Billiganbieter rollen mit fragwürdigen Mitteln den Markt auf. Branche beklagt fehlende Standards

Schöne Nägel - gutes Geschäft

Johannes Gernert
5 Min

Als Steve Müller vor 13 Jahren ein Gewerbe anmelden wollte, musste er auf dem Amt zunächst eine Weile überlegen. Was er da machte, davon hatte noch niemand etwas gehört. Sie einigten sich dann darauf, dass die Bezeichnung "Verkauf von kosmetischen Artikeln und Anfertigung von Kunstfingernägeln" wohl am treffendsten wäre. Müllers Nagelstudio konnte eröffnen. Es liegt heute noch in der ruhigen Charlottenburger Seitenstraße, wo er damals einzog. Er war wahrscheinlich der erste in Berlin, und er hatte die bekanntesten Kunden. Im Laden hängen Bilder der Westberliner Promi-Szene: Harald Juhnke, Anita Kupsch, Frank Zander. "Wir galten damals als Geheimtipp", erzählt Müller. Es kommen immer noch viele "Promis, Sänger, Personen des öffentlichen Lebens", sagt er. Sie lassen sich bei ihm die Nägel verlängern, lackieren oder die Hände pflegen. Alleine ist er mit seinem Studio allerdings längst nicht mehr. Und auch der Markt hat sich radikal gewandelt.Es gibt wohl wenige Branchen, die zurzeit so stark wachsen wie die Fingernagelindustrie. "Die Umsatzzuwächse liegen im zweistelligen Bereich", sagt Terri Malon vom Bundesverband deutscher Nail Designer. Am stärksten sei die Studiodichte in Düsseldorf und Umgebung. Dort fand gerade wieder die jährliche Beauty-Messe statt. "In der Nagelhalle war die Hölle los", hat Malon beobachtet. Es werden jedes Jahr mehr Stände. Neben Düsseldorf zählt Berlin zu den Hochburgen. Die beiden Städte unterscheiden sich Malon zufolge ziemlich stark, was das Preisniveau anbelangt. Während zehn modellierte Nägel in Düsseldorf ab 55 Euro zu haben seien, gebe es in Berlin Angebote schon für 20 Euro.Harte Konkurrenz in Berlin"Berlin ist ganz schlimm", sagt die Geschäftsführerin des Verbandes. Bei derart niedrigen Preisen könne man nicht davon ausgehen, dass die hygienischen Standards immer eingehalten werden. Die Nagelbetten seien aber empfindlich und schon bei kleineren Verletzungen bestehe die Gefahr von Infektionen. Überhaupt glaubt Malon, dass in Deutschland viel zu wenig auf die Qualität des Materials geachtet wird. Das gilt ihrer Ansicht nach besonders für die asiatischen Billigketten in der Hauptstadt. Sie habe einmal erfahren, dass ein Großhändler in einer vietnamesischen Zeitung inseriere und dort Produkte anbiete, die in Deutschland gar nicht zugelassen seien. Offenbar würden sie trotzdem in vielen der Billigstudios verwendet.Wer diese Betriebe betreibt, die sich oft in belebten Geschäftsstraßen oder Einkaufspassagen befinden, darüber ist in den konkreten Fällen wenig herauszufinden. Sie tragen oft die Worte "US", "New York" oder "American" im Titel - kombiniert mit "Nails". In einem Ostberliner Studio verweist eine Frau mit geringen Deutschkenntnissen auf eine andere Filiale. Nach längerem Nachfragen gibt sie die Handynummer einer "Chefin" heraus. Die wiederum sagt, der tatsächliche Chef sei zurzeit nicht da, sondern im Urlaub in Vietnam. Er kehre nach zwei Wochen zurück. Beim nächsten Anruf, einige Wochen später, sind aus dem Urlaub sechs Monate geworden. Ein Besuch im Studio? "Auf keinen Fall", sagt die Frau.Terry Malon vom Branchenverband der Nail Designer vermutet, dass viele der junge Asiatinnen