Chelsea und Liverpool feiern ein Hochfest der englischen Fußballkunst

Rote Ecke gegen blaue Ecke

Boris Herrmann
4 Min

BERLIN. Meine Damen und Herren, nie war die Gelegenheit so günstig, elf Verlierer auf einmal zu lobpreisen. Was die Herren Reina, Arbeloa, Carragher, Skrtel, Aurelio, Lucas, Mascherano, Alonso, Kuyt, Torres und Benayoun - allesamt Angestellte des FC Liverpool - am Dienstag veranstaltet haben, wird wohl als eine der bemerkenswertesten Niederlagen in die Fußballgeschichte eingehen. Liverpool hat beim FC Chelsea unentschieden verloren - und trotzdem gewonnen.Vier zu vier, das klingt spektakulär genug, reicht aber nicht annähernd aus, um diesem unfassbaren Champions-League-Viertelfinale gerecht zu werden. Man musste sich schon fragen, ob das noch Fußball war, was da aufgeführt wurde an der Stamford Bridge. Es hätte auch ein Open-Air-Tanzfestival sein können, eine Royal-Rumble-Wrestling-WM mit elf Mann in der roten und elf Mann in der blauen Ecke, ein Massen-Verfolgungsrennen, ein Blockbuster-Road-Movie. "Auf diese Art und Weise auszuscheiden, ist keine Schande", merkte Liverpools Coach Rafael Benitez mit Recht an. Der einzige Problem seines Teams war ja auch, dass Chelsea mindestens genau so gut war. Die Blauen dürfen nun zur Belohnung im Halbfinale gegen Barcelona antreten.Chelseas Coach Guus Hiddink gab zu, in der Pause - beim Stand von 0:2 - an das Undenkbare gedacht zu haben, an ein Scheitern im eigenen Stadion trotz des 3:1-Erfolgs im Hinspiel. Sein Herz vibrierte nach Zählung des Großmeisters mit 180 Anschlägen pro Minute. Es war dann die Naturgewalt der Achse Essien, Lampard, Drogba, die Chelsea zurück ins Spiel brachte und den Untergang der Titanic verhinderte.Elf Mal GerrardWas diesen Abend einzigartig machte, ist allerdings nicht nur der Glanz des Siegers, sondern auch die Würde des Verlierers, Liverpools Gespür für organisierten Widerstand. Wenn es am Dienstag in London jemanden gab, der nicht an die Drei-Tore-Aufholjagd aus dem Champions-League-Finale 2005 gegen Milan dachte, dann kann das nur daran gelegen haben, dass er 2005 luftdicht in eine Tonne eingeschweißt war. Die Zuschauer erlebten eine Spannungskurve, die sich nur unter Einfluss großer Mengen Stechapfel-Tee nachzeichnen lässt. Das Spiel war eigentlich schon zwei Mal entschieden - vor dem Anpfiff und in der 76. Minute nach dem 3:2 für die Blues durch Lampard. Mit zwei Doppelschlägen schüttelte sich Liverpool jedoch frei. Und spätestens nach dem 3:4 in Minute 83 durch Kuyt war diesem Spektakel wieder alles zuzutrauen. 4:4 endete es nur deshalb, weil es wenig später von einem gewissenlosen Schiedsrichter abgepfiffen wurde.Der englische Fußball ist inzwischen so englisch, dass er nahezu ohne Engländer auskommt. Am Dienstag wirkten nur drei Spieler mit, die einen britischen Pass besitzen. Die beiden Klubs, von einem Holländer und einem Spanier trainiert, haben damit bewiesen, dass die Globalisierung eben doch funktioniert. Englischer Fußball bedeutet gegenwärtig spanische Eleganz, brasilianischer Wahnsinn, afrikanische Kraft und holländischer Spielwitz in einem. Das britische Erbe, das diese multinationalen Teams in sich tragen, äußert sich vor allem in der völligen Abwesenheit von Angst. Weil weder Chelsea noch Liverpool den Fehlpass, den Stolperball, das Scheitern fürchten, sind sie englisch geblieben ohne englisch zu sein. Der Prototyp des Inselfußballers, Steven Gerrard, durfte verletzt von der Tribüne bestaunen, wie sich seine Kollegen in elf Ersatz-Gerrards verwandelten und trotzdem scheiterten - wie es sich für ein gutes Drama gehört.In besonderen Dramen wie diesen gibt es darüber hinaus sogar Verlierer auf Seiten der Sieger. Chelseas Torhüter Petr Cech ist so einer. Er sah nicht nur bei dem frevelhaften Freistoß durch Fabio Aurelio ins kurze Eck wie ein Debütant aus. Sein Wackelauftritt hinterließ am Ende die einzige offene Frage: Wie wäre dieser Abend eigentlich verlaufen, wenn Steven Gerrard auch noch mitgemacht hätte?------------------------------Foto: Der teuerste Knoten der Welt: Chelseas Großverdiener Drogba, Carvalho, Anelka, Ballack, Lampard und Essien (v. l.).

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