Die Verteidigung des Präsidentschaftskandidaten und Senators Flávio Bolsonaro hat am Mittwoch beim Obersten Gerichtshof (STF) einen Befangenheitsantrag gestellt. Richter Flávio Dino soll von sämtlichen Verfahren mit Bezug zu Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (PT), zur Präsidentschaftswahl und zu Flávio Bolsonaro selbst abgezogen werden. Bis zur Entscheidung sollen die betroffenen Verfahren ausgesetzt werden, fordert der Antrag laut dem Nachrichtenportal UOL.
Flávio ist der älteste Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro und sitzt für den Bundesstaat Rio de Janeiro im Senat. Für die rechte Opposition tritt er gegen Lula von der Arbeiterpartei PT an, der eine vierte Amtszeit anstrebt. In Brasilien stehen in diesem Monat allgemeine Wahlen für den Präsidenten, den Kongress sowie die Gouverneure und Parlamente der Bundesstaaten an.
Die Anwälte begründen den Antrag mit einer angeblichen „engen Freundschaft“ zwischen Dino und Lula. Diese Nähe beeinträchtige die Unparteilichkeit des Richters. Dino war vor seiner Berufung an den Obersten Gerichtshof Justizminister unter Lula. Zuvor regierte er von 2015 bis 2022 den Bundesstaat Maranhão und gehörte dem Kongress als Abgeordneter und Senator an, zunächst für die kommunistische PCdoB, bevor er 2021 zur sozialistischen PSB wechselte. Bereits von 1994 bis 2006 hatte der Jurist als Bundesrichter gearbeitet.
Als Beleg für die enge Beziehung zu Lula führen die Anwälte laut UOL einen Telefonanruf des Präsidenten bei Dino an. Vor der Unterzeichnung eines Gesetzes soll Lula gesagt haben: „Flávio, ich wollte dir etwas sagen. Ich bin hier in Belém. Ich wollte nicht unterschreiben, ohne mit dir zu reden.“
Heiligenlegende über den inhaftierten Ex-Präsidenten
Der Befangenheitsantrag umfasst ausdrücklich die Ermittlungen zur Finanzierung des Spielfilms „Dark Horse“. Das Werk ist eine aufwendig produzierte Filmbiografie über Jair Bolsonaro, die auf das internationale Publikum zielt.
Bolsonaro verbüßt seit November 2025 eine 27-jährige Haftstrafe. Eine Kammer des Obersten Gerichtshofs hatte ihn schuldig gesprochen, nach seiner Wahlniederlage 2022 einen Staatsstreich gegen Lula geplant zu haben.
Zur Anklage gehörte ein von Bolsonaro bearbeiteter Entwurf für ein Notstandsdekret. Dazu kamen Druck auf Militärs und Institutionen sowie die Operation „Grün-gelber Dolch“. Bei dieser sollen Anschläge auf Lula, Vizepräsident Geraldo Alckmin und STF-Richter Alexandre de Moraes geplant worden sein. Verurteilt wurden auch mehrere frühere Minister, Militärs und der frühere Geheimdienstchef.
Bolsonaro hatte schon vor der Wahl Zweifel am Wahlsystem gestreut. Nach Lulas Sieg blockierten Anhänger Straßen und forderten vor Kasernen ein Eingreifen des Militärs. Am 8. Januar 2023 stürmten Bolsonaro-Anhänger das Regierungsviertel in Brasília.
Der Ex-Präsident verbüßt seine Haftstrafe seit März aus gesundheitlichen Gründen im Hausarrest in Brasília.
Jesus-Darsteller spielt den Ex-Präsidenten
Regie bei „Dark Horse“ führte der US-amerikanische Regisseur iranischer Herkunft Cyrus Nowrasteh. Er ist bekannt für religiös und politisch aufgeladene Stoffe wie „The Stoning of Soraya M.“ und „Infidel“. Die Hauptrolle übernahm der katholisch-konservative Schauspieler Jim Caviezel. Dieser spielte in Mel Gibsons „Die Passion Christi“ Jesus und zählt zu den prominenten Unterstützern von US-Präsident Donald Trump.