nach Deutschland kommen, um für eine äußerst geringe Entlohnung in diesen Studios zu arbeiten. Der Stundenlohn, habe sie gehört, liege häufig nur knapp über drei Euro. Die Gewinnmargen dürften damit erheblich sein. Schon im ersten Jahr kann ein einzelner Naildesigner Umsätze von 7 000 Euro im Monat erwirtschaften, sagt Malon.Die Materialkosten liegen bei nur etwa zehn Prozent. Abgesehen von den Billigketten arbeiten die Nail Designer meist allein, im Durchschnitt hat jedes Studio 1,4 Mitarbeiter. Die Zahl der Ein-Frau-Betriebe steigt ständig. 35 000 Studios gibt es deutschlandweit, schätzt Malon. Angesichts des starken Wachstums halte sie es für unverantwortlich, "dass so eine Person nicht nachweisen muss, dass sie überhaupt etwas leisten kann". Gäbe es klare Ausbildungsstandards, dann müssten auch bei den Dumping-Angeboten Mindestvoraussetzungen erfüllt werden. Die Kosmetiker haben es geschafft, als Lehrberuf anerkannt zu werden. Nägel machen darf bisher aber noch jeder.Malon, die selbst sieben Nagelstudios betrieben hat, bevor sie eines der vier Branchenmagazine herauszugeben begann, wirbt bei den Handwerkskammern dafür, Prüfungen für Nail Designer einzuführen. Bei Dreien war sie bisher erfolgreich. Insgesamt gibt es über 50 regionale Kammern. Trotz der mühsamen Fortschritte steckt sie ihr Ziel noch höher: "Mein Anliegen wäre, dass wir einen Lehrberuf daraus machen", sagt sie. Es gehe schließlich auch um die Gesundheit der Kunden. Man könne einen Nagel so kaputt machen, dass da nie wieder etwas Künstliches drauf passe, sagt Nobel-Studio-Betreiber Steve Müller. Manche Kollegen hantierten ständig mit elektrischen Fräsen, die bei ihm nur selten surren. Besonders skeptisch betrachtet auch er die "Asia"-Konkurrenz. Dort würden die Leute oft nur sehr schlecht deutsch sprechen. Müller hält das für fatal. "Das ist ein Beratungsberuf", sagt er.Lacke und GeleWas Malon auch Sorgen macht: Bisher kann jeder, der einen Gewerbeschein hat, Nagelpflegeprodukte kaufen. Obwohl dabei mit "nicht ganz unbedenklichen Chemikalien" hantiert werde. Etwa 400 Firmen vertreiben hierzulande Lacke und Gele. Oft bauen sich erfolgreiche Studiobetreiberinnen ein zweites Standbein auf, indem sie am Wochenende Ausbildungen anbieten. Manche beginnen im nächsten Schritt, Zubehör zu verkaufen oder kreieren sogar eigene Pflegeserien.Silvia Troska, die als Chefin von Alessandro, der größten Firma für Nagelzubehör, 1998 zur Unternehmerin des Jahres wurde, hat auch einmal selbst gefeilt. Sie fing mit drei Mitarbeitern an, heute beschäftigt sie 420. Alessandro ist in 50 Ländern aktiv. "Explodiert" sei das Geschäft nach der Auszeichnung, erzählt eine Sprecherin, weil erst dann Kreditinstitute großzügiger wurden: "Nägel, Maniküre - damit konnte vorher kein Banker etwas anfangen."------------------------------WachstumIn Deutschland gibt es einer Erhebung der Messe Düsseldorf zufolge 44 000 Institute für Kosmetik und Nägel, 11 000 Fußpflegepraxen und 1 500 Parfümerien mit Kabinen. Die 90 000 Beschäftigten des Sektors erwirtschafteten 2007 einen Jahresumsatz von 2,1 Milliarden Euro. Drei Jahre zuvor waren es noch 1,95 Milliarden Euro.------------------------------Foto: Nageldesign liegt im Trend - vor allem in den Großstädten gibt es inzwischen zahlreiche Studios

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