Die Briefwahl in Mecklenburg-Vorpommern ist gestartet. Schwerin hat den Anfang gemacht und gleich einen großen Ansturm erlebt. Teils mussten sich die Wähler bis zu einer dreiviertel Stunde gedulden, bis sie endlich ihren Stimmzettel abgeben konnten. Landeswahlleiter Christian Boden gibt zu, dass niemand mit einem solchen Auftakt gerechnet hatte.
Was in der Landeshauptstadt passierte, ist aber kein Zufall und keine Überraschung, wenn man die Zahlen kennt. Die Briefwahl boomt, und das nicht erst seit gestern. Bei der Landtagswahl 2021 stimmte gut jeder dritte Wähler in Mecklenburg-Vorpommern per Brief ab. Das sind rund 320.000 Menschen und ein Anstieg von fast 15 Prozentpunkten gegenüber 2016. Die Corona-Pandemie hat die Briefwahl endgültig aus ihrer Nische geholt. Seitdem ist sie für viele Bürger keine Ausnahme mehr, sondern schlicht die bequemere Option.
Dabei war das ursprünglich nicht so gedacht. Bis 2008 musste, wer per Brief wählen wollte, einen Grund angeben - Krankheit, Abwesenheit, Behinderung. Dann entfiel die Begründungspflicht. Was als bürokratische Entlastung gedacht war, veränderte das Wählerverhalten grundlegend. Die Briefwahl wurde zur Normalität und die langen Warteschlangen vor den Briefwahllokalen sind der Beweis dafür.
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In anderen Städten des Landes müssen sich die Menschen aber noch etwas gedulden, dort öffnen die Briefwahlbüros erst am 31. August. Greifswald rüstet sich mit fünf Wahlkabinen, Neubrandenburg erwartet besonders in der ersten Woche hohen Zulauf. Bei der letzten Bundestagswahl nutzten in der drittgrößten Stadt des Landes rund 15.000 Menschen die Briefwahl, die Hälfte davon wählte direkt vor Ort im Büro. Mit ähnlichen Zahlen rechnet die Stadtverwaltung auch diesmal.
Landeswahlleiter Boden wirbt derweil um Verständnis. Wartezeiten werde es auch in den anderen Städten geben. Das sei kein Fehler des Systems, sondern eine Frage der Eingewöhnung. „Insoweit sollten auch die Personen, die vor Ort Briefwahl machen möchten, etwas Geduld mitbringen“, sagt er.
Was ihn mehr beschäftigt als Warteschlangen, ist eine andere Entwicklung: Der Ton rund um Wahlen ist rauer geworden. Wahlen würden infrage gestellt, Zweifel gesät, Misstrauen geschürt. „Ich halte das für eine schlechte Entwicklung“, sagt Boden. Und er weiß, dass er damit nicht nur allgemein spricht.
Denn die Briefwahl ist in diesem Wahlkampf selbst zum Streitthema geworden. Die AfD, bundesweit wie auch in Mecklenburg-Vorpommern, zweifelt öffentlich an der Sicherheit der Briefwahl. Leif-Erik Holm, Landesvorsitzender und Ministerpräsidentenkandidat der Partei, formuliert es so: „Ich werbe dafür, ins Wahllokal zu gehen. Die Briefwahl ist anfälliger für potenzielle Manipulationsversuche.“ Zudem verändere sich die politische Lage. Wer Wochen vor dem Wahltag abstimme, wähle unter anderen Vorzeichen als jemand, der erst am Sonntag ins Wahllokal gehe. Für Holm muss die Briefwahl wieder zur Ausnahme werden, reserviert für Kranke und Menschen, die nicht mobil sind.
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Bei vergangenen Wahlen schnitt die AfD bei der Briefwahl deutlich schlechter ab als bei der Urnenwahl. Bei der Bundestagswahl 2025 betrug der Abstand rund zwölf Prozentpunkte: etwa 25 Prozent bei der Urnenwahl, rund 13 Prozent bei den Briefwahlstimmen. Ähnliche Muster zeigten sich bei Landtagswahlen.
Die Partei deutet diesen Unterschied als Indiz für Manipulation. Politikwissenschaftler erklären ihn dagegen nüchterner: Die Wählerschaft von Brief- und Urnenwahl sei nicht identisch. So gehen etwa jüngere Berufstätige eher persönlich zur Wahl, andere wie Rentner oder Studenten nutzen hingegen häufiger die Briefwahl. Und haben diese Gruppen unterschiedliche Parteipräferenzen, könne allein ihre unterschiedliche Zusammensetzung die Abweichungen erklären.
Eine Ausnahme, die keine mehr ist
Das Bundesverfassungsgericht hat die Briefwahl grundsätzlich für zulässig erklärt. Zugleich hat es immer wieder betont, dass die Urnenwahl das Leitbild bleibt: persönlich, geheim und unter amtlicher Aufsicht. Doch was einmal Ausnahme war, ist längst zum Normalfall geworden. Die Briefwahl hat die Urnenwahl nicht ersetzt, aber sie ist ihr zahlenmäßig deutlich nähergekommen.
Der entscheidende Unterschied zur Urnenwahl liegt nicht in der Auszählung. Die ist öffentlich, nachvollziehbar und durch mehrköpfige Wahlvorstände abgesichert. Das eigentliche Risiko liegt früher beim Ausfüllen des Stimmzettels zu Hause, ohne amtliche Aufsicht, ohne Wahlkabine, möglicherweise unter den Augen von Angehörigen oder im Beisein eines Menschen, der Erwartungen an die Wahlentscheidung hat. Das Gesetz überträgt die Verantwortung für das Wahlgeheimnis in diesem Moment ausdrücklich dem Wähler selbst.
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Eine Alternative ist, die Briefwahl persönlich im Briefwahlbüro der Gemeinde durchzuführen. Dort gelten dieselben Grundsätze wie im Wahllokal, mit dem zusätzlichen Vorteil, dass die Stimmabgabe zeitlich flexibler möglich ist. Der Landeswahlleiter wiederum wählt lieber im Wahllokal, verriet er. Wahlen seien für ihn „eine Selbstvergewisserung der Demokratie“. Und dieses Gefühl wolle er persönlich erleben. Dennoch wirbt er für beides: für die Briefwahl als legitimes Instrument und dafür, überhaupt wählen zu gehen.
Fristen für die Briefwahl
Briefwahlunterlagen können bis zum 18. September, 12 Uhr, beantragt werden. Der Wahlbrief muss spätestens am Wahlsonntag um 18 Uhr bei der zuständigen Stelle eingegangen sein. Entscheidend ist der Eingang, nicht der Poststempel.
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