Intendantenwechsel

Neustart im Gorki: Çağla Ilk eröffnet ihre erste Spielzeit mit der Installation „Fuge“ von Sarkis

Regenbogen-Neon, Kantors Originalkreuze und freigelegter Marmor im Foyer: So beginnt die Ära nach Shermin Langhoff am Berliner Gorki-Theater.

4 Min
Kreuze aus Bühnenarbeiten der polnischen Theaterlegende Tadeusz Kantor bilden das Zentrum der Installation „Fuge“ von Sarkis.

Kreuze aus Bühnenarbeiten der polnischen Theaterlegende Tadeusz Kantor bilden das Zentrum der Installation „Fuge“ von Sarkis.

© Andrea Rossetti

Fuge – ein schönes Wort, das auf dialektische Weise die Bedeutungen von Trennung und Verbindung markiert und auch noch gut klingt. So heißt die Installation, mit der der in Istanbul geborene und in Paris lebende Künstler Sarkis das Gorki-Theater bespielt.

Seit diesem Freitag kann man das Haus auch schon tagsüber betreten, damit ist die Spielzeit unter der neuen Intendantin Çağla Ilk eröffnet. Sie löst nach 13 Spielzeiten ihre Vorgängerin Shermin Langhoff ab, die das Haus aus einem postmigrantischen Impuls heraus als Ensembletheater führte.

Kein Schnitt, sondern eine Fuge

Jetzt also der Übergang, die Fuge: Ilk studierte Architektur, war einige wichtige Jahre lang Langhoffs Wegbegleiterin – schon ab 2008 am Ballhaus Naunynstraße, wo sie als Produzentin, Regisseurin und Dramaturgin am Aufbau des postmigrantischen Theaters mitwirkte, und ab 2012 am Gorki selbst, wo sie bis 2020 als Dramaturgin und Kuratorin unter anderem vier Ausgaben des Berliner Herbstsalons, der Kunstsparte des Hauses, verantwortete und bis 2017 zugleich Langhoffs persönliche künstlerische Referentin war.

Danach beschritt sie ihren eigenen Weg hin zur bildenden Kunst und übernahm 2020 gemeinsam mit Misal Adnan Yıldız die Doppelspitze der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, bevor sie über die Station als Kuratorin des Deutschen Pavillons bei der Biennale in Venedig 2024 – mit Yael Bartana und Ersan Mondtag – schließlich vom damaligen Kultursenator Joe Chialo ans Gorki berufen wurde.

Originalkreuze von Tadeusz Kantor

Ilk verbindet viel mit Langhoff, allein schon, dass sie das Haus mit ihren Gewerken und Potenzialen kennt und beteuert hat, dass sie es auch weiter als Ensembletheater führen wird – aber sie will auch klarmachen, dass nun etwas Neues beginnt. Und dies geschieht nun nicht mit einer klassischen Eröffnungsinszenierung, sondern mit einem vielschichtigen, anspielungsreichen, zugleich meditativen Budenzauber.

Die Stuhlreihen sind abgebaut, stattdessen erhebt sich eine Podesterie, auf der Originalbretter und Originalkreuze aus Bühnenarbeiten des legendären polnischen Theaterkünstlers Tadeusz Kantor zu sehen sind, Leihgaben aus dem Museum. Sarki hat darunter einen Neonröhrenregenbogen eingelassen und riesige Kronleuchterröhren aus Federn in den Saal gehängt.

Über der Bühne schwebt ein Carillon mit 43 Glocken, auf dem John Cages „Litany for the Whale“ erklingt. Die Drehbühne verfügt über Spiegel, man kann sich darauf niederlassen, die eine oder andere langsame, meditative Runde drehen und den Organismus des Theaters erspüren.

Tadeusz Kantor: Bühnenbild „The Return of the Odysseus“, 1944, Szene mit Çiğdem Teke

Tadeusz Kantor: Bühnenbild „The Return of the Odysseus“, 1944, Szene mit Çiğdem Teke

© Andrea Rossetti

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Die Installation, Sarkis’ erste Arbeit fürs Theater, verfugt also seinen gegenwärtigen Blick mit den Arbeiten zweier toter Künstler: Klang, Aura und bewegte Federn lassen ein spirituell empfängliches Gemüt den verwehten Atem spüren.

Zumal im oberen Foyer auch Originalrequisiten aus Kantors „Odysseus“-Inszenierung zu sehen sind, die er 1944 während der Besatzung durch die Nazis heimlich in Krakau aufführte. Ilk ließ es sich nicht nehmen, beim Presserundgang die Linie zur Gegenwart zu ziehen, beließ es aber bei der Andeutung.

Alle Teppiche herausgerissen

Fugen erscheinen aber auch auf ganz dingfeste Weise: Für die Installation wurden die roten Treppenläufer und Teppiche aus den Foyers entfernt, wohl das erste Mal seit Jahrzehnten. Man wolle, so Ilk, ans Licht bringen, was unter den Teppich gekehrt wurde. Man schreitet also über rote und sandfarbene Marmorplatten, und siehe da: Fugen.

Ilk selbst schwebt beim Presserundgang mit andächtiger Miene durch die Gefilde, lauscht, sinniert, steht Rede und Antwort und kann ihre Müdigkeit und Melancholie dennoch nicht verbergen. Viel Gegenwind schlägt ihr entgegen, zuletzt kam noch der Schwamm im Marmorsaal hinzu, den sie mit einem performativen Diskursprogramm bespielen wollte. Für eine Intendantin, die das Theater von Räumen her denkt, ist das ein schwerer Tiefschlag, den sie aber wegstecken will.

Ihr spartenübergreifender Ansatz erscheint vielen als Aufweichung der Ensemblestruktur, bisher sind nur zehn Schauspieler fest engagiert. Es wird in Sarkis’ Fuge hier und da ein paar Liveauftritte geben, aber Schauspieltheater im engeren Sinn ist deutlich zurückgefahren: Am 3. Dezember wird es die erste Theaterpremiere geben: „Das Hörrohr“ von Ulrike Ottinger nach dem Roman von Leonora Carrington, fulminant besetzt mit vielen gastierenden Diven und begleitet von einer Ausstellung.

Fuge. Bis 11. Oktober, täglich 13–21 Uhr im Gorki-Theater, Eintritt frei

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