Als der Liedermacher Reinhold Andert im Frühjahr 1990 in Lobetal und Beelitz sein Langzeit-Interview mit dem gestürzten Erich Honecker führte, fragte er ihn auch nach den Lieblingsbüchern seiner Kinderzeit. Sehr stark erinnere er sich an Hermynia Zur Mühlens Geschichte "Der Spatz", antwortete der greise Mann. Und dann: "Das Buch schildert das Leben eines armen Spatzen und ist deswegen so beeindruckend, weil in der Vogelwelt der Spatz der Proletarier ist." Man konnte das einfach nur zum Piepen finden. Verwundert ob solcher Kunst- und Weltsicht war man doch längst nicht mehr bei EH. Man war doch gewöhnt an die verklemmten Emotionen, die seine gurgelnden Sprüche aus dem Klassenkampfmuseum begleiteten, an sein intellektuell bescheidenes, humorloses, linkisch-hölzernes Agieren mit all seinen Peinlichkeiten. Hatte er nicht selbst gründlich dafür gesorgt, dass der Mensch Erich Honecker dem Staatsvolk der DDR farblos erschien und, anders als der gerissene Vorgänger Ulbricht, kaum einen Witz wert? "Mir ist nie klar geworden, wie dieser mittelmäßige Mann sich an der Spitze des Politbüros so lange hat halten können", fragte sich einmal Helmut Schmidt.Gleichwohl versagt der Altbundeskanzler seinem deutsch-deutschen Dialogpartner bis heute nicht seinen menschlichen Respekt. Franz Josef Strauß war erstaunt, Honecker gar nicht "Formeln betend" erlebt zu haben. "Schade, dass er ein Kommunist ist", meinte Frau Strauß, das sei doch "ein beeindruckendes Mannsbild." Und auch Helmut Kohl war berührt von der Begegnung mit ihm: "Irgendwie menschlich, wenn auch seltsam." Wissen wir zu wenig von ihm? Hatte der Partei- und Staatschef, dem in der DDR wie einem absolutistischen König gehuldigt wurde, uns Züge seines "normalen" Menschenwesens verborgen? Seit seinem historisch gerechten und tragischen Ende mühen sich die Biografen, es herauszufinden. Die intimsten Auskünfte dürfte man von dem Liedermacher Reinhold Andert erwarten. Durch eine zufällige Bekanntschaft mit der Honecker-Tochter Sonja Yanez war er 1990 mit dem gestürzten Ex-Politiker privat zusammengetroffen. Auf dem Tiefpunkt seines Lebens stellte sich Honecker in der Zuflucht eines christlichen Pfarrhauses und eines sowjetischen Militärhospitals den Fragen Anderts und seines Ko-Autors Wolfgang Herzberg. Im Ergebnis war 1991 im Aufbau Verlag der Interview-Band "Der Sturz." erschienen. Ihm lässt Andert jetzt ein Büchlein folgen, das man als kommentierenden Ergänzungsband zu dem Unternehmen verstehen könnte: "Nach dem Sturz." (Faber & Faber). Ein solcher Nachschlag erscheint plausibel, erinnert man sich der Enttäuschung von vor zehn Jahren. Andert und Herzberg, frustrierte Vertreter der mittleren DDR-Generation, wollten mit "eindringlichen Vorhaltungen" in dieser menschlichen Grenzsituation in die "Geheimnisse" der Denk- und Handlungsstrukturen von Erich und Margot Honecker eindringen. Sie wollten erkunden, inwieweit sie im Stande wären, ideologische Obsessionen hinter sich zu lassen und zu persönlich befreienden Analysen ihres Scheiterns zu kommen. Diese Erwartungen erfüllten sich nicht. Der orthodoxe Dogmatismus des gewesenen Herrscherpaars verweigerte sich einer prinzipiellen Systemkritik. Die Honeckers priesen die Erfolge der DDR, sträubten sich halsstarrig, die Politik der unbezahlbaren Sozialgeschenke und des Widerstands gegen Gorbatschows "Perestroika" als Fehler zu erkennen. Ein Panzer aus klassenkämpferischen Parolen wehrte jedes Unrechtsbewusstsein gegenüber den Opfern stalinistischer Willkür ab. Der Untergang des Staates war für sie das Werk von innerem und äußerem Verrat. In einer konterrevolutionären Verschwörung mit dem Imperialismus sei die DDR "auf dem Altar des europäischen Hauses geopfert" worden. Der Wirklichkeitsverlust war grotesk: Honecker trauerte um das Volk nach seinem Bilde, das jubelnd für ihn aufmarschierte. Die gegen ihn mit den Füßen abstimmten, konnten dieses Volk nicht sein: " Wir sind das Volk? , schön und gut ich liebe das Volk. Aber um welches Volk handelt es sich?"Das Korsett der verinnerlichten Doktrinen macht es dem "irgendwie menschlichen, wenn auch seltsamen" Erich Honecker schwer, hervorzutreten: der Arbeitersohn, der warmherzig über sein Wiebelskirchener Elternhaus oder über seine Kinder und Enkel spricht; der gläubige Kommunist, der es doch ernst gemeint hatte, den Unterprivilegierten aus ihrem Spatzendasein herauszuhelfen; der erschütterte, verunsicherte, in seiner Krankheit auch würdelos behandelte Mann, der den jungen Interviewer, bei dem er sich aussprechen kann, auch einmal väterlich umarmt. Ein wenig mehr darüber sollen wir in Anderts neuem Buch erfahren. Es ist eine seltsame Collage aus rückschauendem Report über die 1990er-Gespräche mit den Honeckers und zumeist langatmigen