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Warum unsere Gesellschaft mehr Schule wagen sollte

Könnte man das Schulsystem umkrempeln und ganz neu denken? Unser Autor ist Referendar an einer Sekundarschule in Berlin und hält das für möglich – und effizient.

Sercan Sever
6 Min
Schüler gehen durch das Treppenhaus einer Berliner Integrierten Sekundarschule.

Schüler gehen durch das Treppenhaus einer Berliner Integrierten Sekundarschule.

© Wolfgang Kumm/dpa

Schule anders denken, Schüler:innen differenziert fördern, mehr Lehrkräfte ausbilden. Wenn wir ehrlich sind, klingt all das inzwischen doch so formelhaft und abgedroschen wie eine alte Leier. Und doch wissen alle: Solche Forderungen sind berechtigt. Sie adressieren gewichtige Probleme, die spätestens jedem und jeder an der Schule selbst ersichtlich werden.

Aktuell befinde ich mich im Referendariat und mache tagtäglich an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) in Berlin Erfahrungen mit dem Unterrichten. In diesem Beitrag denke ich über einen Ansatz nach, der als Vorschlag zur allgemeinen Besserung der Lage verstanden werden soll und zur Diskussion anregen will. Im Kern lautet dieser Ansatz: Schüler:innen sollten nicht nur von Lehrkräften beschult werden.

Die Geschichte ist hinlänglich bekannt, aber nochmal zur Rekapitulation: Die Schule ist in der gegenwärtigen Bundesrepublik der Ort, an dem relevant befundenes Wissen an Heranwachsende vermittelt wird, das ihnen (vor allem nach der Schulzeit) als Grundlage für selbständiges Urteilen, Entscheiden und Positionieren dienen soll.

Deutlicher und anspruchsvoller formuliert findet sich der Auftrag der Schule in Paragraf 1 des Berliner Schulgesetzes: „Auftrag der Schule ist es, alle wertvollen Anlagen der Schülerinnen und Schüler zur vollen Entfaltung zu bringen und ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründliches Wissen und Können zu vermitteln.“ Da stellt sich die Frage, ob die Schule aktuell ihrem Auftrag gerecht werden kann? Sie tut sich jedenfalls schwer damit.

Die Gründe dafür sind mindestens genauso bekannt: Lehrkräftemangel, zu große Lerngruppen, äußerst heterogene Lernniveaus, Überfrachtung der Schulkompetenzen, unzeitgemäße Lehr-/Lernkonzepte. Diese Kenntnis mündet dann allzu oft in einer Variation der (oftmals berechtigten) Kritik am Bildungssystem.

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Gesellschaftliche Verantwortung

Wer treibt sich in der Schule eigentlich so rum? Da sind in erster Linie die Schüler:innen und das pädagogische Personal zu nennen. Im Wesentlichen also Menschen, die vor allem und nur in der Schule tätig sind, ob lernend oder arbeitend – damit also nur ein Bruchteil der Menschen, die diese Gesellschaft ausmachen.

Die anderen Mitglieder der Gesellschaft sind so gut wie nie an der Schule. Dafür, dass der Schule eine so wichtige Aufgabe für das Individuum und die Allgemeinheit zukommt, sie konstitutives Element der Gesellschaft von morgen darstellt, sie den Heranwachsenden beim Übergang in ein Erwachsenenleben verhilft (wie auch immer man das auslegen mag), ist die Gesellschaft insgesamt ziemlich unterrepräsentiert in der Schule.

Eine Lehrerin unterrichtet eine Klasse einer ISS.

Eine Lehrerin unterrichtet eine Klasse einer ISS.

© Wolfgang Kumm/dpa

Gezielte Ausbildung und moderne Arbeitsdifferenzierung hin oder her: Ist es überhaupt verantwortbar, dass Schule und damit die Zukunftschancen von Mensch und Gesellschaft von nur einem Bruchteil der Gesellschaft in der pädagogischen und unterrichtlichen Praxis getragen werden?

Notgedrungener Perspektivmangel in der Schule

Als Lehrkraft mit idealtypischem Ausbildungsweg kann es durchaus vorkommen, dass man vor der Zeit als Lehrkraft nirgendwo anders tätig war: Von der Schule ging es zur Uni, von der Uni zur Schule. Das wird geachtet, heißt aber auch, dass man bis dato mit einer relativ eingeschränkten Perspektive auf Leben und Arbeit zu tun hatte und sich nun an die „Heranbildung von Persönlichkeiten“ ranmachen darf. Wenn das reflektiert wird, ist das nicht per se problematisch.

