Chaos im Hause Siemens

Matthias Loke
4 Min

Es ist schon schlimm genug, dass der Weltkonzern Siemens seit Monaten von schweren Skandalen erschüttert wird, deren Ausmaße längst noch nicht fest stehen. Die Öffentlichkeit konnte in den vergangenen Wochen mit Staunen erleben, wie eine Affäre zur anderen kam. Was ist da nicht alles ans Licht gekommen: Mehrere Hundert Millionen Euro, die offenbar an der Bilanz vorbei in schwarze Kassen flossen, mit denen wiederum im Ausland Auftragsvergaben mit dem entsprechenden Schmiermittel beeinflusst werden konnten. Siemens-Manager wurden kurzzeitig verhaftet. Dann geriet der Konzern in den Verdacht, sich mit Millionen-Zahlungen eine arbeitgeberfreundliche Belegschaftsvertretung finanziert zu haben. Angesichts der Skandale schien eine Rekordbuße von mehr als 400 Millionen Euro, die die Europäische Kommission wegen illegaler Preisabsprachen verhängt, fast ein Betriebsunfall.Das sind alles Ereignisse aus den letzten sechs Monaten, nicht aus Jahrzehnten. Siemens ist innerhalb kürzester Zeit zum Symbol für Korruption geworden. Als ob das nicht schon genug wäre, stürzt der Konzern in eine Führungskrise ohnegleichen. Mit der Entscheidung des noch amtierenden Vorstandschefs Klaus Kleinfeld, nicht für eine Vertragsverlängerung zur Verfügung zu stehen, ist ein gefährliches Machtvakuum an der Spitze eines der größten und traditionsreichsten Unternehmen Deutschlands entstanden. Auch wenn Kleinfeld erklärt, dass er seine Geschäfte bis zum Vertragsende im September dieses Jahres erfüllen will - er ist ein Mann der Vergangenheit, ein Mann auf Abruf, der keine strategischen Entscheidungen mehr fällen wird. Ein Zustand, den sich der Konzern in Zeiten äußerst flexibler Märkte und des globalen Wettbewerbsdrucks überhaupt nicht leisten kann. Kleinfeld selbst ist nicht anzukreiden, dass er hinwirft. Wer so wie er durch öffentliche und unwidersprochenen Spekulationen über seine berufliche Zukunft auf das schwerste beschädigt wird, kann nur noch selbst den Verzicht erklären, um einigermaßen das Gesicht zu wahren.Das ist das eigentlich Unglaubliche an dem Fall Kleinfeld - wie er zustande kam und gemanagt wurde. Es sind Spitzenkräfte der deutschen Wirtschaft, die mit kaum für möglich gehaltener Unprofessionalität die akute Krise des Konzerns noch vergrößert haben. Was Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und den neuen Siemens-Chefkontrolleur Gerhard Cromme getrieben hat, ihren Vorstandschef zu demontieren und nicht einmal eine sofortige Alternative zu präsentieren, bleibt ein Rätsel. Immerhin, so sollte man meinen, sind Vorstand wie Aufsichtsrat dem Wohl des Unternehmens verpflichtet.Dabei ist es gar keine Frage, dass auch ein Klaus Kleinfeld ersetzbar ist. Er hat etliche Pannen zu verantworten wie beispielsweise den Verkauf der der Siemens-Handysparte an den taiwanesischen Hersteller BenQ, was in der Pleite des Unternehmens und dem Verlust der Jobs für 3 000 Mitarbeiter endete. Kleinfeld hat aber auch Gewinn und Rendite des Unternehmens in den zweieinhalb Jahren seines Wirkens nach oben getrieben. Wenn man ihn wirklich aus der Schusslinie nehmen wollte, weil man nicht sicher sein kann, ob er doch noch in die Affären verstrickt sein könnte - ist dagegen nichts zu sagen. Aber der Stil und die Methoden, mit denen man dem Vorstandschef vom Sitz kippte, sind äußerst befremdlich. Vor allem, weil ausgerechnet Cromme als Vorsitzender der Regierungskommission zu Corporate Governance der erste Repräsentant einer sauberen und transparenten Unternehmensführung sein muss - also dem Gegenteil dessen, was gerade abgelaufen ist.Der Aufsichtsrat steht nun in der Pflicht, in kürzester Zeit eine Besetzung für den Chefposten zu finden, der auch ein Unternehmen beherrschen und führen kann, dessen einzelne Bereiche allein mehr Umsatz machen als andere Konzerne komplett. Das könnte schwierig genug werden. Jeder potenzielle Kandidat dürfte gewarnt sein, dass man im Hause Siemens auch schnell mal gemobbt werden kann. Möglicherweise lädt auch die Führungskrise große Finanzinvestoren ein, sich näher mit Siemens zu befassen. Wie bei der niederländischen Großbank ABN Amro sichtbar wurde, kann das schnell und überraschend Wirkung zeigen.Der Neuanfang bei Siemens ist dringend nötig, damit der Name nicht mehr mit Schmiergeld-Skandalen und Machtkämpfen assoziiert wird, sondern mit dem, für das er früher immer stand: Ingenieurskunst, die Werte schafft.------------------------------Es sind Spitzenkräfte der deutschen Wirtschaft, die mit kaum für möglich gehaltener Unprofessionalität die akute Krise des Konzerns noch vergrößert haben.

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