Bahnverkehr

Café im DDR-Stil: Das plant die Bahn für den Bahnhof Alexanderplatz

Orangefarbene Sonnenschirme, Möbel im 60er-Jahre-Look: Nach der Sanierung könnte ein Retro-Café an die DDR erinnern. So soll der Alex ab 2030 aussehen.

8 Min
Sonnenuntergang - von der Bahnsteighalle des Bahnhofs Alexanderplatz aus gesehen. In den 1960er-Jahren wurde die Halle modernisiert. Auch diese Zeitschicht soll wieder sichtbar werden.

Sonnenuntergang - von der Bahnsteighalle des Bahnhofs Alexanderplatz aus gesehen. In den 1960er-Jahren wurde die Halle modernisiert. Auch diese Zeitschicht soll wieder sichtbar werden.

© Peter Neumann/Berliner Zeitung

Wann geht es endlich los im Bahnhof Alexanderplatz? Vor mehreren Monaten mussten alle Geschäfte und Gastronomiebetriebe ihre Mietflächen im Stadtbahnviadukt am Fernsehturm verlassen. Seitdem scheint nicht viel passiert zu sein. Wer jenseits der vielen Bauzäune den leeren Bahnhof sieht, fragt sich, wann die Sanierung endlich beginnt.

Es ist Zeit für einen Termin mit Daniel Euteneuer von DB InfraGO. Der 43-Jährige ist Chef der rund 700 Personenbahnhöfe in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Auf die Eingangsfrage hat er jetzt eine Antwort: Die ersten Arbeiten sind längst im Gange.

„Wir haben gesagt, dass die Arbeiten im Spätsommer 2026 starten“, ruft Euteneuer in Erinnerung. Inzwischen habe die Entkernung des Gebäudes begonnen. Sie wird bis ins nächste Jahr hinein dauern.“ Dann gehe es weiter – der Bahnhof bleibt bis Mitte 2030 eine Baustelle.

Die Pachttoilette aus DDR-Zeiten gibt es nicht mehr

Zwischen Gittern und bedruckten roten Planen gelangen die Fahrgäste im Bahnhof Alexanderplatz weiterhin zum S-Bahnsteig und zum Bahnsteig für Regionalzüge. Aber dazwischen gibt es Inseln der Stille.

Dabei gehört die Station zwischen Warenhaus und Fernsehturm zu den Top-15-Stationen in Deutschland, sagt Daniel Euteneuer. Der Bahn-Manager nennt die jüngste Zahl: „Der Bahnhof Alexanderplatz wurde 2024 täglich im Schnitt von 125.000 Ein-, Aus- und Umsteigern genutzt. Das ist innerhalb Deutschlands eine Riesen-Hausnummer.“

Ein architektonischer Gruß aus der DDR: In den 1960er-Jahren wurde der Bahnhof Alexanderplatz modernisiert. Auch aus jener Zeit bleiben Elemente erhalten.

Ein architektonischer Gruß aus der DDR: In den 1960er-Jahren wurde der Bahnhof Alexanderplatz modernisiert. Auch aus jener Zeit bleiben Elemente erhalten.

© DB InfraGO. Visualisierung: Schmidt & Pütz Planungsgesellschaft mbH

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Okay, am Ostkreuz (Platz 1 in Deutschland) sind ungefähr doppelt so viele Fahrgäste unterwegs. Doch der Bahnhof Alexanderplatz ist wichtiger, wenn es um das Umsteigen zur U-Bahn und Straßenbahn geht. Außerdem liegt er im Zentrum eines Shopping-Distrikts. Galleria Kaufhof, Saturn, TK Maxx, das Einkaufszentrum Alexa sind nahebei.

Zuletzt wurde die Station im östlichen Stadtzentrum in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre für 63 Millionen Euro erneuert – zusammen mit dem Viadukt der Stadtbahn. Die Pachttoilette aus DDR-Zeiten mit ihren Topfblumen und Stoffhandtüchern verschwand, sie wurde durch ein WC-Center ersetzt, wie es in vielen Stationen betrieben wird.

