BERLIN. Mit ungewöhnlich scharfen Worten hat Bundespräsident Horst Köhler die bisherigen Bemühungen zur Bändigung der Profitgier an den Finanzmärkten gerügt. "Ich sehe das Monster noch nicht auf dem Weg der Zähmung", sagte Köhler gestern beim Festakt zum 60. Gründungsjubiläum des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Berlin.Den Beschlüssen des letzten G20-Gipfels in Pittsburgh könne er noch nicht entnehmen, dass sich eine Krise wie die jetzige nicht wiederholen könne, sagte Köhler. Im Publikum saß auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die an dem G20-Treffen teilgenommen und dessen Ergebnisse als bedeutenden Fortschritt gewürdigt hatte.Auf den Finanzmärkten seien wieder "Hütchenspieler" zu beobachten, die auf den Rohstoffmärkten spekulierten oder undurchsichtige Derivategeschäfte verfolgten. Vor allem bei den globalen Akteuren könne er noch kein Nachdenken über die von ihnen ausgelöste Krise erkennen. "Es sieht so aus, dass die Branche die Politik im Regen stehen lässt." Dabei habe die Diskussion, wer eigentlich die Kosten der Krise trage, noch nicht einmal ernsthaft begonnen.Am Tag der ersten Koalitionsverhandlungen zwischen Union und FDP warnte der Bundespräsident davor, jetzt zu stark nach dem Prinzip Hoffnung zu verfahren. Man solle nicht glauben, Wachstum könne das Geschehene zudecken und vergessen machen. "Es ist Zeit darüber nachzudenken, ob ein schlichtes Immer-mehr-Denken die Zukunft gewinnen kann." Das Sozialprodukt sei ein ziemlich ungenauer Indikator für das Wohlergehen einer Gesellschaft. "Der Mensch ist nicht allein Konsument oder Produzent." Union und FDP haben angekündigt, sie wollten vor allem eine Politik zur Förderung des wirtschaftlichen Wachstums vereinbaren.Köhler sprach sich für eine starke staatliche Ordnungspolitik im Finanzbereich aus. Es sei ein starker Staat erforderlich, der dem Marktgeschehen klare und wirksame Regeln und Grenzen setze. Der Bundespräsident lobte die Rolle der Gewerkschaften und plädierte für mehr soziale Teilhabe, ein kooperatives Klima in den Arbeitsbeziehungen und eine Kultur der Mitbestimmung. Möglichst alle Menschen sollten das Gefühl haben, dass sie gebraucht werden. "Schon deshalb muss Arbeit für alle ein vorrangiges politisches Ziel sein und bleiben", erklärte der Bundespräsident.DGB-Chef Michael Sommer kündigte eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Regierung an, "aber das heißt mitnichten, dass wir jede Politik mittragen", warnte er.Kommentar Seite 4,Wirtschaft Seite 10------------------------------"Eine Reform der Weltfinanzordnung verlangt auch die Beteiligung der Gewerkschaften." Bundespräsident Horst Köhler
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