BERLIN. Mit neuen Namen und Enthüllungen prominenter Stasi-IM im Westen konnte und wollte Georg Herbstritt, Historiker der Birthler-Behörde, gestern nicht dienen, als er seine Studie über "Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage" (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht), vorstellte. Viele der 499 vor Gericht verhandelten Fälle von DDR-Spionage im Westen, die er für sein 560-Seiten-Werk in den Archiven der Bundesanwaltschaft durchgearbeitet hat, sind in den neunziger Jahren Gegenstand der Berichterstattung gewesen - etwa der Fall des Nato-"Toppspions" Rainer Rupp, Deckname "Topas".Herbstritts Interesse bestand eher darin, abseits spektakulärer Fälle ein Bild aus den "Niederungen" der DDR-Spionage zu zeichnen. Neben den Anklageschriften der Bundesanwaltschaft zog er ergänzend die relativ wenigen in der Stasi-Unterlagenbehörde verbliebenen Dokumente zur Auslandsspionage der DDR zu Rate. Das meiste Material dazu hatte die zuständige "Hauptverwaltung Aufklärung" (HVA) 1990 vernichtet, lediglich gerettete elektronische Dateien lassen einen Einblick in Art und Ausmaß der DDR-Spionage im Westen zu.Zu den Erkenntnissen Herbstritts gehört, dass die Zahl der 1989 vom MfS geführten West-IM bei über 3 000 lag. Dazu gehörten die von Markus Wolf geführten "Quellen" der HVA, deren Zahl etwa 500 betrug, sowie die IM der Abwehr-Einheiten des MfS, die sich unter anderem mit der Vereitelung von "Republikflucht" befassten. "Rechnerisch arbeiteten von 100 000 Bundesbürgern damals fünf konspirativ für die DDR", sagte der Historiker.Herbstritt unternahm auch sozialwissenschaftliche Analysen des Spitzel-Bestands. Demzufolge hatte jeder zweite HVA-Spion einen Hochschulabschluss. Die durchschnittliche Dauer einer IM-Karriere betrug 15 Jahre. Nicht selten warb das MfS bereits Jugendliche an, gern aus Familien, wo bereits die Eltern konspirativ für die DDR arbeiteten.Sehr langfristig beeinflusste man in der Normannenstraße den Lebenslauf der jungen West-Spitzel so, dass sie später als Quelle an wichtigen Positionen landeten. Dafür nahm das MfS ausnahmsweise auch Nonkonformismus in Kauf. Um das Vertrauen der Jugendlichen zu erreichen, hieß es in einer Stasi-Diplomarbeit, solle der Führungsoffizier davon Abstand nehmen, das möglicherweise "unordentliche Äußere" des jungen künftigen West-IM zu kritisieren.Geld statt WeltfriedenHerbstritt führt eine Reihe von Belegen an, dass die HVA unter ihrem "legendären" Chef Markus Wolf nicht so erfolgreich und idealistisch motiviert war wie Ex-Tschekisten es in ihren Memoiren behaupten. Nicht um den Weltfrieden, sondern um Geld sei es vielen West-IM gegangen, so der Historiker, 80 Prozent ließen sich ihren Verrat bezahlen. Außerdem sei auch die Auslandspionage der DDR an der politischen Verfolgung im DDR-Inland beteiligt gewesen, etwa durch die Denunziation von Fluchtvorhaben, berichtet Herbstritt. Dessen "Röntgenbild der DDR-Westspionage", so meinte der Stasi-Experte Karl-Wilhelm Fricke gestern, werde es den Altkadern des MfS erschweren, "weiter ihre Mythen- und Legendenbildung" zu betreiben.------------------------------"Von 100 000 Bundesbürgern arbeiteten fünf konspirativ für die DDR." Georg Herbstritt, Historiker
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