Der Bahnhof Alexanderplatz heute: Den Fahrgästen sind Durchgänge zwischen Gittern und Bauplanen geblieben. Alle Geschäfte und Gastronomiebetriebe sind ausgezogen.

Der Bahnhof Alexanderplatz heute: Den Fahrgästen sind Durchgänge zwischen Gittern und Bauplanen geblieben. Alle Geschäfte und Gastronomiebetriebe sind ausgezogen.

© Max vom Hofe/Berliner Zeitung

Andere Zeitschichten blieben nach dem Entwurf der Architekten Rebecca Chestnut und Robert Niess erhalten. Von 60 Klinkerbögen hatten 14 überdauert, sie wurden saniert. Seit Ende 1998 dient die Station, in der einst auch Schnellzüge nach Breslau, Danzig, Wiesbaden und Den Haag hielten, zumindest auch wieder dem Regionalverkehr.

Die To-Do-Liste: Was während der Sanierung geschieht

Die damalige Sanierung ist aber nun auch schon drei Jahrzehnte her. Nicht nur die Bausubstanz, auch die Gebäudetechnik muss erneuert werden, sagten Daniel Euteneuer und seine Bau-Expertin Daniela Schäfer, Leiterin des Baumanagements in der Region Ost bei DB InfraGO. Zuletzt hieß es, dass das Projekt 70 Millionen Euro kostet.

„Wir bringen den Brandschutz auf den neuesten Stand. Zwar wurde auch diese Technik Mitte der 1990er-Jahre erneuert, die Anlagen haben Bestandsschutz. Doch nach 30 Jahren ist es mittlerweile schwierig, Ersatzteile zu bekommen“, erklärte Euteneuer.

Ein großes Pensum steht bevor. Darum dauert es so lange. „Die gesamte technische Gebäudeausrüstung wird ausgetauscht: Elektrotechnik, Gebäudeautomation, Blitzschutz, Erdung – um nur einige Beispiele zu nennen“, so Schäfer. „Die Klimaanlagen werden ebenfalls modernisiert und bekommen bei dieser Gelegenheit mehr Leistung“ – dass das nötig ist, merkte man in den jüngsten heißen Sommern. Auch Fassaden, Wand-, Boden- und Deckenflächen werden erneuert, hieß es.

1882 wurde der Bahnhof Alexanderplatz, Teil des Stadtbahn-Viadukts, eröffnet. Mehr als ein Dutzend der damaligen Steinbögen gibt es noch. Sie sollen besser sichtbar werden.

1882 wurde der Bahnhof Alexanderplatz, Teil des Stadtbahn-Viadukts, eröffnet. Mehr als ein Dutzend der damaligen Steinbögen gibt es noch. Sie sollen besser sichtbar werden.

© DB InfraGO. Visualisierung; Schmidt & Pütz Planungsgesellschaft

Die Struktur des Gebäudes mit den beiden rund 200 Meter langen Passagen bleibt erhalten. Die Zeitschichten, die sich seit der Bahnhofseröffnung 1882 abgelagert haben, sollen sogar noch weiter betont werden. Schäfer: „Bislang wurden die Stadtbahnbögen vielerorts mit Fliesen verdeckt, künftig wird die alte Steinoptik sichtbarer sein.“

„Wir wollen den historischen Charme erhalten, der auch der Grund für den Denkmalschutzstatus ist, und gleichzeitig einen modernen funktionsfähigen Verkehrsknotenpunkt. Der Bahnhof Alexanderplatz soll hell und freundlich werden“, bekrätigte die Ingenieurin.

