Migrationskrise

Ceuta: Zwischen sexuellen Übergriffen, Menschenhandel und Selbstjustiz

Übergriffe auf Frauen und Kinder, Attacken auf Sicherheitskräfte, Konflikte zwischen Anwohnern und Neuankömmlingen. Die Situation in Ceuta eskaliert.

4 Min
Vergewaltigungen, brennende Zelte, Angriffe: Die humanitäre Lage in der spanischen Exklave spitzt sich zu.

Vergewaltigungen, brennende Zelte, Angriffe: Die humanitäre Lage in der spanischen Exklave spitzt sich zu.

© Marcos Moreno/Imago

Gut sechs Wochen nach dem Ansturm von mehr als 72.000 Migranten bleibt die Lage in der spanischen Exklave Ceuta angespannt. Nach BBC-Angaben sind noch etwa 5000 Migranten vor Ort, die spanische Polizeigewerkschaft CEP geht laut Welt von 10.000 bis 11.000 aus. Genaue Zahlen veröffentlichte die Regierung nicht. Ministerpräsident Pedro Sánchez steht wegen des Umgangs mit der Krise zunehmend unter Druck.

Nach Angaben der Chefstaatsanwältin Silvia Rojas wurden bis Anfang September 23 sexuelle Übergriffe seit dem Ansturm registriert, neun davon gegen Kinder im Alter zwischen 14 und 17 Jahren, fünf mit Penetration. Das entspreche zu diesem Zeitpunkt fast einem Fall pro Tag, sagte Rojas gegenüber der spanischen Zeitung El País. Von acht identifizierten mutmaßlichen Tätern sind laut Generalstaatsanwaltschaft vier marokkanischer Herkunft. Migrantische Mädchen seien wegen ihres irregulären Status in der Stadt besonders gefährdet, erklärte Rojas weiter. Viele Betroffene erstatteten aus Angst oder wegen ihrer prekären Lage keine Anzeige.

Die Notärztin Susana Ascaso erklärte laut BBC, ihre Abteilung am Universitätsklinikum Ceuta habe mehrere Opfer sexueller Gewalt behandelt, darunter ein zehnjähriges Mädchen. Die spanische Gesellschaft für Epidemiologie erklärte demnach, die Grenzkrise habe verdeutlicht, wie schwer Gewalt gegen migrantische Frauen und Mädchen zu erkennen und zu bekämpfen sei.

Medien berichten von Straßenschlachten

Parallel dazu verschärft sich Medienberichten zufolge der Konflikt zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Migranten. Vermummte hätten am Strand Trampolín ein Camp in Brand gesteckt, in dem Hunderte Marokkaner Zuflucht gesucht hatten. Bei Demonstrationen mit wachsendem Zulauf werde unter Slogans wie „Das Volk hilft dem Volk“ dazu aufgerufen, die Stadt zu verteidigen.

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Der deutsche Arzt Leon van Bömmel von der Hilfsorganisation Mission Lifeline berichtete der FAZ, er habe beobachtet, wie junge Spanier einen verletzten Migranten durch die Straßen gejagt hätten. Marokkaner haben ihm zufolge geschildert, Spanier hätten sie in ihren Nachtlagern mit Pistolen und Macheten bedroht. Zudem wurde eine Militärpatrouille im Stadtteil Benzú nach Medienberichten von Dutzenden Männern mit Steinen angegriffen, ein Soldat wurde laut Generalstab verletzt.

Polizeigewerkschaft warnt vor Menschenhandel

Der Gewerkschaftssekretär Sebastian Sützl von der spanischen Polizeigewerkschaft CEP beschrieb die Situation gegenüber der Welt als schrecklich. Die Kriminalität hat sich nach Schätzungen der Gewerkschaft um das Achtfache erhöht, genaue Zahlen veröffentlichte das Innenministerium nicht. Frauen trauten sich nachts nicht mehr auf die Straße, Kinder könnten nicht mehr in Parks spielen, sagte Sützl der Welt.

Zudem berichtete er von nächtlichem Menschenschmuggel über die Straße von Gibraltar. Kleine Boote brächten Migranten von Ceuta aufs spanische Festland, eine Überfahrt koste zwischen 4000 und 6000 Euro pro Person. Bei bisherigen Kontrollen hat die Polizei laut Sützl bereits zehn Islamisten identifiziert, die zuvor aus Spanien abgeschoben worden waren.

Politische Verantwortung und diplomatische Spannungen

Wirtschaftsminister Carlos Cuerpo kündigte ein millionenschweres Hilfspaket an, das grundlegende Versorgung und die Betreuung unbegleiteter Minderjähriger sichern solle. König Felipe VI. wolle die Exklave besuchen, sobald es die Umstände zuließen, hatte Sánchez zuvor angekündigt.

Sánchez wies im Parlament in Madrid zurück, dass Marokko den Massenandrang gezielt gesteuert hat. Weder der diplomatische Dienst noch die EU-Kommission oder eine andere internationale Organisation hätten der Regierung stichhaltige Beweise für eine Beteiligung Marokkos vorgelegt, sagte er laut Reuters und AFP. Er räumte jedoch ein, dass die marokkanische Gendarmerie während einer rund zehnstündigen Phase am 30. Juli Grenzübertritte zugelassen habe; ob dies auf Untätigkeit oder Überforderung zurückzuführen sei, müssten die Nachrichtendienste klären.

Seine frühere Darstellung, wonach Falschinformationen von Portalen mit Verbindungen zu Russland und Israel den Ansturm angeheizt hatten, schwächte Sánchez ab. Die Nachrichtendienste hätten dies bislang nicht bestätigen können, beide Länder hatten eine Beteiligung dementiert. Die oppositionelle Volkspartei PP und die rechtsextreme Vox forderten Sánchez erneut zum Rücktritt auf.

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