gesellschaftspolitischen Exkursen in DDR- und Nachwendezeiten. Die Schilderungen vom Verlauf der Gespräche und vom Werdegang des Buches erheischen Interesse. Wir lesen, wie das Erscheinen von "Der Sturz." Ende 1990 plötzlich am seidenen Faden hing. Denn Honeckers Anwälte witterten, dass es ihrem Mandanten bei dem anstehenden Prozess eher schaden als nützen könnte und suchten die Auslieferung zu vereiteln. Gedrängt auch von Frau Margot, verleugnete Honecker sein berühmtes "Einverstanden. EH" auf dem von ihm autorisierten Manuskript und seine Publikationsvollmacht. Andert setzte sich vor Gericht durch, aber das Zerwürfnis war perfekt. Der Autor erzählt, wie das Großinterview alles in allem zum Manifest des "unbeirrbaren" EH wurde: Je mehr das Buch Gestalt annahm, habe es für den Befragten einen "offiziellen Charakter" bekommen, der ihn Lockerheit verlieren und Problemorientierung scheuen ließ. "Immer, wenn ich das Tonband anschaltete, nahm er Haltung an und seine Rede wurde zur Verlautbarung ... Vieles, was er jetzt sagte, stimmte mit der Wahrheit nicht mehr überein." Bei der Autorisierung des Manuskripts wurden nach alter Apparatsgewohnheit aufschlussreiche Passagen gestrichen. Um ein Haar hätte es Margot Honecker in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ohne Wissen ihres Mannes und der Interviewer durch "bewährte Genossen" noch weiter glätten lassen. In Form von Gedächtnisprotokollen reicht Andert nun einiges von dem nach, was vor elf Jahren durchs Sieb gefallen sei, vor allem durch das "der Margot". Anderts zweite Aufbereitung dieser Gespräche ist von der These beherrscht, dass die First Lady dirigierend hinter dem Unglück ihres Mannes und dem der DDR gestanden habe. Weit bornierter und sturer als EH habe sie in Beelitz auch nur den geringsten Zweifel an der Richtigkeit der SED-Politik als "Hetze, Lüge oder eine Erfindung des Klassenfeinds" verteufelt. Wer sich Luis Corvalans "Gespräche mit Margot Honecker über das andere Deutschland" (Neues Leben) zu Gemüte führt, glaubt ihm das unumwunden. Aufregende Enthüllungen aus Intimsicht, die das Honecker-Bild wesentlich bereichern könnten, hat Andert allerdings auch "Nach dem Sturz" nicht zu bieten. Wir lesen vom unterdrückten Verdruss des EH über die Bevormundung der "Sowjetrepublik DDR" durch den "großen Bruder", ein paar kritische Anmerkungen über seine von ihm abgefallenen Politbüro-Kämpen. Ungenauigkeiten lassen stutzig werden: So habe der verschreckte Honecker im Frühjahr (!) 1990 zu ihm gesagt: "Wäre nur Lafontaine Bundeskanzler geworden, dann wäre ja alles ganz anders gekommen." Aber erst ein Dreivierteljahr später unterlag Lafontaine dem Einheitskanzler Kohl. Andert will auch, wie er am Telefon noch einmal bekräftigte, von den Honeckers gehört und weitere Beweise dafür haben, dass die Ausbürgerung von Wolf Biermann eine mit dem Betroffenen verabredete, ungeheuerliche Inszenierung gewesen sei. Dann gibt es noch ein wenig amourösen Tratsch: wie Margot sich den Erich an Land gezogen oder die Oelschlegel den Landesvater im Wandlitzer Hallenbad mit Anbaggerungsversuchen angewidert haben soll... Zwei weitere Annäherungen an EHs Persönlichkeit sind zu empfehlen: Der Publizist Thomas Kunze, bekannt geworden durch seine Ceausescu-Biografie, lässt nach umfangreichem Quellenstudium und einer Fülle von Gesprächen mit Zeitzeugen flott und fesselnd "Die letzten Jahre des Erich Honecker" passieren (Staatschef a.D., Ch.Links Verlag). In einem ersten umfassenden biografischen Abriss (Rowohlt Taschenbuch Verlag) spürt Jan N. Lorenzen dem Phänomen nach, wie die marxistische Heilslehre und ihre Apparate dem Mittelmäßigen so viel Macht zuordnen können - nur vermeintlich ein Paradoxon. Knapp und fundiert beschreibt Lorenzen die Stationen des Berufsrevolutionärs, der "außerhalb der kommunistischen Vereinskultur keine Hobbys" hatte. Es greife zu kurz, das nur lächerlich zu finden. Der Mann, den die kommunistische Mission von Kindesalter an prägte, lernte bei dem Stalinisten Ulbricht das Machthandwerk, mit dem er seinen Ziehvater stürzte, um am Ende selbst zu stürzen.Reinhold Andert: Nach dem Sturz. Gespräche mit Erich Honecker. Verlag Faber & Faber, Leipzig 2001. 206 S. , 28,99 Mark.Jan N. Lorenzen: Erich Honecker. Eine Biographie. Rowohlt Taschenbuch Verlag. Reinbek bei Hamburg, 2001. 239 S. , 17,41 Mark.Thomas Kunze: Staatschef a. D. Die letzten Jahre des Erich Honecker. Ch. Links Verlag, Berlin 2001. 224 S. , 38 Mark.Luis Corvalan: Gespräche mit Margot Honecker über das andere Deutschland. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2001. 220 S. , 29,91 Mark.FRANK BUCHE Erich Honecker nach seiner Nierenoperation in der Berliner Charité, 23. Januar 1990.
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