BERLIN, 25. Juni. Der Betriebsrat des größten Bombardierwerkes in Hennigsdorf sieht den Standort nördlich von Berlin weiter "ernsthaft gefährdet". In einem Brief hat der Chef von Bombardier Transportation, Pierre Lortier, der Belegschaft des Werkes am Wochenende zwar versichert, "dass derzeit intern noch keine Entscheidungen zu Standortfragen getroffen wurden", die Überlegungen für eine neue Organisation jedoch "kurz vor dem Abschluss" stünden und der "entsprechende Beratungsprozess mit den Arbeitnehmervertretungen eingeleitet" sei. Wie berichtet, befürchten die rund 2 500 Mitarbeiter des ehemaligen Adtranzwerkes nach der Übernahme durch Bombardier einen drastischen Stellenabbau oder gar die Schließung. Durch den Einstieg der Kanadier, die zuvor bereits die Deutsche Waggonbau AG mit mehreren Werken in Ostdeutschland und Berlin erworben hatten, gibt es zahlreiche Produktüberschneidungen. Bombardier hat aus diesem Grunde eine interne Konzernprüfung aller weltweit 56 Werke in 23 Ländern eingeleitet. Eine endgültige Entscheidung zur Neustrukturierung des Unternehmens soll Ende Juli oder Anfang August verkündet werden.Besuch von StolpeFür den Hennigsdorfer Betriebsratsvizechef Karl-Heinz Graffenberger ist mit dem Brief des Präsidenten von Bombardier Transportation "die Bedrohung des Werkes keineswegs vom Tisch". Der Betriebsrat fordert die Geschäftsleitung deshalb auf, zu Fragen der Entwicklung der Standorte "rechtzeitig mit den Arbeitnehmervertretern Beratungen aufzunehmen". "Das Werk Hennigsdorf ist wettbewerbsfähig", sagte Graffenberger. "Wir haben unsere Hausaufgaben zur Sanierung des Werkes bereits gemacht und sind heute mit Aufträgen ausgelastet." Diesem Umbau sind in den letzten vier Jahren bereits 1 000 Arbeitsplätze zum Opfer gefallen. Graffenberger: "Allein vor diesem Hintergrund darf es keinen Personalabbau und keine Standortschließung in Hennigsdorf mehr geben."Eine für Montag geplante Protestaktion der Belegschaft sei vorerst zurückgestellt worden. An diesem Dienstag soll in einer Betriebsversammlung über die Zukunftschancen des Werkes diskutiert werden. Am Mittwoch besuchen Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) und Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß (CDU) das Werk. Stolpe hatte indirekt mit dem Entzug von Landesaufträgen gedroht, falls die Produktionsstätte geschlossen werde. Dabei geht es vor allem um einen neuen Bahntestring in Hennigsdorf. Die Landesregierung hat Bombardier zugesagt, den Bau des Testringes mit Fördermitteln in Höhe von 100 Millionen Mark (51 Millionen Euro) zu unterstützen - das sind 80 Prozent der gesamten geplanten Bausumme von 125 Millionen Mark.Spekulation über KaufpreisIndes hat DaimlerChrysler Berichte als Spekulation zurückgewiesen, denen zufolge Bombardier eine zweite, vertraglich vereinbarte Kauftranche, wegen eines gesunkenen Adtranz-Wertes nicht zahlen wolle. Insgesamt sei mit Bombardier "ein Kaufpreis von 725 Millionen Mark" (rund 1,7 Milliarden Mark) vereinbart worden, "525 Millionen Dollar davon haben wir bereits erhalten", sagte DaimlerChrysler-Sprecher Michael Fröhlich der "Berliner Zeitung". Die zweite Tranche des Kaufpreises "wird im Oktober fällig", sagte Fröhlich weiter. Der Sprecher verwies zugleich auf eine entsprechende Klausel im Kaufvertrag. Danach sei geregelt worden, den Kaufpreis auf Basis der Bilanz vom 30. April, dem Zeitpunkt der Adtranz-Übernahme, innerhalb eines festgelegten Rahmens anzupassen. Jüngsten Berichten zufolge ist dagegen die Bereitschaft des kanadischen Unternehmens, überhaupt noch eine weitere Kauftranche zu zahlen, gering.Auf dem Prüfstand // Konzernprüfung: Der kanadische Bahntechnikkonzern Bombardier hat nach der Übernahme der Daimler-Chrysler-Bahntechniktochter Adtranz (Anfang Mai) alle 56 Werke weltweit auf den Prüfstand gestellt.Überschneidungen: Bombardier hatte 1998 bereits die Deutsche Waggonbau AG mit mehreren Werken in Ostdeutschland und Berlin übernommen. Dadurch ergeben sich Produktüberschneidungen.Befürchtung: Die Belegschaft des größten Bombardier-Werkes in Hennigsdorf befürchtet deshalb einen drastischen Stellenabbau oder gar die Schließung. Dort hatte Adtranz bereits 1 000 Stellen abgebaut.
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