Gastbeitrag

Britische Botschafterin: „Freunde der Ukraine dürfen jetzt nicht einknicken“

Die Ukraine feiert heute ihren Unabhängigkeitstag. Die Vertreterin Großbritanniens in Deutschland, Jill Gallard, appelliert, in der Unterstützung für die Ukraine nicht nachzulassen.

Jill Gallard
4 Min
Die Britische Botschafterin, Jill Gallard, in der Residenz in Berlin-Dahlem.

Die Britische Botschafterin, Jill Gallard, in der Residenz in Berlin-Dahlem.

© Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Am 24. August 1991 wurde die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet und in einer Volksabstimmung mit mehr als 90 Prozent Ja-Stimmen bestätigt.

Damals herrschte allseits großer Optimismus. Im selben Jahr, als ich meine diplomatische Laufbahn begann, wurde in Deutschland die erste Regierung nach der Wiedervereinigung vereidigt. Die Scorpions eroberten mit „Wind of Change“ die Charts.

Dieser Wind wehte auch in Kiew und Charkiw – die Ukraine wurde als unabhängiger Staat in die internationale Gemeinschaft aufgenommen. Großbritannien, Deutschland und andere Länder standen zusammen, um die nun mehr vom Kommunismus befreiten osteuropäischen Staaten bei der Reform ihrer politischen und wirtschaftlichen Systeme zu unterstützen.

Der Kontrast zu 2022 ist nicht zu übersehen. Die Ukraine ist unter Beschuss. Bilder von Gräueltaten gehen um die Welt. Russland versucht, ukrainische Kultur und Identität auszulöschen. Der Optimismus der frühen 1990er-Jahre ist nur noch eine blasse Erinnerung.

Die Ukraine taucht in der Geschichte Großbritanniens immer wieder auf

Und auch wenn wir uns nur noch undeutlich an diese Zeit erinnern – die frühere Geschichte der Ukraine spielt in unserer europäischen Selbstwahrnehmung so gut wie gar keine Rolle. Der ukrainische Staat wurde zwar erst 1991 unabhängig, aber die Geschichte der Ukraine innerhalb der europäischen Staatenfamilie reicht viel weiter zurück.

Die Ukraine taucht in der Geschichte Großbritanniens immer wieder auf. Im 11. Jahrhundert war Harald Hardråde eine Zeit lang Befehlshaber der Kiewer Rus, bevor er beim Versuch, Anspruch auf den englischen Thron zu erheben, starb und damit das Zeitalter der Wikinger endete.

Es gibt auch Beispiele aus jüngerer Zeit. So wird dem schottischen Unternehmer Charles Gascoigne die Gründung von Luhansk im Jahr 1795 zugeschrieben, während der walisische Geschäftsmann John Hughes die Industrie nach Donezk brachte, das damals ihm zu Ehren Jusowka hieß.

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Deutsche Kaufleute lebten bereits im 12. Jahrhundert in Kiew

Ich weiß auch, dass viele Deutsche sich im 18. und 19. Jahrhundert in Gebieten der heutigen Ukraine niedergelassen haben. Diese Verbindungen sind ebenfalls tief verwurzelt, und mittelalterlichen Chroniken zufolge lebten deutsche Kaufleute bereits im 12. Jahrhundert in Kiew.

Dennoch ist die aktuelle Debatte in Deutschland, kaum überraschend, durch Deutschlands Rolle in der Ukraine im 20. Jahrhundert überschattet. Nazi-Deutschland verübte dort ab 1941 unsagbare Verbrechen, führte einen entsetzlichen Vernichtungskrieg gegen die gesamte Sowjetunion. Wir dürfen das immense Opfer nie vergessen, das sowjetische Soldaten, Russen wie Ukrainer, im Kampf gegen die Nazis erbracht haben.

Ich kann mir vorstellen, wie schwierig der Umgang mit dieser komplexen Geschichte sein muss. Diese Komplexität mag den einen oder anderen davor zurückschrecken lassen, klare Urteile über die Ereignisse von 2022 abzugeben.

Der Gewinn an Sicherheit und Wohlstand seit 1991 in Europa steht auf dem Spiel

Wir können die Komplexität der Vergangenheit nicht ignorieren. Aber sie darf uns nicht davon abhalten, der Realität ins Auge zu sehen.

Wenn die Ukraine das Recht verliert, selbst über ihre Zukunft zu bestimmen, sind nicht nur die Ukrainer die Leidtragenden. Der Gewinn an Sicherheit und Wohlstand seit 1991 in ganz Europa steht auf dem Spiel.

Russlands Vorgehen ist ein eklatanter Verstoß gegen die UN-Charta. Wenn wir zulassen, dass Russland mit Gewalt und gegen den Willen der Ukrainer die Grenzen neu zieht, werden andere auf der Welt davon Notiz nehmen. Dies gefährdet die Sicherheit Großbritanniens und Deutschlands.

Glücklicherweise gibt das ukrainische Volk nicht nach. Sein entschlossener, tapferer Widerstand hat die Welt inspiriert. Für Putin war das ein Schock. Uns allen hat es Hoffnung gegeben.

Deshalb müssen wir in den kommenden Monaten standhaft bleiben. Ich weiß, dass Deutschland bereits Bedeutendes geleistet hat. Ihre Regierung hat beispiellosen Sanktionen zugestimmt, auch in der Energiepolitik; sie hat der Ukraine Waffen geliefert - auch schwere -, und anerkannt, dass die Ukraine das Recht hat zu entscheiden, wann und zu welchen Bedingungen der Krieg beendet wird. Ich möchte an dieser Stelle auch betonen, dass diese letzten Monate zweifellos die Bedeutung der britisch-deutschen Zusammenarbeit – besonders auf der Ebene der G7 und der Nato – unterstrichen haben.

Diese Wende ist von entscheidender Bedeutung. Freunde der Ukraine dürfen jetzt nicht einknicken. Wir müssen eine souveräne und unabhängige Ukraine weiter unterstützen. Dies ist in unserem eigenen Interesse. Es entspricht unseren Werten. Und es ist das richtige Vorgehen.

Slava Ukraini!

Zur Person
Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Zur Person

Jill Gallard trat Mitte November 2020 ihr Amt in Berlin an. Sie ist die erste Frau auf diesem Posten in Deutschland.

Die berufliche Laufbahn von Gallard im britischen Ministerium für Auswärtiges, Commonwealth und Entwicklung konzentrierte sich auf Europa: Deutschland ist ihr fünfter Posten in einem europäischen Land.

Gallard ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie ist in Nordirland aufgewachsen und spricht Deutsch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch.
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