Wedding

Fast zehn Jahre war die Burgsdorfstraße gesperrt: Warum der Irrsinn für uns Anwohner nicht vorbei ist

Neun Jahre war die Burgsdorfstraße dicht, heute öffnet sie wieder. Ein Triumph ist das nicht. Eine Anwohnerin rechnet ab.

5 Min
Nach vielen Jahren wurde das „Geisterhaus“ in der Burgsdorfstraße abgerissen.

Nach vielen Jahren wurde das „Geisterhaus“ in der Burgsdorfstraße abgerissen.

© Jürgen Ritter/imago

Sechs Jahre lang endete mein Kiez an einem Bauzaun. Doch das ist heute vorbei: Das Bezirksamt Mitte wird die Burgsdorfstraße in Wedding an diesem Nachmittag für den Verkehr freigeben, nachdem das einsturzgefährdete Vorderhaus mit der Nummer 1 endlich abgerissen wurde.

Ich wohne seit sechs Jahren im Sprengelkiez und habe damit mehr als die Hälfte der Sperrung direkt vor der eigenen Tür erlebt. Insgesamt dauerte sie fast zehn Jahre. In die Feierlaune des Bezirks kann ich trotzdem nicht einstimmen. Die Wiedereröffnung ist kein Triumph, sondern die reichlich späte Korrektur eines Schadens, der über Jahre vermeidbar gewesen wäre.

Erst nötige Sicherung, dann jahrelanger Stillstand

Fairerweise muss man anerkennen: Die Sperrung war zunächst richtig. Schon 2004 wurde ein Seitenflügel aus Sicherheitsgründen gesperrt. 2017 stellte ein Gutachten auch am Vorderhaus Einsturzgefahr fest.

Danach ließ der Bezirk die Straße sperren, für Fußgänger blieb nur ein schmaler Streifen Gehweg. Für Autos ist die Burgsdorfstraße seit Oktober 2017 dicht. Der eigentliche Fehler steckt woanders: Aus der vorübergehenden Sicherung wurde ein Zustand, der fast ein Jahrzehnt hielt.

Das „Geisterhaus“ und was es mit dem Kiez machte

Das Haus in der Burgsdorfstraße 1 verkam zusehends. Auf dem Dach wuchs über die Jahre eine mehrere Meter hohe Birke, die Fenster waren eingeschlagen, Tauben und Ratten hatten das Gebäude übernommen. Die Eigentümerin ließ die Immobilie verfallen und war für die Behörden schwer greifbar.

Den Preis zahlten andere. Besonders hart traf es das benachbarte Prime Time Theater, das seit dem Frühjahr 2009 an diesem Standort spielt. Fast die Hälfte dieser Zeit lag die Straße vor der Tür brach. Auch umliegende Geschäfte klagten über ausbleibende Kundschaft und Umsatzeinbußen.

Umwege, enger Gehweg und Poller: Der Alltag im Sprengelkiez

Für den Alltag im Kiez bedeutete die Sperrung vor allem eins: Umwege. Lieferungen, Umzüge, der schnelle Weg nach Hause – all das lief jahrelang über Ausweichrouten. Fußgänger quetschten sich über den verbliebenen schmalen Gehweg.

Dazu kam eine zweite Baustelle der Verkehrsplanung. Seit 2023 sind einige Straßen im  Weddinger Sprengelkiez Fahrradstraßen, zur Verkehrsberuhigung wurden Poller gesetzt. Rund 450.000 Euro kostete der Umbau, der laut Bezirksstadträtin Almut Neumann (Grüne) auf den Wunsch vieler Anwohner zurückgeht. Der Wunsch ist mir neu.

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Wer ohnehin schon vor einer gesperrten Straße stand, hatte am Ende gleich mehrere Hindernisse auf dem Heimweg. Das Haus, in dem ich wohne, konnte nur noch über Umwege erreicht werden. Nicht selten stand der Taxifahrer auf meiner nächtlichen Heimfahrt vor den Pollern und sagte, na ja, er könnte jetzt fünf Minuten außenrum fahren, obwohl die Burgsdorfstraße ja auch gesperrt sei, oder ich steige halt aus und laufe die 200 Meter. Meistens stieg ich resigniert aus.

Von acht Wochen zu über einem Jahr – dann kamen die Spatzen

Im September 2025 begannen dann endlich die Arbeiten. Zum Beginn dieser bildeten sich auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig volksfestartige Szenen. Die halbe Nachbarschaft stand beim Späti-Bier zusammen und bestaunte die Bauarbeiten, als sei es das achte Weltwunder oder zumindest ein besonders seltenes Naturschauspiel. Was es streng genommen auch beinahe war. Angekündigte Arbeiten werden in Berlin wirklich durchgeführt? Unfassbar!

Ein weiterer Grund, warum wir die Arbeiten so genau beobachteten, war auch die Angst, die Bagger seien nur ein Teil einer Appeasement-Politik, um zu verhindern, dass die Anwohner mit Fackeln und Mistgabeln zum Abgeordnetenhaus ziehen. Oder zumindest vor die Berliner SPD-Zentrale, die sich ironischerweise genau neben dem Abriss-Haus befindet. Würden wir eine Sekunde nicht hinsehen, würde man die Arbeiten wieder stoppen, da waren wir uns sicher.

In wahrer Berlin-Manier dauerten die Abrissarbeiten natürlich auch wieder viel länger als gedacht. Eigentlich sollten sie noch im Juli 2025 beginnen und rund acht Wochen dauern.

Tatsächlich starteten sie erst im September 2025 und wurden erst im Oktober 2026 beendet. Aus acht geplanten Wochen wurde also mehr als ein Jahr. Kosten sollte der Abriss 800.000 Euro – es wurde doppelt so viel. Die Kosten soll die Eigentümerin übernehmen.

Verzögert hat den Start der Artenschutz: Möglicherweise brüteten Spatzen im Gebäude, das musste erst geprüft werden. Man muss sich das kurz vergegenwärtigen – weil das Haus lange genug sich selbst überlassen blieb, konnten sich geschützte Vögel ansiedeln, und genau das bremste den Abriss zusätzlich aus.

Wiedereröffnung ohne Zukunftsplan: Droht die nächste Baulücke?

Und jetzt? Bezirksstadtrat Ephraim Gothe teilte den Abschluss des Falls bereits am Donnerstag mit, gefeiert wird die Freigabe am Nachmittag. Doch was aus der Lücke wird, die das Haus hinterlässt, ist offen.

Konkrete Pläne für die Fläche gibt es nach Angaben des Bezirksamts noch nicht. Das Grundstück bleibt im Besitz der Eigentümerin, einen Bauantrag gibt es nicht. Statt neuer Wohnungen, die hier eigentlich entstehen sollten, droht zunächst eine eingezäunte Baulücke. Damit ist der eigentliche Skandal – aus meiner Sicht ein Fall von zerfaserter Verantwortung – nicht erledigt, sondern nur in eine neue Phase verschoben.

Mir schwant bereits, dass auch dies wieder zu jahrelangen Sperrungen führen wird. Lieber sollten wir Nachbarn jetzt ein Straßenfest ausrichten, um uns Mut für die nächste Sperrung anzutrinken.

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