Brigitte Kirsche hat 60 Jahre nach der Vertreibung Verwandte gesucht. Nicht alle freuten sich darüber

Die Angst um das Erbe

Eva Dorothée Schmid
5 Min

Viel weiß Brigitte Kirsche nicht über ihren Vater und seine Familie. Nicht einmal ein Foto hat die 66-Jährige von ihm, auch von den Großeltern weiß sie nur die Namen und dass sie wohl sieben oder acht Kinder hatten. Und dass es früher zahlreiche Cousins und Cousinen gab. Doch die Spuren verloren sich nach dem Krieg, als Brigitte Kirsche im Alter von fünf Jahren mit ihrer Mutter, den Großeltern mütterlicherseits und einer Tante aus Bad Salzbrunn, einem Kurort in Niederschlesien, vertrieben wurde.Die Familie strandete erst in Belzig, später dann in Ostberlin. "Damals hatte man andere Sorgen, als nach der Verwandtschaft zu suchen", sagt Brigitte Kirsche. Kontakte in den Westen waren schwierig, über die Vergangenheit wollte ihre Mutter nicht reden. Die Vertreibung muss für sie traumatisch gewesen sein, der Vater war im Krieg geblieben und vermisst. In den 60er-Jahren ließ ihn die Mutter für tot erklären, um eine Witwenrente zu bekommen.Suchdienst findet CousinsSeit ein paar Jahren ist Brigitte Kirsche in Rente, sie hat viel Zeit und ihr ältester Sohn schenkte ihr vor drei Jahren ein Computerprogramm, mit dem man Ahnenforschung betreiben kann. Die Lichtenbergerin versuchte, ihre und die Familie ihres Mannes zurückzuverfolgen. "Doch während bei meinem Mann die Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen, gibt es bei mir viele große Lücken." Bei ihrem Vater kam sie nicht weiter, die noch lebende Mutter wollte nicht viel erzählen. "Nur ein paar Vornamen hat sie genannt." Sie kontaktierte die Deutsche Dienststelle, um etwas über ihren im Krieg verschollenen Vater zu erfahren. Nun weiß sie immerhin, dass er seit dem 15. März 1944 bei Alexandrowska in der Ukraine als vermisst gilt.Sie erinnerte sich auch noch an ihre Tante Selma, die in Bad Salzbrunn eine Badeanstalt betrieb und an zwei Cousins und eine Cousine. Sie wandte sich mit den Namen an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes, der die Anfrage an den Kirchlichen Suchdienst weitergab, denn der ist für die ehemaligen deutschen Ostgebiete zuständig.Mit Erfolg. Im Februar bekam sie einen Brief mit den Anschriften ihrer Cousins Günther und Heinz Friese und ihrer Cousine Irene Ben Sassi, alle leben heute in Dortmund.Die Verwandten ließen allerdings nachfragen, warum sie den Kontakt suche, bevor sie einverstanden waren, dass Brigitte Kirsche die Anschriften erhält. Brigitte Kirsches Tante Selma war wenige Wochen zuvor verstorben. Die Cousins hatten Angst, ihr gehe es vielleicht ums Erbe.Dabei will die 66-Jährige in erster Linie die weißen Flecken in ihrem Stammbaum füllen, "der Vollständigkeit halber". Sie hat ihren Verwandten dann einzeln geschrieben. Hat erzählt, wie sie lebt, was sie noch weiß von früher und dass es schade sei, dass man sich so lange nicht gesehen habe. "Ich hätte die Verwandtschaft gerne um mich herum gehabt, weil ich ja keine Geschwister habe", schrieb sie. Und äußerte die Hoffnung, die Cousins könnten ihr weiterhelfen mit Informationen zur Familie des Vaters.Die beiden Männer antworteten nicht, aber die Cousine rief an. "Wir waren beide sehr euphorisch, es war, als hätten wir uns nie lange verloren", erzählt Kirsche. Wiedergesehen hat sie die wiedergefundene Verwandtschaft noch nicht. "Ich war noch nie in Dortmund und eigentlich sind wir ja Fremde", sagt sie. Man habe sich noch nicht verabredet. "Der erste Schritt ist schwer."Im Moment reicht es Brigitte Kirsche zu wissen, da lebt noch jemand. Ihrer Cousine hat sie Unterlagen geschickt mit der Bitte, dass sie diese vervollständigt und ergänzt. Es gibt da noch ein Foto mit zwei anderen Cousins und einer Cousine. Über die würde Kirsche auch gerne noch mehr erfahren. Bisher kennt sie nur die Vornamen, sonst weiß sie nichts. Und vielleicht hat die Cousine ja auch noch Fotos von ihrem Vater und den Großeltern."Manchmal denke ich, vielleicht lebt mein Vater ja auch noch, vielleicht hat er in der Ukraine geheiratet." Es gebe ja keinen Beweis, dass er im Krieg gefallen ist. Dann aber tut sie solche Gedanken als Spinnerei ab. Doch die Ungewissheit lässt sie weiter nach der verschollenen Familie suchen.------------------------------HilfsorganisationenDer Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes verfügt über eine Kartei mit 50 Millionen Karten, darunter auch die des Suchdienstes der ehemaligen DDR. Er hilft, Menschen wieder zusammenzubringen, die im Zweiten Weltkrieg und danach bei kriegerischen Konflikten getrennt wurden. DRK Generalsekretariat, Chiemgaustr. 109, 81549 München, Tel. 089/680 77 30www.drk-suchdienst.orgDer Kirchliche Suchdienst macht die gleiche Arbeit wie das DRK, ist aber auf die früheren deutschen Ostgebiete spezialisiert. Als "Einwohnermeldeamt" der Vertreibungsgebiete hat er die Daten von 20 Millionen Menschen, auch Spätaussiedler sind registriert. Außerdem gibt es dort 120 000 Feldpostbriefe, die nie zugestellt wurden. Man kann auch Auskünfte in behördlichen Angelegenheiten erhalten. Lessingstr. 3, 80336 München, Tel. 089/54 49 72 01www.kirchlicher-suchdienst.deDie Deutsche Dienststelle WAST verfügt über 18 Millionen Karteikarten von Wehrmachtssoldaten und Angehörigen anderer militärischer Verbände sowie über Informationen zu Kriegsgefangenen. Man kann dort über Vermisste und über Kriegsgräber Auskunft bekommen sowie Feldpostnummern und Erkennungsmarken entschlüsseln lassen. Eichborndamm 179, 13403 Berlin, Tel. 41 90 40 http://dd-wast.javabase.de------------------------------Karte: Namen und Geburtsorte in alten Stammbüchern helfen bei der Suche.------------------------------Foto: Ein Foto, knapp 60 Jahre alt. Brigitte Kirsche möchte gerne mehr über ihre darauf abgebildeten Cousins und die Cousine erfahren.

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