Familienroman

Botschaften über Generationen hinweg: „Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe

Ein Schrank voller Tagebücher von Frauen aus ihrer Familie inspirierte Miriam Carbe zu ihrem ersten Roman. Er steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Bernadette Conrad
4 Min
Miriam Carbe las die Tagebücher ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter und fing dann an, den Roman des Lebens dieser Frauen zu schreiben.

Miriam Carbe las die Tagebücher ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter und fing dann an, den Roman des Lebens dieser Frauen zu schreiben.

© Wolfgang Stahr/Hanser Verlag

Als die Ich-Erzählerin Miriam nach dem Tod ihrer Mutter Monika den wuchtigen Bücherschrank in ihre Wohnung holt, passt er zu ihrer Überraschung perfekt.

Wuchtiger noch aber ist sein Inhalt: Der Schrank enthält die Tagebücher von Monika, von ihrer Großmutter Nanni und der Urgroßmutter Immi – und wird damit zum Ausgangspunkt und zur Quelle des Romans.

„Unerwünschte Töchter“ heißt der eng an ihre eigene Biografie angelehnte Debütroman der 59-jährigen Autorin Miriam Carbe, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Darin erzählt sie die Lebenswege von vier eng verwandten, doch sehr unterschiedlichen Frauen, die zwischen Dresden und Frankfurt am Main verlaufen. „Das ist ein Bücherschrank, sagte zumindest meine Mutter, anklagend, denn meine Großmutter nutzte nur die Regale für Bücher, hinter die Glasflügel mit den 2 x 18 kleinen Fensterchen hatte sie eine große rosa Muschel gestellt und Fipps, den Affen, der zwei Schellen zusammenschlug, wenn man ihn aufzog, und zwei kleine Ziegenböcke. Einer war schwarz wie mein Vater, einer weiß wie meine Mutter …“

Ein schwarzes Kind

Dieser Hinweis auf Miriams nigerianischen Vater deutet zugleich auf die im Titel erwähnte besonders „unerwünschte“ Tochter. Als Nanni, die Großmutter der Erzählerin, von der Freundschaft ihrer Tochter mit einem nigerianischen Kommilitonen erfuhr, hatte sie Monika aufgefordert, dies schnellstens zu beenden. Stattdessen war Monika schwanger geworden – mit Miriam.

Carbes Buch hat seine Stärke darin, dass es mit den Vorfahrinnen auch die jeweilige Zeit porträtiert. Nanni, die immer viel Wert auf Aussehen und ein angenehmes Leben gelegt und Hitler gar nicht so schlecht gefunden hatte, bringt keinerlei Verständnis für Monika auf, die so ganz anders ist als sie selbst: ein rebellisches Kind der 1960er-Jahre, hungrig nach Verstehen und Auseinandersetzung und von einer Sensibilität, für die Nanni keine Antennen hat.

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So entsetzt Nanni zunächst über Monikas Schwangerschaft war, so gut versteht sie sich später mit der Enkelin – auch dies nicht einfach für Monika, die der Mutter ihre hitlerfreundlichen Ansichten weiterhin vorhält. „Was hätten wir denn machen sollen?, fragte meine Großmutter … und nahm eine orange und eine weiße Pille gegen die Zumutungen meiner Mutter. Es war eine Diktatur … Ich fand meine Mutter viel zu aggressiv und stimmte meiner Großmutter zu, das Mitläufertum erschien mir völlig normal. Erst als wir in der Oberstufe eine Ausstellung über Medizin und Propaganda im Nationalsozialismus sahen, erst als ich die Diagramme sah, die die Kosten der Erbkranken veranschaulichten, habe ich den Kern der verschlungenen Wut meiner Mutter verstanden, das Erschrecken über die absolute Kälte des Herzens.“

Sprung von Tochter zu Tochter

Im Erzählen dieser Mütter-Töchter-Folge durch das 20. Jahrhundert ist der Fokus immer bei der jeweils heranwachsenden Tochter. Gern würde man dann mehr erfahren über deren Entwicklung vom Mädchen zur Frau, vom Tochtersein zum Mutterwerden – wenn das Buch dies aber überspringt, um sich der jungen Tochter der jeweils nächsten Generation zuzuwenden, stellt dies eine etwas enttäuschende Lücke dar. Mitunter geht die Leserin, geht der Leser in den vielen Details dieses fremden Familienalbums auch verloren und wüsste stattdessen gern mehr über die Ich-Erzählerin selbst und ihre Rolle darin.

Gegen Schluss, wo der Roman an die Gegenwart heranreicht und die Erzählerin an eigener Kontur gewinnt, wird es am spannendsten: Genau hier wird ein Nachfolgerbuch ansetzen, das, wie es scheint, in Planung ist.

Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2026. 576 Seiten, 26 Euro.

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