Games-Förderung

Games-Förderung: Viel Geld, wenig Wissen, und ein Ministerium, das nichts hinzuzufügen hat

Seit 2019 hat der Bund 238 Millionen Euro Steuergeld für Computerspiele bewilligt. Was daraus wurde? Unbekannt. Den Rechnungshofbericht nennt das Ministerium „nicht öffentlich“. Wirklich?

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Gefördert, gefeiert, nicht gezählt: Dorothee Bär und Lars Klingbeil auf der Gamescom vor dem „Construction Simulator“. Für Erweiterungen der Reihe zahlte der Bund gut 600.000 Euro. Verkaufszahlen liegen ihm nicht vor.

Gefördert, gefeiert, nicht gezählt: Dorothee Bär und Lars Klingbeil auf der Gamescom vor dem „Construction Simulator“. Für Erweiterungen der Reihe zahlte der Bund gut 600.000 Euro. Verkaufszahlen liegen ihm nicht vor.

© IMAGO/Anke Waelischmiller

„Dem habe ich hier nichts hinzuzufügen.“ Selten hat ein Ministeriumssprecher die Datenlage seines Hauses so treffend zusammengefasst.

Es ging um die Games-Förderung des Bundes. Mit ihr bezuschusst der Staat seit 2019 die Entwicklung von Computerspielen, damit Deutschland als Standort der Branche international mithalten kann. Die Empfänger erhalten bis zur Hälfte ihrer Projektkosten, kleinere Vorhaben anfangs sogar bis zu 70 Prozent, und müssen nichts zurückzahlen, auch dann nicht, wenn ein Spiel zum Verkaufsschlager wird.

Gefragt hatte diese Zeitung in der aktuellen Regierungspressekonferenz, wie das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) sicherstellt, dass der dreistellige Millionenbetrag gut angelegt ist, den der Bund dafür bislang bewilligt hat. Sprecher Dr. Michael Höse antwortete zunächst mit einem Bekenntnis: Games seien „ein ernstzunehmender Innovations- und Wirtschaftsbooster für den Standort Deutschland“. Im Übrigen verwies er auf die Antwort an den Bundestag.

Wer diesem Verweis folgt, stößt vor allem auf Leerstellen. Die Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion, Drucksache 21/8101 vom 22. September, ist im Kern eine Bilanz des Nichtwissens. Zwischen 2019 und 2025 bewilligte der Bund demnach 714 Anträge mit einem Volumen von rund 238 Millionen Euro. Über welche Plattformen die Spiele vertrieben werden, wie oft sie verkauft wurden und welche Umsätze sie erzielten, dazu lägen „keine Erkenntnisse vor“. Arbeitsplätze werden nicht als Vollzeitäquivalente erfasst. Vorgänge nach Abschluss eines Projekts seien „zuwendungsrechtlich nicht relevant und werden nicht erfasst“.

Booster ohne Messwerte

Wer nicht misst, kann einen „Booster“ kaum belegen. Das gilt auch für Ministerin Dorothee Bär (CSU), die im Januar erklärte: „Jeder investierte Fördereuro erzeugt ein Vielfaches an Wertschöpfung.“ Grundlage war eine Studie des Branchenverbands game, die das BMFTR mitfinanziert hat. Dem Parlament dagegen kann dasselbe Haus nicht einmal sagen, wie viele der geförderten Spiele überhaupt erschienen sind.

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Dabei gilt für Produktionsförderungen laut Richtlinie eine Veröffentlichungspflicht. Ob sie erfüllt wird, prüft das Ministerium nach eigener Darstellung nur im Einzelfall. Im Januar 2025 konnte die Regierung noch melden, dass von 174 Vorhaben, die Anfang 2024 liefen, „mindestens 39“ Marktreife erreicht hätten. Heute nennt sie keine Zahl mehr. Zur Fairness gehört: Prototypen sind von der Pflicht ausgenommen. Außerdem stehen viele Projekte nur unter Arbeitstiteln in der Liste, etwa „Süßkartoffel“ (2,0 Millionen Euro), „Schießeisen“ (2,2 Millionen) oder „Pflaumenmus“ (knapp 1 Million). Bei abgebrochenen Projekten hat der Bund zudem Geld zurückgefordert. Das erklärt manche Lücke. Warum der Fördergeber sie nicht selbst schließt, erklärt es nicht.

Auch der Verweis der Drucksache auf Erfolgskontrollen trägt nur bedingt. Eine solche Kontrolle gibt es erst seit 2025, und zwar als Befragung eines zufällig ausgewählten Teils der Empfänger. Die Evaluation durch das Fraunhofer ISI wurde „jüngst“ beauftragt. Dabei liegt längst eine vor. Für knapp 285.000 Euro erstellte die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) einen 154-seitigen Bericht, den das damalige Wirtschaftsministerium im Dezember 2023 veröffentlichte. Darin empfahl PwC ausdrücklich Indikatoren, um die Erfolge zu messen. In der Antwort an den Bundestag kommt keine Zahl aus diesem Bericht vor. Beschäftigungswirkungen seien eine Frage für „die Evaluation des Förderprogramms“, heißt es dort, ohne die von 2023 auch nur zu erwähnen. Die Wirtschaftlichkeitsuntersuchung vom Dezember 2023 wiederum wurde dem Haushaltsausschuss nicht vorgelegt.

