Am Dienstag heißt es im Literarischen Colloquium Berlin: „Das Werk: Ingo Schulze“. Der knappe, auf etwas Großes deutende Titel führt den Ingo-Schulze-Lesern vor Augen, dass dieser Autor seit seinem ersten Buch „33 Augenblicke des Glücks“ 1995 ein umfassendes und vielgestaltiges Werk vorgelegt hat. Erzählungsbände, Romane, die zum Teil verfilmt worden sind, Kinderbücher und Essays sind das, oft ausgezeichnet. Die Bücherfrage der Woche geht an Ingo Schulze: Wie geht es Ihnen beim Blick auf das eigene Werk von bald drei Jahrzehnten – sind Sie damit ein Held unserer Zeit?
Mit dem Helden-Begriff hatte ich immer Schwierigkeiten, heute mehr denn je. Aber Lermontows „Ein Held unserer Zeit“ habe ich, als ich an meinem ersten Manuskript schrieb, sehr gern gelesen, ich war überrascht von der Modernität und Härte dieses Romans, der ja bereits um 1840 herum erschienen ist. Ich verdanke der russischsprachigen Literatur viel, sie hat ja immer die Abgründe ihres Landes ausgeleuchtet und die Gegenkräfte beschworen, ihre Autoren wurden nicht selten verbannt oder verboten. Ich werde wohl mit einer Lesung aus dem ersten Buch beginnen, schon um herauszufinden, wie diese „abenteuerlichen Aufzeichnungen der Deutschen in Piter“ heute in der Zeit stehen.
Roman „Die rechtschaffenen Mörder“: Leseland ist abgebrannt
Der Abend bietet mir die seltene Möglichkeit, die Eigenheiten eines Buches durch jene Bücher, die ihm vorangegangen und nachgefolgt sind, deutlicher werden zu lassen. Habe mich ja immer dagegen gewehrt, wenn jemand behauptete, ich hätte einen eigenen Stil. Mir geht es vor allem darum, wie es Döblin mal formuliert hat, den Stil jeweils neu aus dem Stoff kommen zu lassen. Das könnte bei so einer Abfolge eher deutlich werden, als wenn ich – wie es ja sonst üblich ist – nur das jüngste Buch vorstelle. Wobei sich das durch Corona auch geändert hat. Es sind viele Lesungen ausgefallen, sodass ich jetzt mitunter mit zwei Büchern auf die Bühne gehe, weil ich sonst eines gar nicht vorstellen könnte. Und wenn es um eine Rückschau geht, sind mir gerade jene Bücher besonders nah, die weniger Aufmerksamkeit erfahren haben, vor allem Erzählungen, die gegenüber den Romanen fast immer ins Hintertreffen geraten.
Allerdings bekommt man in anderthalb Stunden gar nicht so viel unter. Am meisten interessiert mich natürlich, wie das Publikum so eine Zusammenschau wahrnimmt, ob sich dadurch vielleicht ein neuer Blick eröffnet. Denn erst durch die Leserinnen und Leser lernt man die eigenen Bücher kennen. Aber wir werden nicht nur aus meinen Büchern lesen. Es wird auch ein Salut für Thomas Rosenlöcher geben, der im April verstorben ist und den nicht nur ich vermisse.
Das Werk: Ingo Schulze im Gespräch mit Renatus Deckert. 10.5., 19.30 Uhr, LCB, Am Sandwerder 5
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