Bezirke wollen Schulstandorte erhalten und bilden oft nur eine 1. Klasse

Wenn "Zwergschulen" die Regel sind

Karin Schmidl
4 Min

Entgegen einem Beschluss des Landesschulamtes wird im kommenden Schuljahr an vielen Grundschulen nur eine erste Klasse eingeschult. Berlins oberste Schulbehörde hatte angeordnet, dass es grundsätzlich drei erste Klassen sein sollen. In Ausnahmefällen würden zwei Klassen genehmigt, die so genannte Zwergschule mit nur einer ersten Klasse soll es nicht mehr geben. "Wir beantragen die Einrichtung je einer ersten Klasse für neun unserer 16 Grundschulen", sagt Köpenicks Schulstadtrat Dirk Retzlaff (PDS). Damit wolle man trotz dramatisch sinkender Kinderzahlen die Schulstandorte zunächst erhalten. Der Bezirk kann im kommenden Jahr mit nur knapp 600 Erstklässlern rechnen - die Hälfte der Schülerzahl, die es noch vor sechs Jahren gab. Für sechs Schulen reichen die Kinder für je zwei Anfängerklassen, und nur in einer einzigen Grundschule - in Rahnsdorf - können regelkonform drei erste Klassen eingerichtet werden. "Dort, wo die Zahlen besonders dünn sind, werden die Schulen zwischen erster bis vierter Klasse und den Fünft- und Sechstklässlern aufgeteilt", sagt Retzlaff. So werde in der Schmöckwitzer Grundschule nur noch bis zur vierten Klasse unterrichtet, die Größeren müssten nach Grünau wechseln. "Das ist die einzige Möglichkeit, die Schule in Schmöckwitz überhaupt zu halten", sagt der Stadtrat. Und weil der Weg etwa vom Ortsteil Rauchfangswerder nach Grünau rund 15 Kilometer weit ist, werde der Bezirk einen Schulbus anmieten.Dass Berlins größter Flächenbezirk im Südosten ein Sonderfall ist, sieht man auch im Landesschulamt. "In Köpenick gibt es mehr Problemfälle als anderswo und deshalb auch mehr Ausnahmen", sagt Landesschulrat Hansjürgen Pokall. Aber auch dort könnten nicht alle Schulstandorte erhalten werden. Bis zum Herbst müssten alle Bezirke "vernünftige Vorstellungen" vorlegen - auch über Schulschließungen. "Sonst ordnen wir die Schließungen an", sagt Pokall. Köpenicks Stadtrat will die mit dem Fusionspartner Treptow abgestimmte Schulplanung bis Oktober fertig haben. Bislang musste im Bezirk noch keine Grundschule geschlossen werden. Doch laut Retzlaff kann den Erstklässlern, die jetzt in der Filiale in der Mittelheide eingeschult werden, nicht garantiert werden, dass sie die Grundschule dort auch beenden. "Das haben wir den betroffenen Eltern geschrieben", sagt Retzlaff. Schulneubau im SiedlungsgebietDie Bezirke tun sich schwer mit Schulschließungen. In Marzahn, wo von einst 35 Grundschulen schon 16 dicht sind, rechnet der zuständige Stadtrat, Wolfgang Kieke (parteilos), damit, dass die Nachfrage nach Schulplätzen wieder steigt. Für fünf Standorte habe man die Einrichtung von nur einer ersten Klasse beantragt. Im Nachbarbezirk Hellersdorf soll es an fünf Schulen nur jeweils eine erste Klasse geben. An sechs Schulen werden überhaupt keine Erstklässler eingeschult. Im Bezirk schätzt man, dass in der Großsiedlung in den nächsten vier Jahren zehn Grundschulen überflüssig werden. "Doch im Siedlungsgebiet, wo die Einfamilienhäuser und Stadtvillen stehen, haben wir zu wenig Plätze", sagt Schulstadtrat Bernd Wolf (CDU). Deshalb werde am Immortellenweg sogar eine neue Grundschule gebaut. "Zwergschulen" wollen auch die Bezirke Pankow (fünf), Lichtenberg (zehn) und Hohenschönhausen (vier) einrichten. Auch in Mitte ist die vom Landesschulamt angeordnete Dreizügigkeit die Ausnahme: Nur an der 3. Grundschule an der Bergstraße kommt die dafür notwendige Kinderzahl zusammen. Kinder vom Fusionspartner Wedding "retten" den Standort. An zwei Schulen reichen die Kinderzahlen nur für je eine erste Klasse.ERSTE KLASSEN Ausnahme und Regel // Etwa 550 Grundschulen gibt es in Berlin. Die Senatsschulverwaltung hat angeordnet, dass generell drei erste Klassen eingeschult werden. Reichen die Schüler dafür nicht aus, kann es eine Ausnahmegenehmigung für zwei Klassen (Zweizügigkeit) geben. Mit einer ersten Klasse soll keine Schule mehr beginnen.Jede zehnte Grundschule hat zu wenig Kinder, um die Vorgaben zu erfüllen. Vor allem im Ostteil Berlins müssten daher Schulstandorte aufgegeben werden. Die Zahl der Erstklässler sank dort von 16 531 (im Jahr 1995) auf 8 043 Schüler (1999).In Köpenick wird im kommenden Schuljahr mit knapp 600 Kindern der absolute Tiefpunkt bei Erstklässlern erwartet. Vor sechs Jahren waren es doppelt soviele.Wegen der langen Schulwege vor allem in den äußeren Ortsteilen soll dem Senatsbeschluss zum Trotz in neun der 16 Grundschulen nur je eine erste Klasse geben.Beantragt wurden auch Ausnahmegenehmigungen für zweizügige erste Klassen in sechs Fällen, nur in einer Grundschule reicht die Schülerzahl für drei Klassen.

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