Als die DDR-Regierung 1961 ein neues Stadtzentrum beschloss, stand  auch der Bahnhof auf der Liste. Während alte Gebäude abgebrochen werden, wurde er nach Plänen von Hans Joachim May und Günter Andrich bis 1964 modernisiert. Zwar steht die Station seit 1963 unter Denkmalschutz. Doch historische Bausubstanz wurde entfernt, oder sie wurde hinter PVC, Aluminium oder Edelholzfurnieren versteckt.

Vielleicht gibt es wieder ein Café mit Sonnenschirmen

Von jener Zeit kündigt auch der ikonische Schriftzug Alexanderplatz. Er bleibt natürlich erhalten. Manches, was in DDR-Zeiten entstand, aber später wieder verschwand, könnte wiederkehren, deutete Daniel Euteneuer im Gespräch mit der Berliner Zeitung an.

„Der Bahnhof ist ein wichtiger touristischer Standort im Osten von Berlin. Denkbar wäre zum Beispiel ein Café im Außenbereich, das Stile der DDR-Zeit aufgreift“, sagte er. „Vielleicht gelingt es, dieses Café im Retrocharme zu gestalten. Mit Mobiliar und einer Farbgestaltung, das an die 1960er-Jahre erinnert“ – etwa mit Sonnenschirmen in orange.

Im Untergeschoss sollen frühere Angsträume verschwinden. Die Visualisierung zeigt, wie der Treppenbereich in Richtung U-Bahn künftig aussehen wird.

Im Untergeschoss sollen frühere Angsträume verschwinden. Die Visualisierung zeigt, wie der Treppenbereich in Richtung U-Bahn künftig aussehen wird.

© DB InfraGO. Visualisierung: Schmidt & Pütz Planungsgesellschaft mbH

Aber das ist noch Zukunftsmusik. Man müsse Gastronomiebetreiber finden, die sich auf solche Ideen einlassen. Doch zunächst geht es DB InfraGO darum, das Projekt abzuwickeln.

Erste Arbeiten haben begonnen, bekräftigte Euteneuer. Bei der nun  startenden Entkernung werden sämtliche Einbauten und die gesamte Gebäudetechnik entfernt. „Danach wird das Erdgeschoss des Bahnhofs Alexanderplatz wie ein Rohbau aussehen“, kündigte der Bahn-Manager an. Die Brückenprüfer freuen sich schon: In dieser Phase fällt ihnen die Begutachtung der Viadukt-Konstruktion leichter.

Währenddessen läuft das Vergabeverfahren für den Großteil der folgenden Arbeiten.  „Die Hauptvergabe steht kurz vor dem Abschluss“, berichtete Daniela Schäfer. „Unser Plan ist, den Zuschlag Anfang Oktober zu erteilen. Die Hauptarbeiten sollen im Frühjahr oder Sommer 2027 beginnen. Bis Ende 2029 wird gebaut.“

Arbeiten dauern bis Mitte 2030

Aber dann ist das Projekt noch nicht zu Ende, erklärte die Bau-Expertin. Schäfer: „Einige Abnahmevorgänge werden bis ins Jahr 2030 hinein dauern. Wir gehen davon aus, dass das Projekt Mitte 2030 beendet wird. Dann ist der Bahnhof zukunftsfähig.“

Der Bahnhof bleibt während des gesamten Projekts in Betrieb, betonten die Planer. „Fahrgäste können weiterhin ein- und aussteigen. Wenn wir im Bahnsteigbereich arbeiten müssen, nutzen wir vorhandene Sperrpausen“, so Euteneuer. Wer in die U-Bahn umsteigt, muss aber schon jetzt Umwege gehen. Der Ticketschalter, die DB-Information und das WC-Center befinden sich in Containern vor dem Fernsehturm.

Im Zentrum der City Ost: der Bahnhof Alexanderplatz.

Im Zentrum der City Ost: der Bahnhof Alexanderplatz.

