Fußball-WM

Brasiliens Traum platzt gegen Norwegen: Fans und Medien rechnen mit Trainer und Verband ab

Das Ausscheiden im Achtelfinale entsetzt Brasilien. Trainer Carlo Ancelotti und der Verband CBF stehen in der Kritik, die Bolsonaro-Söhne attackieren Lula.

Peter Steiniger
Peter Steiniger
4 Min
Neymar konnte nach seiner späten Einwechslung Brasiliens WM-Aus gegen Norwegen nicht mehr abwenden.

Neymar konnte nach seiner späten Einwechslung Brasiliens WM-Aus gegen Norwegen nicht mehr abwenden.

© Moritz Mueller/imago

Nach dem Achtelfinal-Aus der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft hat in Brasilien binnen Stunden eine öffentliche Abrechnung mit Trainer Carlo Ancelotti, Starspieler Neymar und dem Verband CBF eingesetzt. Der Rekordweltmeister verlor am Sonntag im MetLife Stadium im US-Bundesstaat New Jersey mit 1:2 gegen Norwegen.

Nach Einschätzung der Zeitung Folha de S.Paulo war es die schwächste WM-Teilnahme der Seleção seit 1990. Der letzte Titel liegt damit 28 Jahre zurück – die längste titellose Phase in der Geschichte des fünffachen Weltmeisters.

Fans machen Trainer verantwortlich

Die Kritik der Anhänger richtet sich laut dem Sportportal Globo Esporte vor allem gegen Ancelottis Aufstellung, seine Einwechslungen und die Besetzung der Ersatzbank. Diskutiert wurde besonders die Nichtberücksichtigung von Angreifer Luiz Henrique, der 2024 zum besten Spieler Amerikas gewählt worden war und nach dem Auftaktspiel gegen Marokko nicht mehr zum Einsatz kam. Auch die Wahl von Bruno Guimarães als Elfmeterschütze in der 14. Minute sorgte für Unmut. Torwart Ørjan Nyland parierte den Versuch.

Ancelotti begründete die Entscheidung gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters mit einer statistischen Auswertung. Danach seien Neymar, Raphinha und Bruno Guimarães die besten Schützen gewesen. Da die ersten beiden nicht in der Startelf standen, sei Guimarães ausgewählt worden.

Der Trainer räumte ein, seine Mannschaft habe zu defensiv agiert, und forderte mehr junge Talente sowie hochklassige Spieler im Mittelfeld für den brasilianischen Fußball. Offensivspieler Vinicius Júnior bestätigte gegenüber Folha de S.Paulo, die Reihenfolge der Elfmeterschützen sei vor der Partie festgelegt worden. Er habe sich nicht vor der Verantwortung gedrückt.

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Neymar deutet Rücktritt an

Superstar Neymar, der in der 67. Minute eingewechselt wurde und in der Nachspielzeit den Anschlusstreffer per Foulelfmeter erzielte, brach nach dem Spiel auf dem Rasen in Tränen aus. Gegenüber dem Sender Ge TV sagte er: „Ich habe es versucht. Jetzt ist es vorbei. Hier habe ich begonnen, hier höre ich auf."

Der 34-Jährige spielte 2010 im selben Stadion erstmals für die Auswahl. Mit 80 Toren bleibt er Brasiliens Rekordtorschütze. Verteidiger Danilo deutete laut UOL ebenfalls einen Abschied aus der Nationalmannschaft an.

Politik und Verband unter Druck

Auch der brasilianische Fußballverband CBF, der Ancelotti verpflichtete, steht in der Kritik. Nach Angaben des Nachrichtenportals Poder360 läuft der Vertrag des italienischen Trainers bis zur WM 2030 und ist mit rund 237 Millionen Real, umgerechnet etwa 40 Millionen Euro, dotiert.

Die Söhne des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, Flávio und Eduardo Bolsonaro, brachten die Niederlage in sozialen Netzwerken mit der Arbeiterpartei PT von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva in Verbindung. Poder360 verwies darauf, dass die Zusammenstellung der Auswahl beim privatrechtlich organisierten Verband liege und die Regierung darauf keinen Einfluss habe.

Internationale Medien werteten das Aus nach einer Presseschau des brasilianischen Portals UOL als schwere Enttäuschung für Brasilien. Die spanische Sportzeitung As schrieb vom bitteren Ende von Ancelottis erster Amtszeit bei der Seleção, die französische Sportzeitung L’Équipe von einem schwermütigen Abschied. Die Pariser Tageszeitung Le Parisien sah Neymar nach seiner späten Einwechslung als zu spät gekommenen Hoffnungsträger. Die portugiesische Sportzeitung A Bola schrieb vom Ende des brasilianischen Traums, die italienische Gazzetta dello Sport hob Erling Haaland als überragende Figur im norwegischen Team hervor.

In Bezug auf Norwegen lag der Akzent dagegen auf dem historischen Erfolg: Trainer Ståle Solbakken stellte laut Reuters den Zusammenhalt seiner Mannschaft heraus. Stürmer Haaland sprach gegenüber der norwegischen Zeitung VG von einem surrealen Moment und davon, nie erwartet zu haben, Brasilien schlagen zu können.

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