Ihre Revolution begann mit einer Träne. 6000 Meter über dem Meeresspiegel auf dem Huayna Potosí. Um sie Schnee und das Zickzack der Berge. Das war also der Gipfel? Über Stunden war sie hinaufgegangen. Doch nun, da sie ihn erreicht hatte, fragte sie sich, ob sie irgendwo falsch abgebogen war. Von oben war ihr diese Welt fremd. Ihre schroffen Berggipfel umschlossen von zarten Nebelschwaden. Ihre Stille. „Wo bin ich?“, fragte sie. Weit unten zog ein Flugzeug vorbei. Kein Zweifel, es war ihre Welt. Eine Träne verließ ihr Auge, tropfte vom Kinn auf die Tracht. „Niemand wird mich hier erreichen können“, sagte Elena Quispe. „Ich bin frei.“
Bolivien ist das einzige Land Südamerikas, in dem indigene Gruppen den Großteil der Bevölkerung stellen. Darunter die Aymara – älteste noch lebende Volksgruppe der Hochanden, Nachfahren der Tiwanaku-Hochkultur. Ihre Sprache überstand Jahrtausende. Ihre Tänze und Lieder kommen aus einer Zeit vor dem Inka-Reich.
All das existiert, weil die Menschen daran festhalten. Auch an der alten Lebensweise. Sie bewirtschaften Land oder halten Vieh. Frauen tragen Tracht, nennen sich Cholita. Sie sollen Kinder bekommen, den Haushalt schmeißen. Ihre Welt beschränkt auf die umliegenden Straßen. Eisern überwacht von Männern, die das Leben, das nicht ihres ist, mit Gewalt in gewohnte Bahnen drücken.
Bergsteigen war für Elena Quispe anfangs keine Leidenschaft, sondern Arbeit.
© Jairo Andres Perez Mendez
Ein Leben in der Gemeinschaft
In diesen Bahnen war auch Elena Quispes Leben verlaufen. Immer war sie klein gewesen. Auf die Weise, wie es Alte sind, die Jahr für Jahr an Zeit und Höhe verlieren. Schon als Kind nahm sie Aufgaben und Blick einer Erwachsenen an. Ihr schwarzes Haar aufgeteilt in zwei Zöpfe, Haut ledern, Hüften rund von den geschichteten Röcken ihrer Tracht, hütete sie Lamas. Manchmal büxte eines aus und das Mädchen rannte und rannte, barfuß über Weidengras, übersprang große Steine, bis sie es gefangen hatte.
Sie sprach nicht. Verbrachte stumme Nachmittage auf der Weide mit dem Vieh, stumme Nächte mit Mutter und Geschwistern am Boden ihrer Steinhütte. Tagelang beobachtete sie Lamas die Weiden abgrasen, Blumen sich öffnen und schließen und Freundinnen, die mit 14 heirateten und das Haus nicht mehr verließen, weil ihre Ehemänner sonst vor Eifersucht durchdrehten.
Diese Mädchen führten ein anerkanntes Leben in der Gemeinschaft. Ihre Männer sicherten sie jetzt ab, ihre Kinder würden es später tun. Der Preis war, die eigenen Träume aufzugeben – wenn sie denn welche hatten. Von klein auf lernten sie Kochen, Putzen und die Geschwister zu umsorgen. Das Träumen allerdings hatte ihnen nie jemand beigebracht.
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So war es nicht der Traum vom Bergsteigen, der Elena Quispe in die Berge führte. Es war Arbeit. Sie war 14. Stark genug, um 20 Kilogramm Gepäck zum Basislager zu tragen. Ausrüstung und Essen für Wandertouristen, die es sich leisten konnten zu träumen.
Wie Elena Quispe arbeiten viele indigene Frauen als Trägerinnen und Köchinnen in den Bergen. Sie gehen bis zum Basislager; dahinter ist Männerland. Es gibt kein geschriebenes Verbot, keinen Glauben, sie würden am Gipfel Unglück bringen. Man traut es Cholitas schlicht nicht zu, dass sie den Gipfel erreichen könnten. Ihre Tracht macht die Frauen dicklich. Dazu die runden Gesichter, die dünnen Beinchen. Sie haben nicht den Körper einer Athletin – weil sie das nicht sind. Sie sind Frauen, die alles für das Überleben ihrer Familie tun würden. Die kiloweise Gepäck Berge hochschleppen – ihre Stärke trotz allem beweisen müssen.