Der Film inszeniert Episoden aus Bolsonaros politischer Laufbahn, darunter das Messerattentat während des Wahlkampfs 2018 in Juiz de Fora. Er zeichnet den Ex-Präsidenten als heroische Außenseiterfigur. Initiator ist der rechte Abgeordnete und frühere Kulturstaatssekretär Mário Frias.
Die Dreharbeiten wurden bereits im Dezember 2025 abgeschlossen, seitdem befindet sich der Film in der Postproduktion. Einen festen Kinostart in Brasilien gibt es bislang nicht. Die Verleihfirma Europa Filmes dementierte eine angeblich für den 30. September angesetzte Vorpremiere. Der Film werde weder vor noch während der Wahl veröffentlicht, erklärte sie.
Die Filmbehörde Ancine hat das Werk registriert, für einen regulären Kinostart sind jedoch noch weitere Freigaben nötig. Das Budget liegt deutlich über dem der jüngsten brasilianischen Oscar-Beiträge „Ainda Estou Aqui“ von Walter Salles und „O Agente Secreto“ von Kleber Mendonça Filho.
Millionenzahlungen eines inhaftierten Bankiers
Im Zentrum der Ermittlungen stehen Zahlungen des inhaftierten Bankiers Daniel Vorcaro, des früheren Eigentümers der Banco Master. Das Geldhaus wurde im November 2025 von der brasilianischen Zentralbank liquidiert. Die Behörden untersuchen unter anderem den Verdacht, dass die Bank ungedeckte Kreditportfolios geschaffen und an die staatliche Banco de Brasília verkauft haben soll.
Nach Recherchen des Portals The Intercept Brasil verhandelte Flávio Bolsonaro mit Vorcaro über insgesamt 24 Millionen US-Dollar für die Filmproduktion. Belegt sind laut Berichten von Folha de S.Paulo und der Zeitschrift piauí tatsächliche Überweisungen von rund 12,3 Millionen Dollar. Die Bundespolizei PF ermittelt gegen den Senator wegen des Verdachts auf Korruption, Geldwäsche und Devisenvergehen.
US-Fonds als Drehscheibe für Vorcaros Zahlungen
Die Zahlungen flossen den Quellen zufolge an den in den USA ansässigen Havengate Development Fund. Dieser diente als Finanzvehikel für die Filmproduktion. Verwaltet wird der Fonds nach Angaben der Folha de S.Paulo von Paulo Calixto. Der Anwalt hat Verbindungen zu Eduardo Bolsonaro, einem weiteren Sohn Jair Bolsonaros. Dieser lebt seit Februar 2025 in den USA.
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Die Bundespolizei geht dem Verdacht nach, dass Teile des über den Havengate-Fonds geflossenen Geldes nicht nur für den Film dienten. Auch der Aufenthalt von Eduardo Bolsonaro in den USA sowie politische Aktivitäten von Bolsonaro-Verbündeten im Umfeld der Trump-Regierung könnten damit finanziert worden sein.
Ein mutmaßlicher Mittelsmann namens Antônio Carlos Freixo Júnior, genannt „Mineiro“, soll laut einer Kronzeugenaussage für Vorcaro Bargeld in Koffern transportiert und Überweisungen in die USA an den Fonds organisiert haben.
Verdacht auf Zweckentfremdung öffentlicher Mittel
Parallel läuft ein von Richter Dino genehmigtes Verfahren zu einem möglichen Missbrauch öffentlicher Mittel. Nach Angaben der Folha de S.Paulo sollen 750.000 Real, umgerechnet rund 128.000 Euro, aus parlamentarischen Zuschüssen des Abgeordneten Mário Frias über eine Nichtregierungsorganisation an die Produktionsfirma Go Up Entertainment geflossen sein.
Bei einer Razzia am 10. September wurden 49 Durchsuchungsbeschlüsse vollstreckt. Frias wies die Vorwürfe zurück und sprach von einer „Nebelkerze“.
Flávio Bolsonaro bestreitet jede Unregelmäßigkeit. Bei einem Wahlkampfauftritt in Boa Vista bezeichnete er die Operation als politische Einflussnahme auf die Wahl. Nach Analysen der brasilianischen Denkfabrik Instituto Democracia em Xeque zur Analyse digitaler politischer Debatten verzeichneten die sozialen Netzwerke allein zwischen dem 8. und 14. September rund 1,1 Millionen Beiträge zu dem Fall.
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