Die Perspektive kommt nur an ihre Grenzen, wenn es darum geht, Schüler:innen Wege weisen und dabei unterstützen zu wollen, die über Schule, Universität und persönliche Belange hinausreichen. Gerade an einer ISS stellt sich für Schüler:innen schneller die berechtigte Frage, wofür sie bestimmte Lerninhalte wie – mein Unterrichtsfach ist Deutsch – die Nominalisierung von Adjektiven und durchgehend korrekte Rechtschreibung eigentlich brauchen, was sie nach der Schule damit und überhaupt machen können.

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Als Pädagoge und Nicht-Quereinsteiger weiß ich um die Bedeutung dieser Fragen; ich kenne gute kognitionswissenschaftliche, sprachwissenschaftliche und literaturdidaktische Gründe, und doch kann ich keine glaubhafte Antwort vortragen.

Gerade Letzteres wird aber seitens einer um ihre Zukunft bedachten Schüler:innenschaft gefordert. Das darf nicht als Motivationsmangel, Provokation, Arbeitsweigerung oder fehlende intellektuelle Fähigkeit fehlgedeutet werden.

Nur so eine Idee? Bäcker und Handwerkerinnen in der Schule

Um allseitig zu vernehmende Forderungen in Richtung Schule strukturell einzufangen, sind regelmäßige, organisatorisch aufwendige Praktika und Projekttage schlicht nicht ausreichend. Die Vielheit von Perspektiven muss, zugunsten der Schüler:innen, einfacher zugänglich und alltäglicher werden. Wie also wäre es, wenn nicht nur eine Zunft von pädagogischem Personal die Verantwortung für die Heranwachsenden übernimmt, macht und tut, sondern ein weitaus größerer Teil der Gesellschaft? Ein solcher Ansatz würde viele Vorteile auf den unterschiedlichsten Ebenen einer zukunftsfähigen Gesellschaft bringen.

Ein Modell für Arbeitnehmer:innen, die normalerweise nicht an der Schule tätig sind, könnte wie folgt aussehen: Arbeitnehmer:innen – egal ob Bäcker:in, Landwirt:in, Historiker:in, Handwerker:in oder Konditor:in – hätten bei einer entsprechenden gesetzlichen Grundlage und nach Absolvieren eines Weiterbildungskurses Anspruch darauf, sich regelmäßig von Arbeitgeber:innen freistellen zu lassen und zum Beispiel 20 Prozent ihrer Arbeitszeit an einer staatlichen Schule zu unterrichtlichen und pädagogischen Zwecken abzuleisten.

Die Bezahlung übernähmen nicht die Arbeitgeber:innen, sondern der Senat, der sich der temporalen Neuzugänge erfreuen dürfte. Vielleicht begeistern sich Schüler:innen für Aspekte von Sprachwissen mehr, wenn eine Dolmetscherin das vermittelt, als wenn ich dazu unterrichte, weil sie – anders, als ich es je könnte – das zu vermittelnde Wissen mit ihrer Person und Tätigkeit als Dolmetscherin verbindet und Sinn und Unsinn daran anschaulicher herausstellen kann.

Schülerinnen bei einem Tag zur Berufsorientierung – einem der Tage, an dem Schüler und Schülerinnen mit unterschiedlichen Berufen in Kontakt kommen.

Schülerinnen bei einem Tag zur Berufsorientierung – einem der Tage, an dem Schüler und Schülerinnen mit unterschiedlichen Berufen in Kontakt kommen.

© Funke Foto Services/imago

Die Dolmetscherin hat eine andere Perspektive auf Leben, Lernen und Arbeit, die nicht wieder bei der Schule aufhört. Das ist viel wert, ein Mehrwert, weil das prospektiv über die Institution Schule hinausweist und die Frage nach dem „Warum“ anders, auf alle Fälle aber glaubhafter beantwortbar macht.

Die in Ausbildungsberufen und nicht schulfachbezogenen Studiengängen erworbenen Kenntnisse sind durchaus kompatibel mit gegenwärtigen Fach-Rahmenlehrplänen. Es bräuchte hiernach keine große Änderung, Streichung oder Erweiterung: Eine Bäckerin wird mit Sicherheit Aspekte des Fachs Chemie, ein Landwirt des Fachs Biologie, eine Polizistin des Fachs Sport und so weiter vermitteln können.

Diese Art gesellschaftlicherer Beschulung würde nicht nur in puncto Lehrkräftemangel Abhilfe schaffen. Eine solche, vergleichsweise kleine Änderung im schulischen Betrieb angesichts gesellschaftlich hochgesteckter Ziele könnte Bildungsprozesse anstoßen, die hehren transformativen Ansprüchen genügen, und es könnte in dieser Begegnung weit mehr gewonnen, hier nur angedeutete gesellschaftliche Konflikte beigelegt und bildungssystemische Schieflagen zumindest nicht bestärkt werden.

Der Autor legt Wert auf die Verwendung von Sonderzeichen zur Sichtbarmachung aller Geschlechter.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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