© DB InfraGO. Visualisierung: Schmitz und Pütz Planungsgesellschaft mbH

Was passiert mit Fahrtreppen und Aufzügen? „Der Plan ist, die Bauphasen so zu gestalten, dass die Bahnsteige barrierefrei zugänglich bleiben“, erläuterte Schäfer.

Im Untergeschoss sind Umbauten geplant. „Wo sich bislang der Drogeriemarkt befand, wird die öffentlich zugängliche Fläche verkleinert“, teilte Euteneuer mit. Dort gab es dunkel wirkende Bereiche, in denen wenig Menschen unterwegs waren: Angsträume.

„Sie verschwinden, damit sich die Bahnhofsnutzer künftig sicherer fühlen. Das ist in Abstimmung mit dem Denkmalschutz nicht immer leicht, weil wir Wände verändern und an den Grundriss herangehen“, sagte Schäfer.

„Alexanderplatz ist ein schwieriger Bahnhof“

Daniel Euteneuer redete nicht drumherum: „Was das Umfeld anbelangt, ist Alexanderplatz ein schwieriger Bahnhof“, sagte der Bahn-Manager. Er nannte ein Beispiel: „Der Umgang mit Obdachlosen ist anspruchsvoll und herausfordernd.“

Was die innere Sauberkeit und die Sicherheit betrifft, war der Bahnhof Alexanderplatz zuletzt auf einem guten Stand. Er wurde trotzdem bei Kundenumfragen schlecht bewertet – weil sich das Umfeld auf das Gefühl der Reisenden überträgt, berichtete er. Deshalb gehört der Alexanderplatz zu den 30 Stationen im bundesweiten Sofortprogramm für zufriedene Kunden. Zehn dieser Bahnhöfe liegen in der Region Ost.

An vielen Details wurde gearbeitet, sagte Daniel Euteneuer. „So versetzen wir das Reinigungswasser mit Enzymen, die Gerüche neutralisieren. Ozon im Wasser, das Ammoniakverbindungen aufbricht, wirkt ähnlich. Wir haben die Reinigung intensiviert und bemühen uns, die Außen- mit der Innenreinigung besser zu synchronisieren.“

Der neue Servicebereich auf dem Platz vor dem Fernsehturm: WC-Center, DB-Information und S-Bahn-Ticketschalter logiere bis 2030 in Containern.

Der neue Servicebereich auf dem Platz vor dem Fernsehturm: WC-Center, DB-Information und S-Bahn-Ticketschalter logiere bis 2030 in Containern.

© Peter Neumann/Berliner Zeitung

Rund 2800 Quadratmeter Fläche für Einzelhandel und Gastronomie gibt es in dem Bahnhof. Jeder Quadratmeter kann nach der Sanierung erneut belegt werden, Mietinteressenten stehen Schlange. Vorgesehen sind auch wieder Flächen für ein WC-Center, ein DB-Reisezentrum und einen S-Bahn-Fahrkartenverkauf.

Einzelhandelskrise? Gibt es bei der Bahn nicht!

Euteneuer: „Unser Vermietungsbereich macht sich gerade Gedanken, wie die Flächen idealerweise ausgeboten werden können. Wir wollen einen guten Mix für den Standort erhalten. Der Bedarf ist da. Wir sind guter Dinge, dass wir wieder alle Flächen vermieten können. Wir testen in Berlin gerne neue Konzepte, die wir nicht an jedem Bahnhof in Deutschland einsetzen. Der Alexanderplatz bietet sich dafür an.“

Der Bahnhof sei ein wichtiger touristischer Standort im Osten von Berlin. Das bringe viel Frequenz und viele potenzielle Kunden. Daniel Euteneuer hat keine Angst vor demE-Commerce, der anderswo Einzelhändlern Kunden abjagt. „Was man bei uns kauft, wird meist nicht durch Internetkäufe substituiert. Reisebedarf sind in der Regel Impulskäufe“, erläutert er. „Die Einzelhandelskrise spüren wir nicht.“

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