Der Blick aus dem Kaffeeraum des Seniorenzentrums Kardinal Bengsch geht übers Wasser. Vor dem Haus fließt die Spree, am Ufer stehen Parkbänke. Auf der anderen Flussseite erhebt sich der Ziegelbau des Kraftwerks Charlottenburg. Eine idyllische Lage, abseits von Bahnlinien und großen Straßen. Genau das ist im Moment das Problem."Ich habe morgen einen Arzttermin", sagt Hildegard Herold. "Aber ich weiß nicht, wie ich da hin kommen soll." Wie fast alle Bewohner des Seniorenheims ist die 75-Jährige auf den Bus angewiesen, um zum Arzt zu gehen. Doch der fährt seit letztem Mittwoch nicht mehr.Seit der BVG-Streik die öffentlichen Verkehrsmittel lahmgelegt hat, ist das Leben für Senioren schwieriger geworden in Berlin. Alte Menschen können oft nicht weit laufen und auch das Fahrrad ist für viele keine Alternative. Da wird der Radius schnell ziemlich klein, in dem sie sich bewegen können. Zweimal die Woche geht Hildegard Herold normalerweise zur Gymnastik und zum Yoga, in Siemensstadt. Das muss sie jetzt ausfallen lassen. "Zu Fuß schaffe ich es nicht, und ein Taxi kann ich mir nicht leisten", sagt sie. Außer Spaziergängen in der näheren Umgebung ist nicht viel drin zurzeit.Dabei haben die Bewohner ihres Hauses eigentlich noch Glück. Es gibt einen Friseur im Haus und einen Supermarkt um die Ecke. Die Mitarbeiter helfen den Senioren beim Einkaufen, so dass die Grundbedürfnisse sichergestellt sind.Vor allem aber helfen sich die Bewohner gegenseitig. Fast jeden Tag hat sich Christel Pöltl seit letztem Mittwoch hinters Steuer ihres Autos gesetzt. Gestern hat die 78-Jährige eine Nachbarin zur Bank gefahren, andere bringt sie zum Arzt oder zum Friedhof. Am Wochenende war ihr Wagen voll. Eine Gruppe von Senioren wollte zur Urania, sie hatten Karten für einen Varieté-Nachmittag. Immer aber kann auch sie nicht helfen. "Ich würde Sie ja morgen zum Arzt fahren", bietet Frau Pöltl ihrer Mitbewohnerin Hildegard Herold an. "Aber abholen kann ich Sie nicht, ich habe selber einen Termin."Auch das Heimpersonal engagiert sich. Hausmeister Krause hat am Wochenende ebenfalls ein Auto zum Varieté gefahren - in seiner Freizeit. "Unser Hausmeister ist eine Perle", sagt Hildegard Herold. Auf die streikenden BVG-Mitarbeiter ist sie schlecht zu sprechen. Die ließen ältere Menschen einfach sitzen. "Wir sind sauer", sagt sie.
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