Die Nachricht über die für Ende Februar geplante USA-Reise des Bundeskanzlers birgt eine Überraschung: Zum ersten Mal seit den Meinungsdifferenzen über den Irak-Krieg hat US-Präsident George W. Bush Gerhard Schröder ins Weiße Haus in Washington eingeladen. Wenn man die protokollarischen Vorlieben des US-Präsidenten kennt, dann ist das schon als ein Erfolg für den deutschen Regierungschef zu werten. Denn Bush, so heißt es, teilt seine Besucher in vier Kategorien ein. Die weniger Geschätzten werden irgendwo in den Vereinigten Staaten mit Handschlag begrüßt und bald wieder verabschiedet. Kategorie zwei wird ins Weiße Haus geladen, Kategorie drei darf zum offiziellen Landsitz nach Camp David. Und die Angehörigen der vierten Abteilung dürfen nach Texas. Der Besuch auf Bushs Privatranch ist die höchste Auszeichnung und nur Freunden - wie Tony Blair, Wladimir Putin, der saudiarabischen Königsfamilie und Silvio Berlusconi - vorbehalten. Mit seiner Einladung ins Weiße Haus hat Schröder eine weitere Etappe auf dem Weg in das Herz des US-Präsidenten erreicht. Erst im vergangen Frühjahr hatte man noch gebangt, ob Bush Schröder auf dem G8-Gipfel in Evian die Hand schütteln oder ihn ignorieren werde. Da gehörte der Kanzler in Bushs Augen noch zu Kategorie null. Doch bereits im Herbst vergangenen Jahres wurde ein Termin zum Händeschütteln in New York vereinbart. Schröder war in Kategorie eins angekommen. Zuvor hatte er angekündigt, dem Irak die Schulden erlassen zu wollen und das Kontingent der Bundeswehr in Afghanistan aufzustocken. Nun erwägt Schröder sogar, ein deutsches Lazarett-Flugzeug in den Irak zu schicken, das verletzte US-Soldaten ausfliegen könnte. Das ist so etwas wie eine Eintrittskarte in das Weiße Haus in Washington, das Gerhard Schröder vermutlich auch nicht mit leeren Händen verlassen wird. Den einen oder anderen Auftrag für deutsche Unternehmen im Irak dürfte der deutsche Kanzler dem amerikanischen Präsidenten entlocken.Doch grundsätzlich hat sich an den deutsch-amerikanischen Beziehungen nur sehr wenig verändert. Für die meisten Mitglieder der US-Regierung sind die Deutschen noch immer diejenigen, die in der Stunde der Not nicht auf Seiten der Vereinigten Staaten standen. Sie gehören zu der Gruppe jener Europäer, die die Bedrohung durch den Terrorismus nicht wirklich erkennen, die zu wenig Geld in die eigene Verteidigung stecken. Deshalb gelten sie als schwach.Die Deutschen sind zwar diejenigen, die in Afghanistan mithelfen, aber auch diejenigen, die gerne die Vereinten Nationen als Mittel nutzen, um den USA Steine in den Weg zu legen. An dieser fundamentalen Differenz zwischen hat sich allem Händeschütteln zum Trotz nur wenig geändert. Eine kleine Verbesserung der deutsch-amerikanischen Beziehungen könnte Schröder dennoch ereichen - weit weg von Washington und dem Weißen Haus. Im zweiten Teil seiner Reise wird der Kanzler in Jackson, Mississippi, eine Ausstellung mit dem Titel "The Glory of Barock Dresden" eröffnen. Im tiefen Süden der USA werden die Besucher die Meisterwerke von Lucas Cranach sehen, sie werden Juwelen aus dem Grünen Gewölbe bewundern können. Ritterrüstungen werden ausgestellt und natürlich Meißner Porzellan. Vorhergesagt wird ein starkes Publikumsinteresse. Wenn die Besucher die Kunst aus der Zeit Augusts des Starken entdecken, wird sich vielleicht ihr Blick auf Deutschland erneuern. Möglicherweise wird der eine oder andere erkennen, dass ein Treffen zwischen zwei Politikern - im Weißen Haus oder sonst wo - nicht alles ist, das zwei Nationen verbindet.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]