Ernüchterung

Hunger und Feindseligkeit in Ceuta: Wie der Traum von Europa zerplatzte

Virale Videos versprachen einen Weg nach Europa. Doch in Ceuta fanden viele Migranten kaum Nahrung, geschlossene Geschäfte und keine Möglichkeit zur Weiterreise.

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Migranten kämpfen nahe dem Aufnahmezentrum CETI in Ceuta um Lebensmittel.

Migranten kämpfen nahe dem Aufnahmezentrum CETI in Ceuta um Lebensmittel.

© Juan Carlos Lucas/imago

Die Hoffnung auf ein neues Leben in Europa hielt für viele Migranten nur wenige Tage. Nachdem etwa 60.000 Menschen aus Marokko nach Ceuta gelangt waren, kehrten binnen 48 Stunden mehr als 48.000 von ihnen zurück. In Gesprächen mit der Nachrichtenagentur Reuters nannten sie Hunger, Erschöpfung, geschlossene Geschäfte und Feindseligkeit durch Teile der Bevölkerung als Gründe.

Viele waren durch Videos in sozialen Netzwerken und Nachrichten von Freunden aufgebrochen. Die Aufnahmen zeigten, wie Tausende Menschen die gesicherte Grenze zu der spanischen Exklave überwanden. Einige glaubten offenbar, von Ceuta aus auf das spanische Festland und damit weiter nach Europa gelangen zu können. Doch die Stadt wurde abgeriegelt, eine Weiterreise war nicht möglich.

Neu angekommene Migranten verbringen die Nacht auf dem Boden eines Gewerbegebiets in Ceuta. Viele verlassen die überfüllte Exklave inzwischen wieder.

Neu angekommene Migranten verbringen die Nacht auf dem Boden eines Gewerbegebiets in Ceuta. Viele verlassen die überfüllte Exklave inzwischen wieder.

© Marcos Moreno/dpa

Drei Tage nur Wasser

Der Bäckereimitarbeiter Brahim aus Fès sagte Reuters, er habe seine Arbeit aufgegeben, nachdem er die Bilder des Massenandrangs gesehen hatte. „Wir kamen, um voranzukommen, nicht um getäuscht zu werden“, sagte er. In Ceuta habe er drei Tage lang nur Wasser zu sich genommen. Lebensmittel seien für ihn kaum bezahlbar gewesen. Für ein Thunfischsandwich seien 100 Dirham verlangt worden, umgerechnet knapp elf US-Dollar.

Andere Rückkehrer berichteten von geschlossenen Supermärkten und Gaststätten. Ihre durchnässte Kleidung hätten sie auf der Straße trocknen müssen. „Ceuta war wie ein Gefängnis“, sagte ein Beschäftigter des marokkanischen Hafens Tanger Med.

In der gegenüberliegenden Grenzstadt Fnideq leerten sich die Straßen wieder. Junge Männer gingen zu Fuß vom Grenzübergang fort oder warteten auf Taxis, die sie zurück in ihre Heimatorte bringen sollten.

Einige Migranten warfen Bewohnern des überwiegend marokkanisch geprägten Ceutaer Viertels El Príncipe vor, sie angegriffen und aus dem Gebiet vertrieben zu haben. Reuters konnte diese Schilderungen nicht unabhängig überprüfen.

Das spanische Innenministerium bestätigte zwei Leichtverletzte bei Messerangriffen in getrennten Fällen. Ein mutmaßlicher Angreifer sei festgenommen worden. Auch El País berichtete von Migranten, die nach eigenen Angaben mit Steinen bedroht oder angegriffen worden seien.

Ein erschöpfter Migrant ruht in eine Decke gehüllt an der Küste von Ceuta.

Ein erschöpfter Migrant ruht in eine Decke gehüllt an der Küste von Ceuta.

© Marcos Moreno/imago

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Falsche Versprechen verbreiteten sich in sozialen Netzwerken

Auf marokkanischen Plattformen hatte sich zuvor die Behauptung verbreitet, die spanische Grenze sei geöffnet und könne ohne Papiere überwunden werden. Beiträge zeigten Routen nach Tarajal, nannten Verkaufsstellen für Neoprenanzüge und Schwimmhilfen und markierten angeblich schwächer überwachte Abschnitte. Die Gruppe „Hrig Sebta“ erreichte nach Recherchen von El País mehr als 20.000 Follower, bevor sie geschlossen wurde. Wer die Mobilisierung organisierte, ist weiterhin offen.

Die spanische Regierung macht Schleuser und falsche Darstellungen eines Urteils des Obersten Gerichtshofs für den Ansturm mitverantwortlich. Das Gericht hatte pauschale Sofortrückführungen von Menschen ausgeschlossen, die auf dem Seeweg eintreffen. Ein Bleiberecht ergibt sich daraus jedoch nicht. In sozialen Netzwerken wurde die Entscheidung dennoch als angebliche Öffnung der Grenze verbreitet.

Polizisten führen den spanischen Europaabgeordneten Luis Alvise Pérez aus dem Bereich einer Demonstration in Ceuta. Gegendemonstranten protestierten gegen einen angekündigten Aufmarsch migrationsfeindlicher Gruppen.

Polizisten führen den spanischen Europaabgeordneten Luis Alvise Pérez aus dem Bereich einer Demonstration in Ceuta. Gegendemonstranten protestierten gegen einen angekündigten Aufmarsch migrationsfeindlicher Gruppen.

© Mario Moreno/imago

Politisch richtet sich der Blick zugleich auf Marokko. Die anfängliche Zurückhaltung marokkanischer Sicherheitskräfte und das Ausbleiben einer Warnung an Spanien nähren den Verdacht, Rabat könnte den Massenandrang zumindest zeitweise bewusst zugelassen haben. Einen Beleg für eine Steuerung durch die marokkanische Regierung gibt es bislang nicht. Erst später sperrten marokkanische Einheiten die Zufahrten, gingen gegen weitere Gruppen vor und arbeiteten bei der Rückkehr Zehntausender mit Spanien zusammen.

Nicht alle Migranten wollen zurück. Der 43-jährige Sudanese Mohamed Ahmed berichtete Reuters, er sei von einem Lastwagen in die Nähe der Grenze gebracht worden und anschließend vier Stunden bis nach Ceuta geschwommen. Trotz der geschlossenen Wege zum Festland wolle er bleiben. „Ich gehe nicht zurück“, sagte er.

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