Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hat vor einer höheren Inflation gewarnt und eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) auf der nächsten Sitzung im Juni in Aussicht gestellt. „Wir können die hohen Energiepreise nicht ausblenden“, sagte Nagel im Interview mit dem Handelsblatt. „Zinserhöhungen werden immer wahrscheinlicher, wenn sich das Inflationsbild nicht grundsätzlich ändert.“
Die Inflation in der Eurozone war im April auf 3,0 Prozent gestiegen. Sie liegt damit deutlich über dem Ziel der EZB, die eine mittelfristige Teuerung von zwei Prozent anstrebt. Die Kernrate der Inflation, bei der schwankungsanfällige Preise für Energie und Nahrungsmittel ausgeblendet werden, liegt allerdings deutlich niedriger.
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Inflation könnte länger erhöht bleiben
„Bei der Inflation kann noch einiges auf uns zukommen“, warnte Nagel, der auch Ratsmitglied der EZB ist. Für Deutschland erwartet er im Jahresdurchschnitt 2026 eine Teuerungsrate von etwa 2,7 Prozent. In einzelnen Monaten seien Werte über drei Prozent möglich, Inflationsraten über vier Prozent schloss er nicht aus. Wie hoch die Werte letztlich liegen, hänge von der Entwicklung im Nahen Osten ab.
„Es ist wahrscheinlich, dass die Preissteigerungen nicht auf die Kraftstoffe begrenzt bleiben“, sagte Nagel. Aus früheren Erfahrungen wisse man, dass zwischen einem Angebotsschock und seiner Wirkung auf alle Gütergruppen bis zu 18 Monate liegen könnten. „Selbst bei einem baldigen Kriegsende könnte die Inflationsrate deutlich länger erhöht bleiben, als wir noch vor Wochen dachten.“ Gründe seien zerstörte Raffineriekapazitäten, verminderte Lagerbestände und gestörte Lieferketten.
Zurückhaltung aus Frankreich
Da sich weiter keine Fortschritte hin zu einem Ende des Iran-Kriegs abzeichnen und der Transport von Waren durch die Straße von Hormus behindert bleibt, steigt an den Finanzmärkten die Erwartung, dass die EZB die Zinsen erhöhen könnte. Der französische Notenbankchef François Villeroy de Galhau machte im Radiosender France Info jedoch deutlich, dass es noch keine ausreichenden Informationen über die weitere Entwicklung der Kerninflation gebe.
Den Tankrabatt der Bundesregierung bewertete Nagel zurückhaltend positiv. Gerade Menschen mit niedrigem Einkommen, die ihr Auto für den Arbeitsweg benötigten, treffe die hohe Tankrechnung besonders. Die Maßnahmen seien im Umfang und zeitlich begrenzt.
Forderung nach Rentenreform
Auch zur Rente äußerte sich Nagel im Handelsblatt. Das geplante Altersvorsorgedepot, der Nachfolger der Riester-Rente, werde die Probleme der Rentenversicherung in den nächsten Jahren nicht lösen. Es sei zwar ein richtiges Signal für eine stärkere kapitalgedeckte Säule, wirke aber erst mittelfristig.
Die Bundesbank schlägt nach Nagels Worten vor, das gesetzliche Renteneintrittsalter nach 2031 systematisch an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Das halte er für „nahezu unausweichlich“, sagte Nagel. Es sei keine Lösung, den Druck auf die Rentenfinanzen mit immer höheren Bundeszuschüssen aufzufangen.
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