Beim ersten Aufstieg sog Elena Quispe jeden Eindruck ein. Der Berg zersplittert, als hätte jemand einen riesigen Felsen in die Landschaft gerammt, den es beim Aufprall in Millionen Teile zerriss. Von Weitem schien er grau, schnitt zackig in den Himmel. Doch das Mädchen erkannte das Glitzern und die Farben eines jeden Steines. Manche schimmerten wie Pfützen aus Öl, andere hatten weiche Rundungen, waren geformt wie Herzen. Gräser und weiße Blumen wogen im Wind. Elena Quispe streifte sie beim Vorbeigehen. Kurz sah man ihren weißen, mit Blüten bestickten Unterrock. Ihr Kleid ist ein Spiegelbild des Berges, der bunt für diejenigen strahlt, die sich Zeit nehmen, ihn anzusehen.
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Sie versuchte kontrolliert zu atmen – es war schwer. Die Luft wurde dünner. Dennoch spürte sie, zu welcher Kraft ihr Körper fähig war. Der Berg so groß, sie so klein. Immer weiter stieg sie auf, entfernte sich von der Welt, aus der sie kam. Oben schienen Grenzen egal. Winzig und weit weg. Auch die des Basislagers hatte für Elena Quispe keine Bedeutung. Sie spürte, dass sie es bis zum Gipfel schaffen konnte.
Und tatsächlich, sie schaffte es. Sie, das Mädchen, das immer zurückgezogen in sich selbst lebte, stand oben auf dem Huayna Potosí, unter sich die Wolken, um sich schneebedeckte Gipfel, und weinte. Weinte in die Berge. Tausende Höhenmeter über den Bahnen, in denen ihr Leben verlief, fand sie einen Traum, besiegelte ihn mit ihren Tränen.
Eine von 14 Bergsteigerinnen
Die Tracht der Cholitas besteht aus einer Pollera, ein meterlanger Überrock. Darunter bis zu zehn Unterröcke. Obenrum tragen sie Bluse, Schultertuch und auf dem Kopf den Melonenhut. Als Elena Quispe vom Huayna Potosí kommt, fügt sie ihrer Tracht ein Seil hinzu. Einen Helm und Wanderschuhe. Von nun an will Elena Quispe eine Cholita Escaladora sein – eine von nur 14 indigenen Bergsteigerinnen Boliviens.
Die folgenden Jahre sind eine Höhenjagd. Sie besteigt den Illimani, 6439 Meter, den Nevado Sajama, 6542 Meter, den Acotango, 6052 Meter. Mit vier befreundeten Cholitas Escaladoras erklimmt sie den Aconcagua in Argentinien – mit fast 7000 Metern höchster Berg Südamerikas. Wind pfeift durch ihre Röcke, Schnee bedeckt die bunten Kleider. „Wir Frauen in Pollera sind Kämpferinnen. Nichts und niemand kann uns aufhalten“, sagt Elena Quispe, die als Mädchen nie etwas sagte. Sie erreichen den Gipfel. Nie waren sie dem Himmel näher.
Ihre liebste Erinnerung bleibt das Fußballspiel der Cholitas Escaladoras auf dem Huayna Potosí. Dafür kehrt sie auf den Berg zurück, den sie als Mädchen mit aller Kraft bezwang; merkt, wie stark sie über die Jahre geworden ist. Nahm ihr der erste Aufstieg noch den Atem, hat sie nun genug Luft, um auf fast 6000 Metern einem Ball hinterherzujagen. Die Frauen lassen eine Kamera laufen. „Es leben die Cholitas Escaladoras!“, ruft Elena Quispe. Die Videos gehen um die Welt.
