HANNOVER. Um im Parterre des Hannoveraner Stadionbades zu schwitzen, muss man normalerweise Eintritt bezahlen. Dort haben die Architekten eine Sauna eingebaut. Während der deutschen Wintermeisterschaften war die Heizung abgeschaltet, der Ruheraum für Pressekonferenzen reserviert: für die Mitteilungen des Tages.Die erste kam am Sonntag von der Berlinerin Britta Steffen. Sie erläuterte das, was zuvor im Wasser passiert war: die Weltrekordlerin und Europameisterin siegte nach überwundenem Infekt über 100 Meter Freistil in 53,78 Sekunden. Sie sagte: "Ich habe die letzten beiden Tage wegen meiner Magen-Darm-Erkrankung im Bett gelegen und dabei ein paar Kilo verloren. Jetzt sind mir zusätzlich ein paar Steine vom Herzen gefallen." Sie wirkte tatsächlich erleichtert. Schließlich habe sie nun bestätigt, dass ihr Weltrekord von 53,30 Sekunden bei der EM keine Eintagsfliege war. Das Höhentraining in der Sierra Nevada hat bei der 23-Jährigen von der SG Neukölln offenbar gut angeschlagen.An den ersten Meisterschaftstagen hatten die Ergebnisse den Eindruck erweckt, als habe das Höhentraining wenig Erfolg gebracht. Die herausragenden Zeiten, die als Qualifikation für die WM in Melbourne im März 2007 gelten, erzielten vor allem jene, die ihren eigenen Weg gegangen waren. Diejenigen, die nicht mit dem Top Team trainierten.Vor allem Annika Lurz, die über 100, 200 und 400 Meter Freistil die WM-Norm unterbot und dabei über 200 Meter den Weltrekord von Franziska van Almsick nur um neun Hundertstel verpasste, war in Hannover schnell. Sie hatte sich mit ihrem Ehemann und Trainer Stefan in Würzburg vorbereitet. Janne Schäfer, die im englischen Badeort Bath studiert, gehörte zu den Überraschungen der Meisterschaften. Sie schaffte mit ihrem Sieg über 100 Meter Brust und einem deutschen Rekord über 50 Meter Brust die WM-Qualifikation. Am Sonnabend brach dann Daniela Samulski aus Wuppertal, die nur ganz kurz in der Höhe war, den 18 Jahre alten deutschen Rekord von Kristin Otto über 100 Meter Schmetterling.Die Meisterschaften sollten ein erster Prüfstein für das neue Konzept von Örjan Madsen sein. Der Sportdirektor des DSV setzt auf die Wirkung des Höhentrainings. Er hat bis zu Olympia 2008 in Peking sechs vierwöchige Aufenthalte in den Bergen geplant - was nicht von allen Schwimmern und Trainern begrüßt wird. Aktivensprecherin Anne Poleska etwa hält die Zeit bis zur WM zu kurz für solche Experimente.Kampf gegen die VirenMadsen kündigte dann bei einer Trainersitzung an, künftig individueller auf die Schwimmer einzugehen. Etliche Athleten aus dem Top Team kämpften in Hannover aber nicht nur mit den Folgen des Höhentrainings, sondern auch mit Erkältungsviren. Entsprechend resümierte Madsen: "Die Meisterschaften waren insgesamt mittelmäßig. Das lag teilweise an den Krankheiten. Teilweise ist das Niveau in der Breite nicht zufriedenstellend. Im Hinblick auf Peking ist die Leistung bei vielen nicht gut genug. Man darf nicht vergessen, dass wir den Maßstab Weltklasse anpeilen." Trotzdem sei er aber bereit, über Härtefälle bei der WM-Nominierung nachzudenken.Als er am Sonntag in den Ruheraum der Sauna kam, um das Team für die WM bekannt zu geben, hatten sich schon ein paar Dramen abgespielt. Wie so oft ging es dabei um Leistungsträger, die hauchdünn an der WM-Richtzeit gescheitert waren. Anne Poleska etwa, die die Norm über 200 Meter Brust um fünf Hundertstel verpasste. Madsen hatte der Olympiadritten offenbar mitgeteilt, dass er bei der harten Auslegung bleibe. Jedenfalls brach die 26-Jährige am Beckenrand in Tränen aus. Einem Reporter sagte Madsen, dass sowohl Poleska als auch Weltmeister Mark Warnecke, der die Norm über 50 Meter Brust um acht Hundertstel verpasste, nicht nach Melbourne fahren würden. "Wenn das so ist, bin ich zum Rücktritt gezwungen. Ich bin mit 36 zu alt für solche Spiele", meinte Warnecke enttäuscht. Endgültig unruhig wurde es im Ruheraum, als Madsen verkündete, er habe er sich nun doch noch nicht endgültig entschieden. Sicher sei, dass zwölf Frauen und sechs Männer, dazu alle Frauen- und zwei Männer-Staffeln bei der WM starten würden. Zu den Ausnahmeregelungen sagte er: "Es gibt Argumente für beide Seiten. Ich brauche noch einen Tag Ruhe, um die richtigen Entscheidungen zu treffen."------------------------------Buschschulte auf vier StreckenNominiert: Benannt ist auf jeden Fall schon einmal das Aufgebot für die Kurzbahn-EM in zwei Wochen in Helsinki. Jeweils 20 Frauen und Männer starten dort auf der 25-Meter-Bahn. Zu ihnen zählt als einzige Berlinerin Britta Steffen. Mit Titelambitionen reisen auch Antje Buschschulte (Magdeburg), Annika Lurz (Wiesbaden), Daniela Samulski (Wuppertal), Anne Poleska (Essen) sowie Helge Meeuw (Frankfurt/M.) und Thomas Rupprath (Hannover) in die finnische Hauptstadt.Hoffend: Sportdirektor Örjan Madsen will nun am Montag das Aufgebot für die WM in Melbourne (17. März bis 1. April) benennen. Dabei gibt es einige Härtefälle, so die Brustschwimmer Anne Poleska und Mark Warnecke, die die WM-Richtzeit nur um wenige Hundertstel verpassten. Aber auch die Europameister Britta Steffen oder Helge Meeuw hoffen noch, weil sie wegen Erkrankung nicht alle Strecken schwimmen konnten. Bei Meeuw verboten die Ärzte gleich vier Starts.Erfüllt: Zwölf Frauen und sechs Männer erfüllten in Hannover die WM-Norm. Zu ihnen zählen Annika Lurz, die den 200-m-Freistil-Weltrekord nur um neun Hundertstel verpasste. Weltrekordlerin Britta Steffen sicherte sich mit einem Kraftakt die WM-Teilnahme über 100 Meter Freistil. Helge Meeuw schaffte wenigstens über 100 m Rücken die Norm. Antje Buschschulte sicherte sich gleich über vier Strecken das WM-Startrecht (jeweils 50 und 100 m Rücken und Schmetterling).------------------------------"Wir können die Messlatte nicht nach unten legen." Örjan Madsen------------------------------Foto: Warten auf ein Wunder: Mark Warnecke, 36, hofft auf die Ausnahmeregelung.
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