Rücktrittsforderung

„Bitten Sie um Ihre Entlassung“: JU-Delegierter fordert Merz offen zum Rücktritt auf

„Raubzug“ bei der Rente, Umfragewerte wie Liz Truss: Ein junger Unionist rechnet beim Deutschlandtag in Bonn mit dem Kanzler ab.

3 Min
Heißer Auftritt: Kanzler Friedrich Merz (CDU) neben JU-Chef Johannes Winkel beim Deutschlandtag der Jungen Union in Bonn

Heißer Auftritt: Kanzler Friedrich Merz (CDU) neben JU-Chef Johannes Winkel beim Deutschlandtag der Jungen Union in Bonn

© Chris Emil Janssen/Imago

Erst lobt er den Kanzler. Dann schickt er ihn zum Bundespräsidenten. „Nehmen Sie Ihren Dienstwagen, fahren Sie zum Bundespräsidenten und bitten Sie um Ihre Entlassung.“ Mit diesem Satz hat ein Delegierter der Jungen Union Friedrich Merz am Samstag in Bonn offen zum Rücktritt aufgefordert.

Es geschah in der Fragerunde beim Deutschlandtag, nach der knapp einstündigen Rede des Kanzlers vor rund 300 Delegierten. Nach Angaben des Tagesspiegels stammt der Redner aus Bayern.

„Raubzug gegen die junge Generation“

Der Delegierte begann freundlich. Merz habe „viele sehr, sehr richtige Dinge gesagt“, seine Reden seien „eigentlich immer sehr gut“. Dann kam die Frage: „Was machen Sie dann am Ende?“

Bei der Rente habe der Kanzler in den vergangenen zwei Jahren „faktisch einen Raubzug gegen die junge Generation angeführt – willentlich oder aus Versehen“.

Er nannte zwei Beispiele: die Schulden des vergangenen Jahres, aufgenommen auf Druck der SPD, und das Rentenpaket. Die Einwände der JU dagegen seien „zur Seite geschoben“ worden.

Merz auf „Liz-Truss-Level“?

Dann folgte der Vergleich, der hängen bleibt. Viele Menschen hätten kein Vertrauen mehr in Merz, das zeigten auch die Umfragen. In einer Erhebung habe der Kanzler zuletzt nur noch zehn Prozent Zustimmung gehabt, glaube er.

„Das ist Liz-Truss-Level in den letzten Tagen ihrer Amtszeit.“ Truss war 2022 nur 49 Tage britische Premierministerin, kürzer als alle ihre Vorgänger.

Die Zahl stimmt. Im ARD-Deutschlandtrend von Ende September waren nur zehn Prozent mit Merz zufrieden. Kein Kanzler hatte seit Beginn der Erhebung 1997 einen schlechteren Wert.

Verhaltener Applaus, vereinzelt Buhrufe

Im Saal blieb die Zustimmung verhalten, einige Delegierte buhten den Redner aus. Merz ging in seiner Antwort über die Rücktrittsforderung hinweg. Er betonte, wie wichtig eine stabile Regierung sei.

 JU-Chef Johannes Winkel wollte den Auftritt nicht unkommentiert stehen lassen. „Junge Union ist hart in der Sache, aber smart in der Sprache“, sagte Winkel. Der Kanzler habe Rückendeckung, wenn er die Reformen nun umsetze.

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Wieder ein Versprechen zur Rente

Ausgerechnet bei der Rente hatte Merz kurz zuvor viel versprochen. Die Vorschläge der Rentenkommission will er umsetzen, „wie sie auf dem Tisch liegen“. Dazu gehört die umstrittene Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren.

Das Kabinett soll die Reform noch 2026 beschließen, der Bundestag Anfang 2027 final abstimmen.

Genau hier setzt die Kritik des Delegierten an. An Ankündigungen hat es nie gemangelt. Erst diese Woche hatte Merz beim Arbeitgebertag erklärt, er wolle nicht „Liebling der Nation“ werden und halte am Reformkurs fest.

Der Beifall nach der Rede dauerte keine Minute und blieb leise. Am lautesten klatschten die Delegierten, als Merz SPD und Grüne aufforderte, ihre Gespräche mit der Linken in Berlin abzubrechen.

Ein Jahr nach dem großen Streit

Beim Deutschlandtag 2025 im Europa-Park Rust hatten sich Merz und die JU heftig um das Rentenpaket gestritten. Die 18 jungen Unionsabgeordneten der Jungen Gruppe drohten damals, es im Bundestag scheitern zu lassen.

Diesmal blieb der offene Zoff aus. Unter Delegierten hieß es, die Rede des Kanzlers sei kein großer Wurf gewesen, aber eine Annäherung. Der Satz vom Dienstwagen zeigt, wie dünn diese Annäherung ist.

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