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Bürokratie-Wahnsinn in Deutschland: Ein irrer Fall aus der Praxis

Wie überzogene Vorschriften ein mittelständisches Unternehmen Zeit, Geld und Wettbewerbsfähigkeit kosten.

Reiner Keller
4 Min
Wo geprüft wird, entstehen Kosten, die für kleinere Unternehmen vieles unmöglich machen.

Wo geprüft wird, entstehen Kosten, die für kleinere Unternehmen vieles unmöglich machen.

© Dreamstime/imago

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Nehmen wir eine einfache Schraube: Sie besitzt klar definierte Eigenschaften und kann in unzähligen Geräten verbaut werden. Hersteller können sich darauf verlassen, dass sie ihre Aufgabe erfüllt. Was wäre jedoch, wenn vor der Serienfertigung eines Geräts Schrauben im eingebauten Zustand geprüft werden müssten? Und was wäre, wenn diese Prüfung pro Schraube 10.000 Euro kosten würde? Jeder würde das als offensichtlichen Irrsinn bezeichnen.

Ein vergleichbarer Fall betrifft den weitverbreiteten Bluetooth-Funkstandard. Audio-Bluetooth-Module sind bereits für wenige Euro erhältlich – in diesem Fall für genau 3,75 Euro. Der Hersteller hat das Modul geprüft – und alle geltenden Vorschriften werden erfüllt.

Erhebliche Prüfkosten für kleine Unternehmen

Eine mittelständische Firma aus Hessen hatte die Idee, ihren neuen Inhalator mit einem solchen Modul auszustatten. Neben der eigentlichen Funktion – der Erzeugung eines gesundheitsfördernden Salznebels – sollte das Gerät auch Musik vom Smartphone wiedergeben können. Das Modul selbst ist preiswert und der Entwicklungsaufwand für die Integration ist überschaubar.

Doch an dieser Stelle greift die Bürokratie ein: Obwohl das Bluetooth-Modul bereits alle vorgeschriebenen Prüfungen bestanden hat, muss es nach dem Einbau in das Gerät erneut geprüft werden. Kosten: rund 10.000 Euro.

Die Begründung lautet, dass sich die Eigenschaften des Moduls durch den Einbau verändern könnten. Theoretisch ist dieses Argument nachvollziehbar. Mit derselben Begründung könnte man jedoch auch verlangen, jede Schraube nach dem Einbau zu prüfen, jedes Scharnier in einem Schrank, jeden Balken in einem Dachstuhl oder jedes Schloss in einer Tür. Auch dort könnten sich die Eigenschaften theoretisch – und in geringem Umfang auch praktisch – ändern.

Für ein kleines Unternehmen sind zusätzliche Prüfkosten von 10.000 Euro erheblich. Sie müssen vorfinanziert werden und verteuern bei einer erwarteten Stückzahl von etwa 100 Geräten pro Jahr den Verkaufspreis spürbar.

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Großkonzerne im Vorteil

Für Großkonzerne sieht die Rechnung anders aus. Apple produziert beispielsweise knapp eine Million iPhones pro Arbeitstag. Ob eine zusätzliche Prüfung 10.000 oder sogar 100.000 Euro kostet, spielt bei diesen Stückzahlen für den Preis eines einzelnen Geräts praktisch keine Rolle.

In der Europäischen Union werden kontinuierlich neue Prüf- und Nachweispflichten eingeführt. Häufig geschieht dies mit dem Ziel, Verbraucher zu schützen oder die Marktmacht großer Konzerne zu begrenzen. In der Praxis kann jedoch genau das Gegenteil eintreten: Große Unternehmen verfügen über die finanziellen und personellen Ressourcen, um zusätzliche Anforderungen problemlos zu erfüllen. Kleine und mittelständische Unternehmen werden dagegen überproportional belastet.

Wie endete die Geschichte? Leider nicht mit einem Happy End. Die Firma gab das Vorhaben auf. Der Inhalator mit integrierter Bluetooth-Funktion kam nie auf den Markt.

Rainer Keller (Jahrgang 1960) beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit der Elektronik- und Softwareentwicklung. Seit kurzem befindet er sich im Ruhestand, ist jedoch weiterhin als freischaffender Ingenieur tätig. Im Alter von 56 Jahren absolvierte er noch ein Masterstudium und entdeckte dabei seine Leidenschaft für das Schreiben.

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