Ich bin wieder da. Zurück von einer Rundreise durch den katholischen Süden. Wie immer, wenn ich nach Hause komme und am Horizont unsere bescheidene Skyline sehe, also den Fernsehturm, das Park Inn und den neuen Wolkenkratzer am Alexanderplatz, durchströmt mich ein warmes Gefühl.
Dann steige ich am Hauptbahnhof aus, werde mit einem Querschnitt der Bevölkerung konfrontiert und kann nicht anders, als an Dantes Höllentor zu denken: „Durch mich geht es hin zur Heimstatt aller Plagen. Durch mich geht’s hin zur ewig langen Pein, durch mich zum Volke, das von Gott geschlagen. (…) Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren!“
Aber Moment mal, das soll gar kein Beschwerdetext werden. Ich bin ja froh, wieder im Wedding am Tresen zu sitzen und über die großen Zusammenhänge sinnieren zu können. Wenn mein Trip nach München und Wien mir nämlich eines gezeigt hat, dann das: Berlin ist gar nicht so scheiße, wie alle tun. Im Gegenteil. Es hat sogar seine Vorteile!
Diabetes und Impotenz vorbeugen
Zum Beispiel der Zugang zu den öffentlichen Verkehrsmitteln. Während in anderen europäischen Großstädten durch funktionierende Fahrstühle und Rolltreppen jede Abenteuerlust im Keim erstickt wird, legt man die Latte in Berlin wesentlich höher. Es funktioniert nichts, dafür ist es aber wenigstens teuer. Wo sonst bringt man drakonische Ticketpreise mit der Abwesenheit jeder Bequemlichkeit so gekonnt unter einen Hut? In Berlin wird den Fahrgästen noch etwas abverlangt, muss man als Kunde ein bisschen out of the box denken. Das beugt Diabetes, Impotenz und der allgemeinen Verweichlichung vor.
Die brutalsten Kneipen Berlins: Warum ich mich in Bars beschimpfen lasse
Und wo wir gerade beim Thema Barrierefreiheit sind: An keinem anderen Ort der Welt kämen die Nutzer von E-Scootern auf die Idee, ihr ausgedientes Fahrzeug quer zum stark frequentierten Gehsteig zu parken. Beziehungsweise täten sie es, würde eine an Ort und Stelle von den Mitmenschen geäußerte Empörung sie dazu bringen, rücksichtsvoller zu sein.
In Berlin dagegen gilt Rücksichtnahme als Charakterschwäche. Die gebildete Elite schmückt sich zwar gern mit ADHS-Erkrankungen und Depressionen, aber freie Bahn für Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Rentner zu fordern, könnte schnell als Boomer-Mentalität ausgelegt werden. Das will niemand. Da lässt man es lieber verschmitzt durchgehen, wenn so ein süßer Fratz seinen E-Scooter auf der Kreuzung zweier Rettungsgassen parkt.
Berlin ist ungemütlich und laut. Doch wer die hiesigen Zustände aushält, darf sich mit den Lorbeeren echten Durchhaltevermögens schmücken. Nichts ist schöner, als wenn man im Süden gefragt wird: „Was, du lebst in Berlin? Und das schon mehrere Jahre lang? Wie kriegst du das hin, ohne durchzudrehen?“ Man begegnet uns weltweit mit Respekt, weil wir Überlebende des Infernos sind, altgediente Kriegsveteranen, die sich Tag für Tag stolzen Blicks über marode Brücken und aufgerissene Straßen schleppen. Die Besten pfeifen dabei sogar ein lustiges Lied.
Berlin bietet das Beste von allen Küchen der Welt
Andere Orte sind zwar viel schöner, aber das kann durchaus zu Problemen führen. Man denke zum Beispiel an städtische Gewässer, fließende Gewässer in diesem Fall. Wie bereits erwähnt, bin ich ein großer Fan von Innenräumen, insbesondere, wenn es dort einen Tresen gibt. Halte ich mich nun sommers in München auf, liegen mir meine Gastgeber permanent in den Ohren: „Lass uns doch runter zur Isar gehen! Sonnenschein und kristallklares Wasser. Du kannst die Füße reinhalten oder komplett baden gehen. Sei doch nicht so ein Stubenhocker!“
Flüchtet man daraufhin erschrocken nach Wien, wollen sie einen ins Arbeiterstrandbad an der Alten Donau prügeln. Unerträglich! Da lobe ich mir unsere Spree. Auf Jahrzehnte hinaus von Chemie-Kombinaten verseucht, trüb, gefährlich und unansehnlich, weckt sie bei niemandem den Wunsch nach einer Verbrüderung von Mensch und Natur. Ergo kann man schön in der Kneipe sitzen, ohne als ungesund gebrandmarkt zu werden.
Bittere Erkenntnis: Die Berliner gehen nur in die Philharmonie, um zu husten
Nüchtern in Berlin: Wenn der Crack-Junkie plötzlich den Verkehr regelt
Oder denken Sie an die hiesige Kulinarik. Berlin bietet das Beste von allen Küchen der Welt, mit Ausnahme heimischer Spezialitäten. Was die deutsche Küche betrifft, beschränkt man sich hier auf die protestantische Frage: „Mit oder ohne Darm?“ Im Süden dagegen wird man überall mit Spanferkelbraten gejagt. Mit Salonbeuschel und sauren Nieren, mit Knochenmark, Hirn und geröstetem Kalbsbries. Es ist so schrecklich, dass mir vor Empörung der Sabber aufs Manuskript tropft, ungelogen.
Na gut, kommen wir nun zur Conclusio, denn ich habe tatsächlich eine in petto. Warum gibt es in München waschechte Raben, in Berlin dagegen nur Nebelkrähen? Das ist so, als dürfte man woanders Löwen bewundern, hier aber nur die Hyänen. Warum ist Wien so sauber, unsere preußische Musterstadt dagegen dreckiger als Kalkutta? Hundebesitzer tüten zwar den Mist ihrer Tölen stets pflichtbewusst ein, lassen die derart für die Ewigkeit konservierten Fäkalien dann jedoch nonchalant im Rinnstein liegen.
Ich sage Ihnen, warum das alles so ist. Weil Berlin eben nicht die Dantesche Hölle ist, sondern der Läuterungsberg. Wir leben hier, um vom Fegefeuer gereinigt zu werden. Die Stadt ist dafür da, uns unsere eigenen Laster vor Augen zu führen, nur hundertfach verstärkt in unseren Mitmenschen. Und jede Plage, die uns hier widerfährt, jeder Ersatzbus, jeder Streik, jede hirnrissige Baustelle bringt uns näher ans Himmelreich. Berlin rückt unsere Seelen auf der karmischen Stufenleiter mehrere Sprossen nach oben. Und dafür sollten wir dankbar sein. Om mani padme hum.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]