Der Physiker Kai Nagel war lange damit befasst, Systeme zu simulieren, die aus vielen Teilchen bestehen. Von dort hatte er es nicht weit zu seinem jetzigen Fachgebiet, der Verkehrssystemplanung und der Verkehrstelematik, das der gebürtige Kölner seit 2004 als Professor an der TU Berlin vertritt. „Nun sind es nicht mehr komplizierte Teilchen, sondern Menschen, mit denen ich mich beschäftige“, sagt Nagel.
Die Mobilitätsmodelle, die das TU-Team entwickelt hat, bieten eine umfassende Simulation, mit welchen Mustern sich die rund fünf Millionen Menschen im Großraum Berlin bewegen. Anhand von anonymisierten Mobilfunkdaten können sie Bewegungsmuster nachvollziehen. Weitere Modelle und aktuelle Erkenntnisse halfen den Forschern, Infektionswege und -risiken zu kalkulieren – und zu errechnen, welche Rolle Masken dabei spielen können.
BVG will schärfer gegen Maskenmuffel in Bussen und Bahnen vorgehen
„Im Nahverkehr bin ich mit zertifizierter FFP2-Maske unterwegs“, berichtet Kai Nagel. Aus gutem Grund: „Dann sinkt mein Ansteckungsrisiko auf ein Zehntel.“ Bei einer Stoffmaske würde es immerhin auf die Hälfte sinken. „Die Einhaltung der Maskenpflicht nützt mir noch mehr als den anderen, sie liegt vor allem in meinem Interesse.“ Aber auch die anderen Fahrgäste profitieren – aber in geringerem Maße, weil Atemluft seitlich, über oder unter der Maske entweichen kann. „Die Schutzwirkung in Bezug auf andere ist geringer, aber immer noch beachtlich. Sowohl FFP2- als auch Stoffmasken filtern im Schnitt 50 Prozent der Viren heraus“, sagt der Wissenschaftler.
Die Ergebnisse zeigen, dass das Tragen von Masken die Zahl der Infektionen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln auftreten, deutlich verringert. „Tragen 90 Prozent der Passagiere Stoffmasken, so reduziert sich das Risiko laut Modell um etwa 70 Prozent. Tragen 90 Prozent der Fahrgäste FFP2-Masken, so verringert es sich um etwa 95 Prozent“, so lautet die Bilanz.
470 Vertragsstrafen à 50 Euro verhängt
Es sind Zahlen, die der BVG zupass kommen. Viele Berliner meiden Busse und Bahnen, weil sie Angst haben, sich dort zu infizieren. Die von Nagel und seinem Team gewonnenen Erkenntnisse zeigen nun, dass der Nahverkehr kein Corona-Hotspot ist – sofern die Fahrgäste Masken tragen. „Es gibt keine Indizien, dass es dort ein erhöhtes Ansteckungsrisiko gibt“, sagt BVG-Betriebsvorstand Rolf Erfurt.
„Wichtig ist auch, dass Räume belüftet werden. Das trägt erheblich dazu bei, die Gefahr einer Ansteckung zu reduzieren. Unsere Modellrechnungen gehen davon aus, dass es eine Standardbelüftung gibt“, erklärt Nagel. „In Nahverkehrsfahrzeugen mit einer funktionierenden Klimaanlage ist das der Fall. Differenzierter ist die Berliner U-Bahn zu sehen, die in ihren Fahrgasträumen nicht über eine solche Technik verfügt. Solange die Züge fahren und durch geöffnete Fenster Luft hereinkommt, ist das Risiko geringer, als wenn die U-Bahn steht. Die Ansteckungsgefahr steigt auch, wenn sich viele Fahrgäste im Zug aufhalten und es eng wird. In solchen Situationen ist es umso wichtiger, dass Fahrgäste Mund und Nase bedecken.“
Derzeit hielten sich im Schnitt 95 Prozent der Reisenden an die Maskenpflicht, berichtet BVG-Sprecherin Petra Nelken. Während der heißen Tage im August sei die Quote etwas gesunken, doch sie blieb hoch. „Vielleicht wollten einige ein Zeichen setzen, dass sie nicht zu den Anti-Corona-Demonstranten gezählt werden wollen“, so Nelken. Allerdings berichten Fahrgäste, dass außerhalb der Stoßzeiten viele BVG-Nutzer keine Maske tragen – und das Personal darüber hinwegsieht.
Die ersten Busse mit „Spuckschutz“ fahren durch Berlin
Seit dem 7. Juli dürfen BVG-Sicherheitskräfte gegen Maskenmuffel eine Vertragsstrafe in Höhe von 50 Euro verhängen. Bislang war das 470-mal der Fall, sagt die Sprecherin. Rund 800 Bahnhofsverweise wurden ausgesprochen. Doch meist ging es ohne Sanktion ab. „2180 Mund-Nase-Bedeckungen wurden unentgeltlich verteilt“, so Nelken. In 233 Fällen legten Fahrgäste Atteste vor, die sie von der Maskenpflicht befreiten. Andere Reisende beriefen sich zumindest darauf, dass sie eine solche Bescheinigung besitzen. „Aus rechtlichen Gründen kann man sie nicht zwingen, sie zu zeigen“, heißt es bei der BVG.
„Es ist absehbar, dass die Maskenpflicht noch viele Monate weiterbestehen wird“, sagt BVG-Manager Erfurt. „Zusätzliche Desinfektionen würden nur eine trügerische Sicherheit bieten.“ Maskenpflicht für immer? „Man könnte darüber nachdenken, ob Masken auch nach Corona zum Beispiel während der Grippesaison sinnvoll wären“, sagt Kai Nagel.
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