WASHINGTON. Selbst Mitarbeiter des Präsidenten ahnten nicht, wohin die Reise ging, als die "Air Force One" nach Abschluss der achttägigen Europa-Reise in Istanbul abhob. Kurz vor 17 Uhr Ortszeit landete die Maschine dann auf dem Flughafen in Bagdad. Für Barack Obama bedeutet der nicht angekündigte Abstecher auch eine Rückversicherung. Denn die Pläne für einen radikalen Umbau des Militärhaushalts, die sein Verteidigungsminister Robert Gates am Vortag in Washington vorgestellt hatte, trugen der Regierung daheim heftige Kritik ein.In "Camp Victory" war davon wenig zu spüren. Hunderte Soldaten bereiteten dem Überraschungsgast einen begeisterten Empfang. Der Präsident dankte den Truppen für ihren Einsatz und meinte, nun sei die Zeit für die Iraker gekommen, "die Verantwortung für ihr Land und seine Souveränität zu übernehmen". Die Soldaten brachen darauf in lauten Beifall aus. Nach Gesprächen mit dem US-Kommandeur im Irak, General Raymond Odierno, hieß es, die Umsetzung des Rückzugs verlaufe nach Plan.Bei einem Treffen mit dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki forderte Obama diesen auf, mit Nachdruck an der Integration der Sunniten in den Streitkräften und der Regierungsbürokratie zu arbeiten. Maliki versicherte dem Gast, der das Land zum ersten Mal seit seiner Wahl ins Weiße Haus besucht, die irakische Regierung werde weitere Fortschritte machen.Obama hatte im Februar die Grundlinien seiner künftigen Irak-Politik vorgestellt. Danach verbleiben 50 000 Mann bis zum Auslaufen des Truppenstatuts mit dem Irak mit verändertem Auftrag im Land. Diese Entscheidung trug dem Präsidenten Kritik ein und setzte ihn dem Verdacht aus, eine US-Präsenz unter geänderten Vorzeichen etablieren zu wollen. Bei einer Bürgersprechstunde mit Studenten in Istanbul darauf angesprochen, wies Obama diese Spekulation zurück. Es gehe darum, die Sicherheit nicht zu gefährden. "Dass ich gegen den Krieg war, bedeutet nicht, dass ich nun keine Verantwortung habe, die Dinge in vernünftiger Weise abzuwickeln."Der unangekündigte Besuch in Bagdad soll dazu beitragen. Gleichzeitig will der Präsident den Truppen versichern, dass ihm Wohl und Ausrüstung der Streitkräfte am Herzen liegen. Die Ankündigung eines fundamentalen Umbaus des Verteidigungshaushalts hatte in den Reihen der Militärs Verunsicherung ausgelöst. Kritiker aus beiden Parteien im Kongress kündigten Widerstand gegen die Pläne an, militärische Prestigeprojekte wie das F22-Kampfflugzeug zu streichen und andere zu reduzieren.Für Kritik bei den Konservativen sorgt auch Obamas Abrüstungsinitiative. "Der nukleare Idealist" steht über einem feurigen Leitartikel des Wall Street Journal, das Obamas in Prag formulierte Vision einer Welt ohne Atomwaffen als Träumerei abtut. "Selten ist eine Präsidentenrede so zeitnah und so durchsichtig von der Realität überholt worden wie die von Herrn Obama in Prag", schäumt das Blatt unter Verweis auf den nordkoreanischen Raketenstart vom vergangenen Wochenende.Ein erster Realitätstest erwartet den Präsidenten im Senat. Bei der Diskussion über die ausstehende Ratifizierung des Atomwaffentest-Verbots dürfte sich zeigen, welche Chancen seine Vorschläge in den USA haben.------------------------------"Die Zeit ist gekommen, dass die Iraker die Verantwortung für ihr Land übernehmen." Barack Obama
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