Aufschlussreich ist ein weiterer Befund von PwC. Nach Angaben der Entwickler wären 72 Prozent der damals rund 580 Projekte ohne Bundesgeld nicht umgesetzt worden. Im Umkehrschluss wäre gut ein Viertel in irgendeiner Form auch ohne Förderung entstanden. Mit der Begründung, ein Vorhaben werde auch ohne Zuwendung durchgeführt, wurden seit 2019 ganze drei Anträge abgelehnt. Zweifelsfälle würden zum Teil schon in einer verpflichtenden Beratung vor dem Antrag herausgefiltert, erklärt das Ministerium. Zahlen dazu nennt es nicht.

Für die Kameras reicht ein Scheck: Ministerin Bär (Mitte) auf der Gamescom. Für eine Bilanz bräuchte es Verkaufszahlen, und die erhebt ihr Haus nicht.

Für die Kameras reicht ein Scheck: Ministerin Bär (Mitte) auf der Gamescom. Für eine Bilanz bräuchte es Verkaufszahlen, und die erhebt ihr Haus nicht.

© IMAGO/Kay Richter

Das Steuerargument

Hier setzte die Nachfrage dieser Zeitung an. Der Bundesrechnungshof hatte empfohlen, nur noch bedingt rückzahlbare Darlehen zu vergeben. Die Regierung lehnte das im August 2024 ab. Hauptgrund war laut Drucksache, dass sich die Förderziele mit Darlehen nicht erreichen ließen. Danach folgt der Satz, bei wirtschaftlichem Erfolg profitiere die öffentliche Hand „über höhere Einnahmen bei den gewinnabhängigen Steuern“. Wie kann das Ministerium das behaupten, wenn es die Einnahmen der Spiele gar nicht erfasst?

Höse: „Ich vermute, Sie beziehen sich auf einen Bericht des Bundesrechnungshofs, der aktuell nicht öffentlich ist. Den kann ich hier nicht kommentieren.“

Diese Antwort ist in zweifacher Hinsicht schief. Erstens zielte die Frage nicht auf den Rechnungshof, sondern auf die Begründung des Ministeriums selbst, und die steht in einer öffentlichen Drucksache. Zweitens ist die einschlägige Prüfung nicht unter Verschluss. Die abschließende Prüfungsmitteilung an das damalige Wirtschaftsministerium vom 16. Mai 2024 kann jeder als PDF auf der Website des Rechnungshofs herunterladen. Das Fachportal GamesWirtschaft berichtete schon im Juni 2024 über das 28-seitige Dokument. Die Bundesregierung nennt die Prüfungsmitteilung in ihrer Antwort selbst mit Datum. Sie schreibt, die Darlehensfrage sei „im Lichte der Anmerkungen des Prüfberichts“ intensiv diskutiert worden. Einen neueren, unveröffentlichten Bericht nannte Höse nicht, und öffentlich bekannt ist keiner. Was das Ministerium dem Bundestag schriftlich erläutert, will es vor der Hauptstadtpresse also nicht kommentieren.

Dabei hätte es inhaltlich einiges zu besprechen gegeben. Bei 10 von 18 Projekten, die der Rechnungshof untersucht hat, gingen die Antragsteller selbst davon aus, dass die Erlöse spätestens nach drei Jahren die Projektkosten übertreffen. Für genau solche Fälle war die Rückzahlung gedacht. Das Steuerargument trägt nicht weit, denn Steuern fallen bei Erfolg ohnehin an, mit oder ohne Rückzahlung. Ob und in welcher Höhe, weiß das Ministerium mangels Daten nicht. Mit derselben Begründung ließe sich jede Subvention an jedes Unternehmen rechtfertigen.

Mehr Geld, gleiche Datenlage

Für 2027 sieht der Regierungsentwurf 123,8 Millionen Euro vor, dazu Verpflichtungsermächtigungen über 171,1 Millionen Euro. Tatsächlich ausgezahlt wurden 2025 nur 26,4 Millionen Euro. Ein Grund dafür ist, dass von Mitte 2023 bis Ende 2024 keine neuen Anträge möglich waren. Vom Etat 2026 war zur Jahresmitte erst ein Drittel verplant.

Der Haushaltsausschuss soll über weitere Millionen entscheiden, ohne zu wissen, was die bisherigen bewirkt haben. Das Ministerium hat dem nichts hinzuzufügen.

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