen Formulierung "Wir haben was miteinander" schwang eine kleine Mystifikation des Erotischen mit. In Beziehung schwang nichts mit.Durch meine Westbekannten kam noch ein neues Wort dazu, Beziehungskiste. Es meinte offenbar eine ermüdende Vertracktheit zwischen Mann und Frau. Die Freunde sagten, dass sie an ihrer Beziehung "arbeiten" müssten. Es klang wie Überstunden machen. Sie gingen nicht fremd, aber wenn sie es taten, sagten sie, sie hätten "da noch eine andere Beziehung". Zu meinen Überraschungen im Westen gehörte dieses private Verdruckste inmitten öffentlicher Libertinage. Und dieser Rückzug in Reservate: Auch feste Paare machten getrennt Urlaub, sie hatten getrennte Wohnungen, getrennte Kassen. Und wenn sie zusammen wohnten, gab es oft getrennte Schlafzimmer. Gehn wir zu dir oder gehn wir zu mir? Die Frage stellte sich bei uns nicht in den eigenen vier Wänden. Unsere Wohnungen waren ja auch kleiner, man musste sich zusammenlegen. Diese Frage stellte sich eher bei einer Feier oder nach ein paar Minuten zu zweit im Frauenruheraum auf der Redaktionsetage. Es war so eine Unbekümmertheit zwischen Männern und Frauen. Gleichberechtigt abenteuerlustig. Im Sex war auch Spiel und nicht immer gleich ein Lebensplan. Nur einmal hatte ich eine Kollegin, eine Blondine mit großem Busen, die berühmte Männer auf einer Liste führte und nach und nach abhakte, um sich irgendwann von ihrem Arbeitsplatz in bessere Verhältnisse hineinzuschlafen. Sie ist noch vor der Wende ausgereist. Das Land belastete, aber es erleichterte die Lust. Pille umsonst, Spirale umsonst, kein Paragraf 218. Vielleicht sehe ich das alles aber auch verklärt, weil ich damals jünger war.------------------------------Die Freunde sagten, dass sie an ihrer Beziehung "arbeiten" müssten. Es klang wie Überstunden machen.------------------------------Foto: Regine Sylvester, geboren in Berlin, leitende Redakteurin

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