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Elena Quispe hat das Bergsteigen zu ihrem Beruf gemacht. Sie ist 25, keine Kinder, dafür die Ausbildung zum Guide. Wochenends führt sie Touristen durch die Berge. „Ich liebe es, den Weg zu teilen, und ihre Geschichten zu hören“, sagt sie. Wenn sie gemeinsam mit europäischen Frauen in den Horizont blickt, diese von einem Leben erzählen, in dem Frauen alles offensteht, dann fühlt Elena Quispe, wie sich die Welt vor ihr auftut. Sie kommt vom Berg und sagt: „Ich will einen Mann, der mich so liebt wie ich bin – jeder andere kann gehen.“
Elena Quispe begleitet eine Gruppe Touristen als Bergführerin.
© Jairo Andres Perez Mendez
Schwer zu finden in einem Land, in dem sich Männer als überlegene Anführer sehen; viele ein Springmesser in der Hosentasche tragen, um dies zu beweisen. Drei von vier Bolivianerinnen wurden schon einmal von ihrem Partner geschlagen. Zwischen 2013 und 2020 starben 787 Frauen durch die Hand eines Mannes. Weniger als ein Drittel der Täter wurde verurteilt; die meisten kauften sich frei, unterdrücken weiter ihre Ehefrauen, Schwestern, Töchter. Und unterschätzen sie.
Männer reißen Witze über Elena Quispe: „Pass auf, dass deine Finger nicht abfrieren!“ Doch das Mädchen in ihr, das tagelang beobachtete, wie sich Blumen öffneten und schlossen, sieht im Gelächter etwas aufblitzen. „Ihre Münder lachen, doch die Augen sind hasserfüllt“, sagt Elena Quispe. Die Blicke der Männer sind kalt wie Bergstürme, die auf schweren Aufstiegen ihren Rock steif gefrieren lassen, ihr die Sicht nehmen, sie in den Glauben stürzen, sie würde den Weg nicht schaffen. „So viel Kritik. Manchmal will ich am liebsten hinschmeißen “, sagt sie. Dann steht sie am Gipfel und weint – nicht wegen der Schikanen. Sie weint, weil sie nie etwas Schöneres sah als die Welt von einem Berggipfel. Von oben scheinen ihr nicht nur Grenzen nichtig, sondern auch die Männer, die sie setzen. Es ist wie Fliegen. Ach, wie frisch! Ach, wie frei! „Ich werde wiederkommen.“
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Ihr Business läuft gut. Viele Touristen bevorzugen die Cholita vor den männlichen Guides. Zahlen für eine Wanderung mit ihr auch gerne etwas mehr. Elena Quispe ist zur echten Konkurrenz geworden – und damit Teil eines Wandels. Immer mehr indigene Frauen schlagen einen Karriereweg ein. Sie sind Politikerinnen, Journalistinnen, Geschäftsfrauen. Machen Auslandsreisen, vergolden ihre Zähne, lassen ihre Röcke in den feinsten Stoffen schneidern. Sie wandeln die Tracht zum Symbol für Unabhängigkeit und Stärke.
Am Internationalen Tag der Frau gehen Tausende Bolivianerinnen für Gleichberechtigung auf die Straße. Sie schließen sich in Feminismusbünden zusammen, errichten Blockaden, wenn sich Vergewaltiger freikaufen, geben Grundkurse in Selbstverteidigung. Jahrhunderte in ein Rollenbild gepresst zu werden, hat sie nicht gebrochen. Es hat sie zusammenfinden lassen; bereit, auferlegte Banden zu überwinden.
Inzwischen verwendet Elena Quispe ihre Ausrüstung nicht nur in den Bergen. Sie geht damit an Schulen. Zeigt Helm und Steigeisen Schülerinnen, die zum ersten Mal sehen, dass sie mehr als nur Hausfrau werden können: Doktorin, Anwältin, Bergsteigerin. Während die Mädchen zaghaft beginnen, eigene Träume zu spinnen, verfolgt Elena Quispe den Traum, den sie am Gipfel des Huayna Potosí fand. Sie spart ihren Lohn, sucht nach Sponsoren. Alles für eine Reise nach Nepal. „Ich träume davon, den Mount Everest zu besteigen“, sagt sie. In einem Jahr will sie losgehen.
Maja Schirrle ist 24 Jahre alt und studierte Journalismus in Ansbach und Sucre. Seitdem berichtet sie aus Deutschland und Bolivien.
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