Medizinforschung

Brandenburg winkt ab: 25-Millionen-Projekt für neue Medizin sucht Standort

Medikamente kosten 58 Milliarden Euro im Jahr und helfen Patienten oft nicht. Die EU will das ändern – und unheilbare Krankheiten heilbar machen.

5 Min
Medikamente in Regalen: Forscher entdecken einen Mechanismus, der Hirntumore bei Kindern auslöst – und sind einer Therapie auf der Spur.

Medikamente in Regalen: Forscher entdecken einen Mechanismus, der Hirntumore bei Kindern auslöst – und sind einer Therapie auf der Spur.

© Christoph Hardt/Imago

Es könnte die nächste unheilbare Krankheit sein, die heilbar wird. Die bisherigen Forschungsergebnisse jedenfalls geben Anlass zur Hoffnung, dass sich diese Art von Hirntumor bei Kindern besiegen lässt. Gliom ist die medizinische Bezeichnung. Der zugrunde liegende Mechanismus ist entdeckt, eine mögliche Therapie dagegen gefunden. Sie wird schon bei anderen Erkrankungen angewandt.

Das ist das Prinzip eines europaweiten Projekts namens Repo4EU. Repo steht für das englische Wort Repurposing: Umnutzung. Bereits für andere Diagnosen vorgesehene Medikamente werden bei Krankheitsbildern erprobt. Auch für Alzheimer zum Beispiel gibt es jetzt ein solches Medikament, für einen Subtyp. „Alzheimer ist ja nicht eine einzelne Erkrankung, sondern kann verschiedene Ursachen haben“, sagt Harald Schmidt.

Der Professor für Pharmakologie und personalisierte Medizin an der Universität Maastricht leitet Repo4EU. Das Projekt soll ein Hauptquartier bekommen. Schmidt macht sich für einen Standort in Deutschland stark. „Brandenburg hätte ideale Voraussetzungen dafür.“ Das Bundesland verfügt über die Medizinische Hochschule Brandenburg, die Medizinische Universität Lausitz, die Uni Potsdam und die Brandenburger TU. Das Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam hat ebenso Strahlkraft über die Landesgrenzen hinaus wie das Fraunhofer-Institut und das Hasso-Plattner-Institut.

EU fördert Projekt mit 25 Millionen Euro

Die Europäische Union fördert das Projekt mit 25 Millionen Euro. Weitere Forschungsvorhaben könnten in Zukunft von dem geplanten Hauptquartier aus koordiniert werden. „Es gibt viele Firmen, die mit uns kooperieren wollen“, sagt Schmidt. Doch Brandenburg ist nicht interessiert.

„Die Politik dort setzt andere Prioritäten“, sagt Schmidt, der dagegen von den einzelnen Institutionen während der mehr als ein Jahr dauernden und am Ende erfolglosen Anbahnung positive Signale erhalten hat. Von der Uni Potsdam etwa oder dem Fraunhofer-Institut.

„Wir haben jetzt Kontakt zu anderen Bundesländern aufgenommen“, sagt der Projektleiter. Baden-Württemberg scheint nicht abgeneigt zu sein, will generell mehr Geld in die Forschung investieren. „Und natürlich interessieren sich andere europäische Länder dafür, die in die Bresche springen würden, wenn Deutschland nicht aktiv wird“, sagt Schmidt. Schweden etwa bietet gute Voraussetzungen mit seinem Karolinska Institutet, einer der größten und angesehensten medizinischen Universitäten Europas.

Das Hauptquartier soll das Zentrum eines europaweiten Netzwerks sein. Geforscht wird über den Kontinent verteilt. Teams von Wissenschaftlern gehen nicht nur neurologischen oder onkologischen Problemen auf den Grund, sondern betrachten den menschlichen Organismus als Ganzes.

Krankheiten werden nach genetischen Ursachen sortiert

Bisher funktioniert die Medizin nach einem festen Schema: Äußern sich Beschwerden am Herzen, der Lunge, den Nieren, ist dafür eine bestimmte Fachrichtung zuständig. Repo4EU will nun nicht weniger als eine Revolution anstoßen. Schmidt spricht von einem Paradigmenwechsel. Davon, dass Krankheiten nicht mehr nach Organen getrennt betrachtet werden. „Wir sortieren die Erkrankungen nach den genetischen Ursachen neu.“

Nach dieser Logik wird etwa Alzheimer nicht als eine einzige Erkrankung betrachtet, sondern als ein Endstadium, dem unterschiedliche Mechanismen zugrunde liegen können. Für ein Fünftel der bislang unter diesem Sammelbegriff gefassten Patienten gibt es nun eine Therapie. Die Wissenschaftler von Repo4EU waren zuvor in Datenbanken dem Auslöser auf die Schliche gekommen. Sie entdeckten Biomarker, entwickelten Bluttests für die Diagnose und erprobten erfolgreich passende Medikamente an den jeweils betroffenen Patientengruppen.

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Wie mittlerweile in vielen Bereichen der Medizin vereinfacht auch dabei Künstliche Intelligenz die Prozesse. Sie hilft, die vielen Mechanismen schnell zu überblicken, bei Patienten zu erkennen und sie entsprechend zu behandeln. „Der personelle Aufwand ist überschaubar“, sagt Schmidt mit Blick auf das Hauptquartier.

Bis zum kommenden Sommer sollen die momentan laufenden Studien abgeschlossen sein. Am Patienten wird sich dann zeigen, ob dies der Weg in eine neue Medizin sein kann. Dass sich etwas ändern muss, ist inzwischen unbestritten. Die Pharmaindustrie gibt immer mehr Geld dafür aus, Medikamente zur Marktreife zu bringen. Diese müssen dann all die vorangegangenen Fehlversuche mitfinanzieren.

Die klinischen Studien dauern lange und benötigen in der abschließenden Phase sehr viele Teilnehmer. Selbst wenn es ein Arzneimittel in den Handel schafft, ist seine Wirkung keineswegs erwiesen. Viele Medikamente, sagt der Pharmakologe Schmidt, hätten für die meisten Patienten keinen Nutzen.

Dem Solidarsystem kosten sie trotzdem viel Geld. Deutschland gab im vergangenen Jahr 58,3 Milliarden Euro für Arzneimittel aus, 5,7 Prozent mehr als 2024. Für die gesetzliche Krankenversicherung ist dies der zweitgrößte Ausgabenposten nach den Klinikbehandlungen.

Krankheiten vorbeugen statt heilen zu müssen

Um die Ausgaben zu senken, wird Prävention immer wichtiger. Statt Krankheiten zu heilen, muss ihnen künftig verstärkt vorgebeugt werden. Die Kenntnis von Ursachen und Mechanismen kann dazu beitragen.

Spätestens an dieser Stelle kommt die Bundesregierung ins Spiel. Die Politik diskutiert über die Zukunft des Gesundheitssystems. Repo4EU könnte ein Faktor sein – und Deutschland das europäische Zentrum. Das Bundesforschungsministerium aber, sagt Professor Schmidt, „hat sich bisher nicht dazu durchringen können“.

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